Verschwörungstheorien

Zuerst mal will ich überhaupt nicht darauf eingehen, ob eine Theorie oder These, die unter „Verschwörungstheorie“ läuft „wahr“ ist oder „Fake-News“. Dies spielt eigentlich gar nicht eine so grosse Rolle – und wird auch nie einen „Verschwörungstheoretiker“ überzeugen…

Es lohnt sich aber sehr – ob Verschwörung oder nicht – sich klar zu werden, welches Weltbild man dabei in sich selbst füttert…
(…oder welche Wölfe nach der altbekannten Indianergeschichte:

Wie schaue ich auf diese Welt? Welchen Gedanken höre ich zu? Welchen Wolf füttere ich?)

Und ob man wirklich in einer solch recht dunklen, bedrückenden, bedrohlichen Welt herumlaufen will. Man grenzt sich so von der Mehrheit der Menschen ab, wird einsamer und kämpft gegen die Unwissenden und gegen die „Bösen“. Oder will ich mich nicht viel eher glücklicheren Dingen zuwenden und dabei zufriedener werden?
Will ich so dunklen Gedanken nachhängen, dass Corona gar nicht existiert, dass Bill Gates böse ist, dass reptiloide Aliens die Welt beherrschen, dass Trump im Untergrund gegen Kinderschänder kämpft, und und und. Jebsen, Naidoo und Hildmann sind die prominente Speerspitze einer neuen Welle der Irrationalität, die sich auf „Anti-Corona-Demos“ erschreckend manifestiert.

Im Grunde gut!

Warum glauben so viele Menschen alles Schlechte sofort? Warum hat es der konstruktive Journalismus so schwer? Warum heisst es immer wieder «Züge verspätet» und so auffällig selten: «Afrika geht es besser»?
Weil gute Nachrichten die wenigsten interessieren. Das hat etwas mit Evolution und eine Menge mit Psychologie zu tun – anders gesagt: mit der menschlichen Natur. Der evolutionäre Teil ist schnell erklärt. Wer die Tatze eines Panthers für ein Murmeltier hält, wird weniger Chancen haben, seine Gene weiterzuverbreiten. Die schlimmsten Verschwörungen bleiben die wahren – zum Beispiel, dass wir konstant und komplett überwacht werden.
Der zweite, komplexere Grund für unseren Hang zu Verschwörungstheorien ist die Ansicht und das Weltbild: Menschen sind nicht gut und nett, sondern neigen zu Missgunst, Eifersucht, Rache und Gewalt. Und wer in sich solche Gefühle spürt, geht automatisch davon aus, dass alle anderen auch so sind. Und je einsamer die Leute sind, desto überzeugter bleiben sie von ihrer falschen Annahme. Geisterfahrer halten jeden anderen für einen.
Hier ist ein phantastisches Gegengift das Lesen des wunderbaren Buches „Im Grunde Gut“ vom Historiker Rutger Bregman.

Wie viel Vorläufigkeit halten wir aus?

Diese Coronazeit ist wie gemacht für viele Verschwörungsideen: Jetzt leben wir damit, dass die Wissenschaft sehr uneinig, schnell wechselnd und ungewiss daherkommt. Wie viel Vorläufigkeit halten wir aus? Welches Mass an Ungewissheit? Wie viel Abweichung von dem – angesichts eines neuartigen Virus leider unerfüllbaren – Wunsch nach hundertprozentiger Gewissheit?
Wo Menschen nach absoluter Wahrheit streben, liegt auch ein Einfallstor für Verschwörungsmystiker: Sie bieten, gewissermassen als Ersatz, eine Illusion von Gewissheit feil: in Form von Komplexitätsabwehr und Sündenbock-Narrativen.

Das tief sitzende Bedürfnis nach Ordnung.

Die Experimente der US-amerikanischen Psychologen Jennifer Whitson und Adam Galinsky brachten 2008 bahnbrechende Erkenntnisse zur Entstehung von Verschwörungstheorien.
Die beiden Wissenschaftler folgerten, dass es beim Menschen »ein tief sitzendes Bedürfnis nach Ordnung gibt. Und das kann, wenn jemand wenig Kontrollmöglichkeiten hat, auch eine eingebildete Ordnung sein«.
Wie genau diese Ordnung aussieht, ist dann gar nicht mehr wichtig. Hauptsache, sie existiert.
1.) Nichts geschieht durch Zufall.
2.) Nichts ist, wie es scheint.
3.) Alles ist miteinander verbunden.
Das sind die drei Grundannahmen, die Michael Butter als Bedingung für eine Verschwörungstheorie identifiziert. Der Kulturwissenschaftler leitet ein europäisches Forschungsprojekt zum Thema Verschwörungstheorien und beschreibt sie in seinem jüngsten Buch als „Indikator für die demokratiegefährdende Fragmentierung der Öffentlichkeit“. Eine Gesellschaft, die sich nicht darauf einigen kann, was wahr ist, hat ein dringendes, grundlegendes Problem.
Das Interview beruhigt. Wir fürchten Verschwörungstheorien, sagt Butter, weil wir sie als spekulativ erkannt haben. Bis in die Fünfzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts galten viele solcher Theorien schlicht als Weltwissen. Auch den Eindruck, dass es heute mehr Verschwörungstheorien gibt als vor der Verbreitung des Internets, teilt Butter nicht. 
In Subkulturen haben sie immer existiert, das Internet und soziale Medien machen sie nun viel sichtbarer. Früher mussten sich Leute, die an der Mondlandung zweifelten, mühsam Bücher über Kataloge bestellen und trafen Gleichgesinnte vielleicht zwei Mal im Jahr auf Kongressen oder Messen. Heute sind Leute, die ähnlich denken, zu jeder Tageszeit nur wenige Klicks entfernt.
Butters Forschungsfragen sind hochinteressant: Warum werden Verschwörungstheorien vor allem von Männern über vierzig verbreitet? Wie könnte eine Bildungsinitiative aussehen, die Jugendliche auf den Umgang mit Informationen vorbereitet? Und wie kann es gelingen, Verschwörungsmystiker „zurückzuholen“?
(www.sueddeutsche.de/politik/populismus-vor-allem-maenner-ueber-posten-viel-ueber-verschwoerungstheorien-1.3986916)

9/11, die Mutter aller Verschwörungen.

9/11-Verschwörungstheorien beziehen ihre Popularität zum Teil aus realen Verschwörungen westlicher Regierungen. Ihre Tatsachenbehauptungen sind dabei meist leicht zu widerlegen, wie es Popular Mechanics beispielhaft demonstriert hat. Sie spiegeln jedoch wie bei anderen katastrophischen Ereignissen ein radikales Gefühl der eigenen Macht- und Wirkungslosigkeit. Das für sie typische Verknüpfen von nicht aufeinander bezogenen Ereignissen lasse sich daher als Versuch deuten, die Komplexität der postmodernen Welt zurückzuweisen.

Verbindung von Impfgegner, Rechtspopulismus und Verschwörungstheoretikern.

Im September 2019 hatten die Gründer*innen vom „netzwerk impfentscheid Deutschland“ zu einer Anti-Impf-Demo nach Berlin geladen. Tatsächlich wird die Demonstration von Verschwörungstheoretikern mit Verbindungen in rechtsextreme Kreise dominiert. Diese drei Gruppierungen dominieren auch alle bisherigen „Hygiene-Demos“ gegen die Einschränkungen im Corona-Lockdown.

Dass viele Rechtsextreme dort dabei sind, passt gut zum bekannten Mindset diverser Abendlandretter aller Nationen: Der böse „Deep State“, der „das Volk“ verarscht und austauschen will, gehört samt „Lügenpresse“ in den jeweiligen Kreisen samt klassisch abgehangener zionistischer Weltverschwörungsfolklore und Putin- sowie Trump-Verehrung zur Grundausstattung des verwirrten Rechtsaussen.

Neu und auf den ersten Blick überraschend ist es für viele, dass sich dieser Hardcore-Verschwörercrowd nun zunehmend ein buntes Grüppchen an Menschen anschliesst, die man eher am anderen Ende der Gesinnungs- und Philosophieskala ansiedeln würde: goa-hopsende Dreadlock-Männer und -Frauen, birkenstockschlapfige Yoga-Hipster und allerhand anderes bunte Volk, das man so nicht unbedingt einträchtig in dieser Gesellschaft vermuten würde.

Die Überschneidung dreht sich um 5G, Impfstoffe und das Recht, sich nicht von der Regierung sagen zu lassen, was zu tun ist. Sie nehmen sich selbst als skeptisch, unabhängig, aufgeschlossen und mutig wahr. Aber eigentlich ist es etwas, das man auch „Neulingsskeptizismus“ nennt. Erstsemester-Skeptizismus entsteht an jenem magischen Ort, an dem ein Mangel an Allgemeinwissen, kritischem Denken und wissenschaftlichem Verständnis mit paranoiden Spekulationen, trügerischer Argumentation und oberflächlicher Überverallgemeinerung kollidiert. („The Red Pill Overlap“ von Julian Walker)
Zudem haben auch nicht wenige meiner Freunde der New-Age-Generation die hierzu passende Haltung: Wir wissen (als Auserwählte, Erleuchtete!?) was alles zusammenhält, wo das Böse sitzt und wo DER Weg zum Licht durchgeht…

Können diese Menschen weniger gut mit Unsicherheiten leben? Benötigen sie einfache Schwarzweiss-Weltbilder von „Gut und Böse“?

Veröffentlicht am 26. Mai 2020 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
27. Mai 2020