Die „goldene Regel“ und die „Platinlebensregel“ der Ethik

Die sogenannte goldene Regel der Ethik wird in der jetzigen Zeit von Covid-19 sehr wichtig. Man kann damit besser mit „Coronaskepsis“, mit Masken- und Impfverweigerung umgehen:

Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu„.
Dies meint, man soll
1. Das Gute fördern: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst.
und 2. Leid vermeiden: Tu anderen nicht an, was du nicht willst, dass es dir angetan wird.

Die Goldene Regel verlangt einen schwierigen Perspektivenwechsel. Das Sich-Hineinversetzen in die Lage Betroffener wird zum Kriterium für moralisches Handeln. Dies ist auch ihr Schwachpunkt: Wir können nicht immer gut nachempfinden, was der andere will. Es ist meist besser, zuerst eine Frage zu stellen!

Zügle deine Empathie, trainiere dein Mitgefühl!

Also heisst die «Platinlebensregel» (nach George Bernard Shaw):
«Tu anderen nicht, wie du willst, dass sie dir tun. Ihr Geschmack könnte ein anderer sein als deiner!»
Dies fordert nicht zur Empathie, sondern zum Mitgefühl auf. Also: Nicht in jemanden «einfühlen» (was einem auch schnell auslaugt), sondern soviel Gefühle der Wärme, Sorge und Liebe für sie zu empfinden – mit Distanz. Dies «kostet keine Energie»! Im Gegenteil.

Übrigens: Die grossen politischen Verführer der Weltgeschichte waren auf ihre Weise sehr „empathisch“… Empathie zur Zielgruppe – oder Nächstenliebe vs. Fremdenhass… aber kaum mitfühlend.
Weiterlesen dazu: walserblog.ch/2020/01/27/naechstenliebe/

Die zwei Weisen, Perspektiven anderer einzunehmen, unterscheiden sich also stark. Die eine ist eine sehr ichbezogene Art: Hier schliessen wir von uns auf andere. Wie würde ich mich an ihrer Stelle fühlen? Was würde ich an ihrer Stelle tun? Hier projiziere ich von mir, von meinen Erfahrungsgehalten, auf die andere Person. 
Die zweite Weise der Perspektivübernahme nennt man „duzentriert“. Das ist deutlich anspruchsvoller. Sie könnten sich, wenn Sie die Du-Perspektive einnehmen, nach einem misslungenen Treffen fragen: Jetzt hat mein Gegenüber ganz wenig geredet, wie hat es sich denn wohl aus ihrer konkreten subjektiven Perspektive gefühlt? Hier setzen wir uns nicht an die Stelle der anderen Person, sondern wir spielen etwas anderes durch: „Wenn ich du wäre …“
Kann dies gelingen? Schon der Philosoph David Hume hat in Bezug auf wechselseitige Sympathie gesagt, dass uns bei allen Unterschieden immerhin auch Universelles vereint: nämlich unser Menschsein. Und es gibt bestimmte universelle Eigenschaften des Menschen, zu denen erst einmal auch die Emotionen gehören. Auf einer ganz basalen Ebene sind die Emotionen überall auf der Welt gleich. Angst fühlt sich verengend an. Bei Wut geht der Herzschlag hoch. Und dann gibt es natürlich auch kulturelle und subjektive Unterschiede, wie bestimmte Gefühle ausgelebt werden. Vielleicht empfinde ich Trauer anders als eine Finnin. Kulturelle Rituale formen und färben unsere Gefühle.
Es gibt hier einfachere Wege:

„Anerkennung“ statt Empathie

Die gegenseitigen Anerkennung ist tragfähiger: Anerkennung setzt voraus, dass wir uns als Ebenbürtige, auf Augenhöhe begegnen, uns gegenseitig mit Ansprüchen konfrontieren und versuchen, den Ansprüchen des oder der anderen gerecht zu werden.

Das aber braucht auch andere Begriffe und Formate als die Empathie: Zum Beispiel Dialog, Diskurs oder Argument – aber dann sind wir in einer charakteristischen Weise plötzlich wieder weg vom Fühlen.

„Respekt“ statt Empathie:

Respekt: ein Bewusstsein dafür, dass jede Person gleichwertig ist und ein Recht auf ein würdiges Leben hat. Wenn ich einen gesellschaftlichen Konsens erwirken will, in dem alle Verantwortung übernehmen, dann greift der reine Appell an die Empathie zu kurz. Denn bei der Empathie entwickle ich für bestimmte Personen Mitgefühl und für andere nicht. Sobald ich aber jemanden respektiere, dann werde ich auch verstehen, dass jene Person dasselbe Recht auf Leben hat wie ich. Und Respekt kann man kultivieren oder eben nicht. In Krisen können wir die Konsequenzen des gegenwärtigen politischen Klimas beobachten, in dem der gegenseitige Respekt gefördert und gelebt wird oder eben nicht.
(Teilweise zitiert aus dem Podcast von Philosoph David Lauer, „Empathie – eine überschätzte Fähigkeit“, Deutschlandfunk, 03.03.2019)

Die Grenzen der Einfühlung

Das Philosophie Magazin im Gespräch mit der Philosophin Susanne Schmetkamp und dem Schriftsteller Bernhard Schlink:
Oft wird die Hoffnung geäussert, dass wir Werte wie Solidarität und Fürsorge in der Coronakrise neu entdecken. Was meinen Sie: Macht uns das Virus empathischer?

Schmetkamp: 
„Diesen Eindruck konnte man vielleicht gewinnen, als die Menschen auf den Balkonen klatschten für all die, die Fürsorgearbeit leisten. Aber mein Gefühl zu Beginn des ersten Lockdowns war – ich lebe in Zürich –, dass sich die Menschen nicht einmal mehr anschauten. So als ob schon ein Blick ansteckend sein könnte. So als ob man seine Emotionen voreinander verbergen müsste, weil auch sie Infektionspotenzial haben. Emotionen können in der Tat ansteckend sein. Außerdem habe ich von Anfang an mit Sorge beobachtet, wie in den sozialen Medien Menschen gedisst werden, denen das Alleinsein zu Hause schwerfällt. Vielleicht, weil sie beengt wohnen oder ein Alkoholproblem haben oder unter depressiven Verstimmungen leiden. An dieser Stelle habe ich bei vielen eine empathische Einfühlung in die Perspektive dieser Menschen vermisst.“

Schlink: 
„Das Virus macht die Menschen nicht empathischer. Zwar haben Krisen oft etwas Verbindendes; alle sind betroffen, brauchen einander, müssen zusammen anpacken. Aber im Unterschied zu anderen Krisen, die Nähe erzwingen – denken wir an das Zusammenrücken im Bunker –, erzwingt die gegenwärtige Situation Distanz. Empathie gedeiht in Nähe, nicht in Distanz. „
(Der Dialog fand statt auf der phil.cologne 2020)

Bei mir persönlich -und in meinem Umfeld – erlebe ich aber auch ein viel stärkeres Bewusstsein für Distanz und Nähe in Beziehungen. Ich spüre viel klarer, wer mir nah steht (und wer eben weniger) und ich suche meine engsten Freunde auch viel bewusster auf. Die Begegnungen werden sogar intensiver (trotz physischer Distanz) – lange Mails, selbst Briefe und Postkarten ersetzen Umarmungen… Auch der Kassiererin, Briefträgerin und der Praxisreinigungskraft begegne ich bewusster, schätze ihre Arbeit mit neuen Augen und drücke dies auch mit Worten oder kleinen Gesten aus…

Coronaskepsis und die goldene Ethikregel

„Wer gegen Masken und Impfungen auf die Strasse geht, muss sich bewusst machen, dass er zugleich für höhere Krankenkassenbeiträge und am Ende auch für höhere Steuern demonstriert. Das Geld für die Folgekosten von Corona-Erkrankungen fällt ja nicht vom Himmel. Wir Ethiker müssen raus aus der intellektuellen Komfortzone und den Leuten klarmachen: Nicht nur ihr Handeln hat Konsequenzen, sondern auch ihr Nichthandeln.“

Arzt als Impfverweigerer:
„Wenn Menschen sich aus der freien Berufswahl heraus in ein Feld begeben, in dem sie besondere Verantwortung für das Wohlergehen anderer tragen, müssen sie auch gewisse Lasten auf sich nehmen – und zwar mehr als die Allgemeinbevölkerung.“
(Wolfram Henn, Deutscher Ethikrat, Humangenetiker an Uni Saarland in DIE ZEIT, 02/21)

Zur wichtigen Differenzierung von Ethik und Moral hier: walserblog.ch/2019/04/06/entspann-dich/

Veröffentlicht am 10. Januar 2021 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
01. Februar 2021