Ausmisten

Frühlingsputz

In Ländern mit kalten Wintern war der März der erste Monat, in dem früher die Kohleöfen stillgelegt wurden: Die Menschen nutzten die steigenden Temperaturen, um die Türen und Fenster aufzureissen, den Kohlenstaub hinauszufegen und ordentlich durchzulüften.

Alternative, alte Lebensentwürfe ausmisten…

Ich will hier die emotionalen Komponenten des Zeug-Ausmistens betrachten. Dieser „Mist“ sind auch Gegenstände, die wir irgendwann mal ansammeln, weil sie für einen bestimmten Lebensentwurf stehen, für etwas, was wir gern wären – alternative Lebensskripts, die auch noch möglich wären…

Solche Dinge sammeln ist um 20 völlig okay. Dann schreibt man auch noch das Drehbuch seines Wunsch-Lebens noch in diversen Fassungen. Um 50, erst recht um 60 ist dies aber meist nur noch hinderlich. Die angesammelten Sachen, diese angestaubten Versuche von alternativen Drehbüchern behindern uns, den Moment, das Heute voll zu leben und auch zu geniessen.
Noch mehr: Diese (nutzlosen) „Besitztümer“ stehen irgendwie zwischen mir und meinem Tod. Sie schaffen in meinem Verständnis eine Barriere gegen ihn, wie Schichten von Luftpolsterfolie. Dabei schützten sie mich nicht vor ihm, wie ich zu hoffen wagte, sondern behindern mich, so dass ich, anstatt über das Kommende und die Schönheit, die jetzt hier ist, nachzudenken, an die Stapel von „glänzendem Schmuck“ denke, die ich angesammelt habe.

Memento Mori

Frühlingsputz kann uns auch emotional eine klare Sicht auf unseren Tod schenken, ein „Memento Mori“.
Ich begann, mich also von meinen Besitztümern zu trennen, zumindest von den nutzlosen.
So verkaufte ich endlich mein Selmer-Tenorsaxophon, welches schon längere Zeit nur noch unbespielt rumlag. Es war Inbegriff meines Lebensentwurfs als Musiker, als schillernde Künstlerfigur. Dieses Loslassen erleichterte mich ungemein.

„Wer gerne reisen tut, muss leicht reisen“ (Antoine de St. Exupery)

„Leicht reisen“, könnte das bedeuten, das Gepäck, mit dem ich viel zu lange herumgelaufen bin, verloren zu haben? Ausgemistet? Könnte das bedeuten, dass ich, wenn ich „glücklich reisen“ will, die Schichten von Schutzbarrieren sprengen muss, die angeblich dazu bestimmt sind, mich zu schützen, die jetzt in Wirklichkeit das Einzige blockieren, was mich jemals sicher halten könnte: Liebe zum Sein.

Wenn wir schon am Ausmisten sind…

Wenn wir schon dabei sind, altes Zeug loszuwerden und seelisch aufzuräumen:

  • Beginne Telefonnummern von Menschen zu löschen, von denen du weisst, dass du sie nicht mehr anrufen wirst.
  • Überprüfe, welche Menschen du auf sozialen Medien wirklich folgen willst und welche dir nur schlechte Laune machen. Stelle Regeln auf, nach denen du Facebook etc. nutzen willst, also nicht immer dann, wenn es eine leere Minute gibt, sondern z. B. zu bestimmten Zeiten.
  • Schaffe eine Prioritätenliste für deine Freundschaften: Willst du wirklich viel Zeit mit Menschen verbringen, die zuverlässig jedes Mal dafür sorgen, dass du dich unsicher oder unwohl fühlst, die dir Energie fressen? Gibt es jemanden, den du vermisst, der dich nährt und dem du diese Zeit stattdessen geben könntest?
  • Miste auch gleich alte Baustellen aus: Wolltest du schon immer mal mit einem Menschen aus deinem Leben noch etwas Wichtiges klären? Ist noch eine Aussprache überfällig? Wolltest du schon immer jemandem deine Dankbarkeit ausdrücken? Tu es jetzt!

Veröffentlicht am 27. März 2021 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
02. April 2021