STOIZISMUS für mehr Inneren Frieden und Lebendigkeit

Einer meiner Lieblingsphilosophen ist Baruch de Spinoza, Pantheist und Neostoiker aus dem 17.Jahrhundert. Stoizismus ist eine antike griechische Denkschule, deren Anhänger Gelassenheit, Gleichmut und die Freiheit von negativen Gefühlen (Angst, Sorgen, Wut, Geiz…) erreichen wollten. Diese Philosophie hilft mir sehr, meine Sicht auf diese Welt, meine Urteile, meine Glaubenssätze und meine Gedanken mit etwas Abstand neu zu sehen. Sie hilft mir zu meiner Entspannung, zu mehr Innerem Frieden, aber auch mehr Lebendigkeit und „Glücklichsein“.

Spinoza

Spinoza war ein Pantheist (Gott = Natur). „Gott“ ist also kein Puppenspieler, der an den Fäden zieht und dadurch bestimmt, was passiert – keine äussere Ursache. Gott lenkt die Welt durch die Naturgesetze – die „innere Ursache“ für alles, was geschieht. Spinoza hatte ein deterministisches Bild des Naturlebens (wie die alten griechischen Stoiker): Man hat als Beispiel eine gewisse Freiheit, den Daumen so zu bewegen, wie man will. Aber der Daumen kann sich nur nach seiner Natur bewegen.

In diese Richtung gehen auch die Worte von Schopenhauer: „Der Mensch kann zwar tun, was er will – nicht aber wollen, was er will.“ Montaigne, Hobbes, Locke und Russell argumentierten ebenso. Die Willensfreiheit ist also gemäss dieser Philosophen mindestens eingeschränkt.

Die Perspektive wechseln

Gegen die Angst in Zeiten von Covid hilft mir, die Perspektive zu wechseln. Was viele gerade für eine besonders schlechte Zeit halten, wäre für unsere Ururgrosseltern ein wunderbares Leben gewesen. Ich befinde mich gerade in einem warmen und trockenen Haus mit Strom, mit einer Toilette, fliessendem Wasser aus dem Hahn und mit einem Internetanschluss, der mir erlaubt von Angesicht zu Angesicht mit jemanden in Deutschland zu reden. Für unsere Grosseltern, die die Weltkriege erlebt haben, wäre meine jetzige Situation reiner Luxus gewesen. Auch global kann man die Dinge ins Verhältnis rücken: Was wir in der Schweiz einen normalen Tag nennen, wäre in vielen Teilen der Welt eine Traumexistenz. Viele Millionen Menschen leben in Hütten mit Lehmböden und müssen eine Stunde laufen, um überhaupt an Trinkwasser zu kommen.

Ankereffekt: Womit vergleichen wir uns?

Der Hauptgrund, warum viele so sehr unter der gegenwärtigen Situation leiden, ist, dass ihre Erwartungen sehr hoch sind. Der Stoizismus lehrt uns, dass es ganz entscheidend ist, womit wir die eigene Situation vergleichen. Die Psychologie kennt diesen Effekt auch, sie nennt ihn den Ankereffekt. Einer meiner Patienten schilderte mir eindrücklich, wie er sich schon als Kind mit einem Glas Wasser in schwierigsten Situationen ankern konnte. Wasser war rein und tat ihm gut.

Natürlich bedeutet die Pandemie oder Krieg in Europa für viele Menschen Not und Entbehrung, aber als ein Stoiker denke ich immer daran, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können.

Die Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns für immer glücklich machen, machen uns nicht für immer glücklich. Und die Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns für immer unglücklich machen, machen uns – wenn wir die richtige Einstellung haben – nicht für immer unglücklich. Die guten Dinge halten nicht. Die schlechten ebenso wenig.

Unser Anker ist auch in der Panik sehr wichtig: Ein ruhiger und sicherer Ort, zu dem wir immer wieder zurückgehen können und der uns einen Ankerpunkt in der unsicheren Situation gibt. Wir finden ihn auf wunderbare Weise in Meditationen: Wir können dabei immer wieder zu unserer Atmung und ihren Körperbewegungen zurückfinden – oder zu unseren Füssen (oder unsere Sitzfläche), die ruhig und sicher auf dem Boden aufliegen… Wir lassen die (panischen) Gedanken, die unweigerlich aufsteigen, los und lassen sie wie Vögel am Himmel vorbeiziehen… Wir kehren immer wieder zu diesen Ankerpunkten zurück. Das einzige, was konstant bleibt ist unsere Atmung, die Füsse am Boden, unsere Sitzfläche…

Ein Glas warmes Wasser kann ein wunderbarer Anker sein. Das warme Wasser reizt den Vagusnerv und damit unseren Parasympathikus, der dann das Tor zur Entspannung weit öffnet.

Vorbereitung auf Unangenehmes

Angst zu haben, ist für sich genommen reine Zeitverschwendung. Aber wie man mit ihr umgeht, ist trotzdem eine gute Frage. Am besten bereitet man sich auf das vor, was kommt. Man kauft Masken und lernt, sich richtig die Hände zu waschen. Genauso wichtig ist es aber, sich psychologisch zu rüsten. Stoiker sind, wenn man so will, emotionale Prepper. Wir versuchen uns bereit zu machen für Herausforderungen, die uns das Leben vor die Füsse wirft. Wir tun deshalb ganz bewusst Dinge, an denen man scheitern kann. Ich meine damit kein katastrophales Scheitern, sondern eines, bei dem man zwar hinfällt, aber auch wieder auf die Beine kommt. Wir tun Dinge, die ungemütlich sind, einfach weil sie ungemütlich sind – eine lange Wanderung oder einen anstrengenden Campingtrip. Wir tun Dinge, die uns schwerfallen, einfach nur, weil sie uns schwerfallen. Denn wer es schafft, durch das Unbehagen hindurch zukommen, wird kompetenter und selbstbewusster.
Eine immer wieder mal erlebte Grenzerfahrung ist auch für unseren Körper wichtig. An der Grenze erst lernen wir Neues und bleiben so lebendig. Gewohnheiten werden dadurch aufgerissen und man steuert damit aus einem durchschnittlichen Lebensmodus raus, der eher einer „Todeserfahrung“ gleicht.

Es ist fast immer die emotionale Reaktion auf die Herausforderung, nicht die Herausforderung selbst, die uns den grössten Schaden zufügt. Ein Beispiel: Wenn jemand sie beschimpft, fügt er Ihnen keinen Schaden zu. Es sind ja nur Worte. Was Ihnen wirklich schadet, ist, wenn Sie nachts wach liegen, einen Zornesflashback haben auf die Person, die sie beleidigt hat, und ihre Rachefantasien pflegen.

Die Technik der negativen Visualisierung

Um dem vorzubeugen, kann man eine stoische Technik nutzen, die negative Visualisierung heisst. Stellen Sie sich zunächst einen Menschen vor, mit dem Sie eine enge Verbindung spüren: der Partner, ein Kind oder Ihre Mutter. Und nun stellen Sie sich vor, dass dieser Mensch plötzlich kein Teil Ihres Lebens mehr ist. Sie bekommen einen Anruf und die Stimme am Telefon sagt: Wir haben furchtbare Nachrichten, Ihre Freundin ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Verweilen Sie nicht zu lange bei diesen Gedanken, malen Sie sich die Situation nicht zu sehr aus. Aber nehmen Sie sich einen Moment und stellen Sie es sich wirklich vor. Wenn Sie das tun, werden Sie sehen, dass es Ihre Beziehung zu dieser Person verändert: Sie werden diese Beziehung nicht länger für selbstverständlich halten. Denn es ist ein Problem, dass die meisten Menschen ihre engen Beziehungen für selbstverständlich halten. Dass sie annehmen, sie würden immer da sein. Das führt dazu, dass sie diese Beziehungen nicht mehr genügend würdigen. Wenn Sie die negative Visualisierung üben, werden Sie auf eine tiefe Art und Weise glücklich werden über Ihre Beziehungen.

Memento Mori

Dies ist das berühmte Memento Mori. Wir werden alle sterben. Alle Menschen, die Sie kennen, werden sterben. Vielleicht sterben ihre Freunde vor Ihnen, vielleicht wird es andersherum sein. Die Pandemie zwingt uns die Auseinandersetzung mit dem Tod auf. Ein Stoiker wird diesen Gedanken weder verdrängen, noch sich von ihm heimsuchen lassen. Er wird diesen Gedanken in seinem Hinterkopf behalten, die ganze Zeit. Es bringt ihn dazu, jeden Tag zu umarmen und das Beste daraus zu machen.

Gedanken nicht zu eigen machen – Achtsamkeit

Sie müssen sich bestimmte Gedanken in Ihrem Kopf nicht zu eigen machen. Hier trifft der Stoizismus auf Achtsamkeit. Haben Sie einmal probiert an einen ruhigen Ort zu gehen, sich hinzusetzen und fünf Minuten mit dem Denken aufzuhören?

Die ganze Zeit werden dabei Ideen und Gedanken erscheinen. Normalerweise machen wir uns diese Gedanken immer zu eigen. Allerdings kommen viele dieser Ideen aus einem sehr tiefen, primitiven Teil unseres Gehirns. Unser Bewusstsein ist wie das Display eines Handys. Die ganze Zeit erscheinen Nachrichten – manche davon aus seriösen Quellen, anderen von dubiosen. Wir verstehen die Technik nicht, genauso wenig wie wir den Geist verstehen. Und genau wie man eine Nachricht auf dem Smartphone nicht lesen kann, kann man eine Idee, die im Kopf auftaucht, verwerfen. Wenn ein Teil von mir ärgerlich oder böse werden will, habe ich die Möglichkeit zu sagen: Darauf habe ich keine Lust, es würde mir meinen Nachmittag kaputtmachen. Viele negative Gefühle wie Angst und Sorge kommen aus evolutionär alten Hirnarealen und waren mal sinnvoll, damit Menschen überleben. Oder sie entstanden in der Kindheit durch Urteile und Glaubenssätze, die wir in schwierigen Situationen über uns erschaffen hatten. Heute sind sie nicht mehr sinnvoll. Diese Gefühle und Gedanken sind nicht Ihr Freund, sie sind Ihr Feind.

Innerer Frieden und negative Gefühle.

Innerer Frieden oder „Seelenruhe“ ist für mich die Abwesenheit negativer Gefühle wie Bedauern, Zorn, Neid, Geiz, Scham, Schuld oder Rachegelüste. Gleichzeitig umarme ich positive Gefühle wie Dankbarkeit, Freude oder Ehrfurcht. Ein Stoiker versucht, den negativen Gefühlen keinen Platz zu geben. Und sollten sie trotzdem kommen, kümmert er sich um sie. Er sucht nach einem Weg, wie sie ihm nicht schaden und wie er ihre Energie nutzen kann.

Sie versuchen zum Beispiel Rückschläge anders wahrnehmen. Nicht als etwas Schlechtes, das Ihnen passiert, sondern als einen Test, den ein imaginärer stoischer Gott sich ausgedacht hat. Diesen Gott sollte man sich als einen guten Trainer vorstellen, der Menschen auf die Schwierigkeiten des Lebens vorbereitet. Was macht ein guter Trainer? Erlaubt er Ihnen, faul herum zuliegen, und nimmt Anteil, wenn Sie verlieren? Nein, er versucht, Sie abzuhärten.

Schicksalsschläge

Es geht darum, sich klar zumachen, worüber man die Kontrolle hat und worüber nicht. Sie haben oftmals keine Kontrolle darüber, was ihnen geschieht, aber Sie haben die Kontrolle darüber, wie Sie es framen. Wenn Ihnen etwas Schlechtes passiert, können Sie sich zum Opfer machen und sagen: Booohooo, mir ist etwas Schlechtes passiert, ich brauche Hilfe. Oder Sie können sagen: Ja, mir ist etwas Schlechtes passiert, aber jetzt wachse ich darüber hinaus. Das ist nicht immer einfach, aber es hilft, über Dinge hinweg zukommen, die einem passieren. Man kann Rückschläge auch als etwas Lustiges oder Komisches framen. Das führt dazu, dass sie über eine Sache nicht mehr böse sind, sondern darüber lachen.

Stoiker sagen: Seien Sie auf alles gefasst – auch darauf, dass Sie binnen 24 Stunden tot sein könnten. Stoiker machen etwas, das man die Meditation vom letzten Mal oder Schlimmstfall-Szenario nennen könnte. Sie unterbrechen immer mal wieder, was sie gerade tun, und treten einen Schritt zurück. Dann stellen Sie sich vor, dass Sie das zum letzten Mal tun. Das kann helfen, alltägliche Dinge zu würdigen, anstatt sich genervt durch sie hindurch zupflügen.

Rückschläge, denen wir begegnen, können als eine von imaginären stoischen Göttern ersonnene Herausforderung an unsere Resilienz und unseren Einfallsreichtum betrachtet werden. Durch diese Prüfung wollen die Götter unser Leben nicht etwa schwieriger, sondern besser machen. Das klingt erst einmal widersprüchlich. Wir können aber – stoisch betrachtet – dankbar sein, auf diese Weise auf die Probe gestellt zu werden.

Die stoische Teststrategie basiert auf einem Phänomen, das von der modernen Psychologie aufgegriffen und fortan Framing genannt wurde: Welchen Bedeutungsrahmen wir einem Ereignis geben, hat starken Einfluss auf unsere emotionale Bewertung der Situation.

die Innere Zitadelle

„Es gibt einen Ort in der Seele, wo man nie verwundet wurde.“ (Meister Eckhart)

Die Stoiker haben ein fabelhaftes Konzept: das der inneren Zitadelle. Diese Festung, so glaubt man, schützt unsere Seele. Wir mögen zwar physisch verwundbar sein, wir mögen in vielerlei Hinsicht dem Schicksal ausgeliefert sein, doch unser innerster Bereich bleibt uneinnehmbar. Marc Aurel sagte: „Dinge können die Seele nicht berühren!“. Ungeachtet meiner Geschichte, ungeachtet der Intensität der Traumata des frühen Lebens oder sogar des aktuellen Dramas, ungeachtet aller äusseren Umstände, ist der Kern meines Wesens die heitere Gegenwart Buddhas oder Jesus, der lächelnd auf mich wartet, bis ich von meiner Reise in den Wahnsinn zurückkehre und mich schliesslich ergebe. Es ist beschlossene Sache. Es gibt absolut nichts, was ich tun müsste, ausser mich zu ergeben.

Doch die Geschichte hat uns gelehrt, dass man in uneinnehmbare Festungen eben doch gelangen kann – nämlich mit Hilfe von Innen. Die Bürger innerhalb der Mauern können die Tore öffnen und die Feinde hineinlassen, wenn sie Opfer von Angst, Gier oder Geiz werden. Das passiert, wenn wir die Nerven verlieren und der Angst zu viel Raum gewähren…

Ich zitiere hier teilweise William B. Irvine, Professor für Philosophie an der Wright State University in Ohio (aus seinem Interview mit der ZEIT, 33/2020).

Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite

Ob die Jedi-Ritter im Star Wars-Universum Stoiker, Taoisten oder gar Samurai sind, ist ein in der Forschung heiss umstrittenes Thema. Doch es gibt einiges, was für die stoische Seite der Jedi spricht:
AUFS INNERE KOMMT ES AN
Auch wenn Obi-Wan Kenobi und Yoda später schon aktiv werden: Die 30 gänzlich apolitischen Exiljahre lassen sich nicht wegreden. Kein heimliches Training von Widerstandskämpfern, keine Versuche, Allianzen zu schmieden – keine politischen Pläne, nirgends. Und das bei Mitgliedern des einst politisch so einflussreichen Jedi-Ordens! Doch für die Jedi-Ritter sind äussere Umstände kontingent. Der Rückzug in die „innere Festung“ und ein vollständiger Verzicht auf Aussenwirkung ist jederzeit eine Option. Tugend ist alles.
EMOTIONEN SIND GEFÄHRLICH
Angst führt in Star Wars ganz regelmässig ins Verderben: „Du hast Angst, dass du niemals so stark werden wirst wie Darth Vader“, wirft die Heldin Rey ihrem Antagonisten Kylo Ren, dem daneben offensichtlich auch wutgebeutelten Enkel von Darth Vader, in der jüngsten Trilogie vor. Und selbst der entzückende kleine Baby-Yoda in der neuesten Star Wars-Serie The Mandalorian ist ein emotionaler Grenzfall: „Ich kann viel Furcht in ihm spüren“, meint Jedi-Ritterin Ahsoka Tano. Und weigert sich, ihn als Jedi zu trainieren. Zu gefährlich. Aller Niedlichkeit zum Trotz.
DIE FORCE UND DAS PNEUMA
Der stoische Philosophenkaiser Marc Aurel beschreibt das in seinen Selbstbetrachtungen so: „Stelle dir stets die Welt als ein Geschöpf vor, das nur aus einer Materie und aus einem einzigen Geiste besteht. Sieh, wie alles der einen Empfindung derselben sich fügt; wie vermöge einheitlicher Triebkraft alles sich bildet, wie alles zu allen Ereignissen mitwirkt, alles mit allem Werdenden in begründetem Zusammenhang steht und von welcher Art die innige Verknüpfung und Wechselwirkung ist.“ Verblüffend ähnlich Meister Yoda in Das Imperium schlägt zurück: „Die Force ist mein Verbündeter, und ein mächtiger Verbündeter ist sie. Das Leben erschafft sie, bringt sie zur Entfaltung. Ihre Energie umgibt uns, verbindet uns mit allem. Erleuchtete Wesen sind wir, nicht diese rohe Materie. Du musst sie fühlen, die Macht die dich umgibt. Hier, zwischen dir, mir, dem Baum, dem Felsen dort. Überall! Selbst zwischen dem Sumpf und dem Schiff.“ May the Force be with you! (Catherine Newmark veröffentlicht in PhiloMag am 17 Juni 2021)

Neoliberale Aneignung – eine Kritik des Stoizismus (und der „Positiven Psychologie“)

Doch gerade beim Blick in die heutige Zeit zeigt sich hier das Paradox: Die Stoa boomt. In ihrem Buch „Das Glücksdiktat“ bemerkt Eva Illouz, dass sich die wissenschaftliche Strömung der „Positiven Psychologie“, der sich in einem weiteren Sinne auch die modernen Erscheinungen des Stoizismus zuordnen lassen, seit den 2000er-Jahren rapide ausgebreitet hat: „In weniger als einem Jahrzehnt verzehnfachten sich Umfang und Einfluss der akademischen Forschung zu Glück und verwandten Themen wie subjektivem Wohlbefinden, Stärken und Tugenden, positiven Gefühlen, Authentizität, menschliches Wachstum, Optimismus und Resilienz.“

Könnte es also doch sein, dass die stoische Philosophie der Antike uns gerade heute einen idealen Kontrapunkt bietet? Dass sie die innere Ruhe und Gelassenheit in Aussicht stellt, die in Anbetracht einer Welt, die immer unübersichtlicher und hektischer wird, vielen schmerzlich fehlt?

Der Glaube daran, dass individuelle Erfüllung bei gleichzeitigem Funktionieren eines Systems, dessen primäre Logik Produktivität und Leistungssteigerung ist, möglich sei, ist aber trügerisch. Die Positive Psychologie geht mit dem neoliberalen Trend einher, die Gesellschaft zu individualisieren. Genau darin lauert laut Illouz das Problem: Einerseits wird damit eine problematische Annahme in Bezug auf unsere Selbstverantwortung präsentiert. Indem Achtsamkeitslehren uns vermitteln, dass jeder Mensch für sein Glück selbst verantwortlich ist, verlagern sie gesellschaftliche, mithin strukturelle Probleme auf die individuelle Bereitschaft, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das ist auch deshalb gefährlich, weil gesellschaftliche Missstände so naturalisiert werden: Letztlich ist ja jeder Mensch selbst schuld, wenn er nicht ausreichend nach Glück strebt. Die Schuld für Unglück und Leid wird so ins Individuum verlagert, anstatt die sozioökonomische Realität zur Verantwortung zu ziehen. In Wirklichkeit jedoch bewirkt „die exzessive Beschäftigung mit sich selbst eine Abspaltung und Entfernung von der Realität“.

Was die Anwendung von modernen Adaptionen stoischer Gedanken innerhalb unserer aktuellen politischen und ökonomischen Realität verheisst, ist also, folgt man dieser Lesart, nichts anderes, als uns zu besseren Rädchen in der Maschinerie des kapitalistischen Systems zu machen. Es wird nicht der Kern des Problems behoben, indem wir Yoga machen, meditieren und uns mantraartig an stoische Selbstverwirklichungslosungen halten. Wir lernen, unseren Stress abzubauen, indem wir die Ursachen in uns selbst suchen, anstatt etwas an dem System zu verändern, das uns so stresst. In Wirklichkeit sind Kapitalismus und Stoizismus so wenig vereinbar wie Coca-Cola und der Weihnachtsmann. Die Verantwortungsübergabe ans Individuum ist nicht nur falsch, sondern kann mithin auch gefährliche Folgen haben: „Nicht nur dürften mit dem so verstandenen Glück dieselben Gefährdungen einhergehen, die man für gewöhnlich mit dem Individualismus verbindet, sondern es ist auch mit seinen ganz eigenen Risiken verbunden. Der Blick nach innen ist eher Teil des Problems als Teil der Lösung.“ (Lisa Friedrich, Die Schattenseite der Freiheit, Philosophie Magazin)

Man muss also bei einer (zu) strengen Auslegung des Stoizismus immer anfügen, dass Selbstverantwortung auch immer Weltverantwortung heisst!

aus DIE ZEIT No.51/2020

Veröffentlicht am 23. August 2020 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
22. April 2022

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