Die „Coronakrise“ als Vision einer besseren Nachwelt.

Corona (Gedicht von Paul Celan, 1952!)
Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.
(…)
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.

„Ich habe mehr Musse, bin achtsamer, schätze das kleine Glück, lasse mehr einfach geschehen, und dabei entsteht viel Gutes…“ (Aussage einer Freundin über ihren Zustand in diesem Lockdown light, April 2020)
Oder: „All die Zeit, die ich nun habe. Die Verletzlichkeit, die sich aus meinem Innersten herausschält, ermutigt durch die Verletzlichkeit der Welt. Diese Ehrlichkeit und Demut, die sich über uns legt. Alle reden von Krise, wir reden von Krise, die Welt ist im Krisenmodus, und ich, die heimlich denkt: Irgendwie ist endlich alles auch ein bisschen normal.“ (Die Journalistin und Autorin Anna Miller im Covid-Newsletter der Republik vom 27.04.)

Wirtschaftswachstum oder mehr Solidarität und Ökologie?

Lange Zeit waren wir auf dem kollektiven Pfad des Wirtschaftswachstums als höchstem Ziel staatlichen Handelns unterwegs. Damit haben wir nun in dieser „Krise“ gebrochen. Plötzlich wird die Gesundheit grosser Minderheiten, die zum Wachstum nicht mal viel beitragen, höher bewertet als dieses Ziel.

Bisher gab es nur neoliberal handelnde Staaten, die die Wirtschaft voll gewähren liessen. Jetzt ist durch Corona die Erwartung geschaffen worden, dass ein postneoliberaler Staat für das Leben der Menschen sorgt, durch Vorsorge und Fürsorge. Der eine Pfad, den der Staat einschlagen könnte, ist der von Überwachung und Kontrolle. Der zweite Pfad wäre der des sorgenden Staates, der sich nun aktiv der Infrastrukturen annimmt, von der Nahrungsmittelversorgung bis zur Pflege und all den anderen Sorgeberufen, die einen anderen Stellenwert bekämen. Beide Pfade sind im Moment zu erkennen, einer von beiden wird es sein.

Es hängt von politischen Entscheidungen ab, schreibt Yuval Noah Harari, ob wir am Ende der Pandemie mehr Überwachung haben oder mehr Citizen Empowerment, stärkere nationale Egoismen oder mehr globale Solidarität. Schon sehr spannend, dass ich kurz vor dieser Coronakrise einen Blog über Spaltung vs. Kittung geschrieben habe: genau das entscheidende Thema jetzt: Kontrolle, Nationalismus vs. Citizen Empowerment, globale Solidarität!

In der Schweiz, wie in vielen Staaten Europas, von den USA gar nicht zu reden, sind Gesundheitssysteme und Vorsorgepläne in den letzten Jahren nach Marktprinzipien abgebaut und umgebaut worden. Besonders hart zum Beispiel in Italien und Spanien, wo nach der Finanzkrise 2008 ein drastischer Abbau von Spitalbetten, Ärzten und Pflegepersonal stattfand. Und plötzlich merken viele, dass die Berufe, die uns am Leben erhalten, lange Zeit unsichtbar gemacht und schlecht bezahlt wurden. «Die Krise, die wir jetzt erleben, wurde zwar durch ein Virus ausgelöst. Aber die Härte, mit der sie uns trifft, ist den neoliberalen Fehlentwicklungen der letzten dreissig Jahre geschuldet.» (sagt der Basler Volkswirtschafter und Soziologe Oliver Nachtwey im Interview mit der Republik)

Nachher weiter, wie bis anhin…

Ich gehe in den Ferien ins Kloster oder wandere durch die Alpen, damit ich danach bei der Arbeit wieder richtig schnell und leistungsfähig bin. So könnte es bei der gegenwärtigen Krise auch kommen, dass es danach einen nie dagewesenen ökonomischen Wachstumsschub gibt.

Aber eines sehen wir schon jetzt ganz klar: Im alten System gab es eine Dysbalance zwischen den entfesselten Märkten und einem immer handlungsschwächeren Staat. Momentan haben wir einen gigantisch starken Staat. Wenn selbst Donald Trump jetzt General Motors vorschreibt, dass sie Beatmungsgeräte produzieren sollen, sieht man daran schon mal eines: Es ist sinnvoll, wenn die ökonomischen Institutionen der Gesellschaft dienen müssen und nicht umgekehrt. Das sollten wir schaffen: dass wir die Ökonomie wieder in den Dienst der gesellschaftlichen Bedürfnisse stellen. Und auch auf der Ebene des gemeinschaftlichen Handelns entsteht gerade viel Gutes.

Zum Beispiel sehen wir gerade viele solidarische Aktionen: Menschen helfen ihren älteren Nachbarn, sie musizieren gemeinsam auf dem Balkon oder klatschen für Pflegepersonal. Bekannte Küchenchefs haben sich temporär von der Gourmetgastronomie verabschiedet und kochen für die Armen der Gasse (Daniel Humm, Heinz Reitbauer, Max Strohe, Rasmus Munk…). Wir sehen, dass Menschen in der Krise bereit sind, zusammen zu handeln und an andere zu denken, denen es nicht so gut geht. Darin liegt eine historische Chance. Wir sollten sie nicht verstreichen lassen!

die gute Nachricht aus dem Tagesanzeiger vom 29.04.20

Visionen

Hoffen wir, dass die Ärzt*inen in Spitälern gesetzlich nicht mehr als 6 Stunden pro Tag arbeiten dürfen. Solange sind sie gemäss der Erfahrungen in Wuhan und Milano noch fit – nachher wird’s gefährlich!
Hoffen wir auch, dass die miesen Löhne der Pflegenden, Müllmänner, Pöstler oder Kassiererinnen angehoben werden.
Hoffen wir auch, dass Nachbarschaftshilfe weiterhin so gepflegt wird.
Hoffen wir auch, dass wir einen neuen, achtsamen Umgang mit Erkältungskrankheiten erwerben: In unserer Kultur sollte sich ändern, dass man in Zukunft auch mit Erkältungern zur Arbeit geht und dass man mit Husten und laufender Nase nicht mehr in die öffentlichen Verkehrsmittel steigt oder einkaufen geht. Falls doch, dann immer mit Gesichtsmaske!
Vielleicht werden auch Männer einmal mehr die Hände nach dem Pipimachen waschen…
Vielleicht wird in Zukunft auch beim Autofahren etwas mehr Abstand und Rücksicht genommen…
Auch unser (teils feuchtes, schmieriges) Händedrücken sollte vielleicht mal grundsätzlich überdacht werden…

Denkanstösse

Coronakrise und Umwelt – New Green Deal!

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die globalen CO2-Emissionen aus? Um dazu konkrete Zahlen zu bekommen, hat der Guardian bei einer norwegischen Beratungsfirma eine Analyse in Auftrag gegeben. Zusammengefasst die Ergebnisse:

  • Die CO2-Emissionen werden 2020 wohl um fünf Prozent sinken. In Tonnen ausgedrückt ist das mehr als die größten durch Rezessionen der letzten fünfzig Jahre bedingten Rückgänge zusammen.
  • Der weltweite Ölverbrauch könnte fünfmal stärker zurückgehen als in der Folge der Finanzkrise 2008. Das geht vor allem auf das Konto des Flugbetriebs. Doch auch der Rückgang beim Autoverkehr fällt hier durchaus ins Gewicht: Der Benzin- und Dieselverbrauch dürfte über das Jahr gerechnet um 10 Prozent sinken.
  • Bei Erdgas und Strom rechnen die Analysten mit einem Minus von je 3 Prozent.
  • Der Energieverbrauch Chinas wird im Mai wieder anziehen und im September das Vorjahresniveau erreichen.

Die wohl wichtigste Botschaft des Artikels verbirgt sich aber in einem Zitat von Fatih Birol, Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA):
“This decline is happening because of the economic meltdown in which thousands of people are losing their livelihoods, not as a result of the right government decisions in terms of climate policies. The reason we want to see emissions decline is because we want a more livable planet and happier, healthier people.” (Carbon emissions from fossil fuels could fall by 2.5bn tonnes in 2020 | Environment | The Guardian)

Achtung: Angenommen, die Menschen fallen in ihrem Konsum- und Mobilitätsverhalten nicht in alte Muster zurück, wenn Corona überstanden ist. Dann werden die Emissionen trotzdem gegenüber dem (immer noch zu hohen) Niveau von 2020 ansteigen. Vor allem aber sinkt damit der Druck auf die Politik: Menschen drängen weniger stark auf strukturelle Veränderungen wie die Einführung einer CO2-Steuer, wenn sie kleine persönliche Opfer für den Klimaschutz bringen.

Die Gefahr besteht, dass die Emissionen zusätzlich ansteigen werden, wenn die Wirtschaft ihre Verluste wieder kompensieren will und die Menschen nach der Krise wieder in Konsum- und Fluglaune kommen. Aber es ist nun auch eine grosse Chance, die aufkommende Konjunktur nach der Krise zu nutzen, um neue Investitionen in eine saubere Energieversorgung und die Elektrifizierung des Verkehrs zu lenken.
Für mich ist aber klar, und das ist eine weitere Parallele zur Pandemie:
Es braucht Regeln, die für alle gelten. Mit Freiwilligkeit und allein mit dem Markt ist das nicht zu schaffen. Da braucht es klare politische Rahmenbedingungen: Verbote, Lenkungsabgaben, CO2-Steuern. Und das Ziel, die Emissionen bis 2030 um 50 Prozent allein im Inland zu reduzieren. Also neue Volksinitiativen!

Velo- und Wanderboom

Autos ermöglichen zwar Social Distancing, aber nur für diejenigen, die sich ein Auto leisten können. Gerade Menschen in systemrelevanten Berufen sind aber häufig auf Bus und Bahn angewiesen. Oder gehen, gerade jetzt, zu Fuss oder fahren Rad. Man sollte jetzt nicht den Forderungen nach Mehrwertsteuersenkungen für Autos nachgeben und nach dem Shutdown nicht wieder zur Dominanz des Autos in den Städten zurückkehren. Man kann sich vorstellen, auch in Zukunft durch mehr Homeoffice den Pendelverkehr zu verringern.

Der Anfang vom Ende der klassischen Medizin

Diese Coronakrise könnte tatsächlich das Ende der bisherigen Medizin einläuten. Denn eine Medizin, die die Krankheit aus dem Blick verliert und sich auf die Gesundheit konzentriert, ist keine Medizin im herkömmlichen Sinn mehr. Im Kampf gegen Covid-19 erreicht die biomedizinische Forschung eine systemische, komplexere, der Gesundheit und dem Leben zugewandte Ebene. Und weil das eine positive Entwicklung ist, weil wir alle davon profitieren werden, ist dieser Anfang vom Ende der klassischen Medizin eine gute Nachricht. (aus riffreporter, 15.4.20)

Arbeitszeitverkürzung

2019 arbeiteten die Vollzeitangestellten, gemäss Bundesamt für Statistik, in der Schweiz durchschnittlich 42.5 Stunden pro Woche. Damit belegt die Schweiz vor Island (42 Std) den Spitzenplatz der europäischen Länder. Ist dies noch gesund und sinnvoll?
Das Instrument der Kurzarbeit ist eine Win-Win-Situation für Staat, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und zwar nicht nur in Zeiten von Wirtschaftskrisen mit massiven Einbrüchen in Produktion und Dienstleistung, sondern auch darüber hinaus. Nach Beendigung einer Rezession kann Kurzarbeit dazu benutzt werden, die vorhandene Arbeit insgesamt fairer auf alle Arbeitnehmer zu verteilen. Insofern weist Kurzarbeit weit über die aktuelle Krise hinaus und deutet die Perspektive einer neuen gewerkschaftlichen Offensive für generelle Arbeitszeitverkürzungen an.

Das grossangelegte Experiment mit Kurzarbeit, mit welchem Länder wie Deutschland, Schweiz und Österreich schon während der Finanzkrise sehr erfolgreich waren (der Anstieg der Arbeitslosigkeit konnte in Grenzen gehalten werden) verdient es, über die Krise hinaus erweitert und fortentwickelt zu werden. Dabei zeigt sich, dass eine Arbeitszeitreduktion für alle weniger kosten kann als Arbeitslosigkeit.

Künftige Corona-Narrative

Fritz Breithaupt lehrt Literatur- und Kognitionswissenschaft an der Indiana University Bloomington (aus DIE ZEIT, 18/2020):
Noch wissen wir nicht, wie das künftige Corona-Narrativ aussehen wird und wie es das Leben der heutigen Jugendlichen bestimmen wird. Aber wir können die ersten fünf Kandidaten für ein Narrativ benennen.

  • Corona, eine Delle, dann Wiederkehr der Normalität – dieses Narrativ gibt vielen Halt. Alles soll schnell wieder sein wie zuvor. Es ist eine Nicht-Erzählung, in deren Zentrum das Vergessen der Helden wie der Opfer steht. Nostalgie verklärt die Erinnerung.
  • Eine düstere Wendeerzählung liefert das Narrativ des Aufstiegs der totalen Kontrolle. Ja, Corona wurde besiegt. Aber dies geschah mittels der Mechanismen der Überwachung. Apps kontrollieren jede Bewegung, von China bis Chemnitz, Gesetze zum Datenschutz werden aufgeweicht.
  • Die positive Erzählung hält dagegen: Die Stärke der kollektiven Aktion gewinnt. Wir horten nicht mehr, basteln unsere Masken selbst; wir leisten freiwillig, was andernorts harschen Zwang erfordert und überwinden so gemeinsam die Krise. Gewinner ist eine Menschlichkeit, die Verwundbarkeit zulässt.
  • Wir sehen derzeit viele Bilder des Leidens. Menschen sterben allein; die Städte sind leer; Menschen haben keine Aufgabe. Es ist das Narrativ der Depression. Es greift aus auf unsere Kommunikation: Facebook, Zoom, Skype führen uns vor allem unsere Hilflosigkeit vor Augen; auch das Wunderhorn Amazon belegt: Wir zappeln in einem Netz, in dem wir nur Abwesenheiten spüren. Wer in diesem Narrativ lebt, wird vereinsamt bleiben.
  • Hoffnung verspricht das Narrativ des Versagens der egomanischen Mächtigen. Denn im Moment der Krise versagen Trump, Orbán, Putin und Bolsonaro; die falschen Helden fallen. Und die Krise führt zu einem globalen Umdenken. Befürworter der weltweiten Kooperation werden stärker; Wissenschaft und Vernunft gewinnen. Was nahezu unmöglich schien, wird wahr: Die Welt beschliesst Klimaschutz. Virale Infodemie und Verschwörungstheorien werden als Gerüchte, Halbwahrheiten, Falschinformationen, Unsinn und bewusste Lügen gebrandmarkt.

Weiterhin Hamsterrad-Ausstieg, diesmal aber lustvoll als „Happy Lockdown“!

Wäre es als Vision möglich, dass wir – was wir momentan aufgezwungen bekommen und teils leidend erleben – neu viermal pro Jahr eine Woche lang (anfangs jeder Jahreszeit) als freiwilligen „Happy Lockdown“ europaweit lustvoll tun. Das lustfeindliche Social Distancing wär ja nicht mehr nötig, umso mehr aber die Entschleunigung mit weniger Konsum, weniger Rumfliegen, kein Autofahren…

Auch anstatt die unsäglichen „Black Fridays“ von vorgestern mit bornierter Konsumsteigerung, bietet jede*r etwas an, was die Natur und unsere Gesundheit verbessert: Vegirestaurants zum halben Preis, Solarpanels ebenso, Ersteigern eines Windrads…

Weiterführende Links: psychologie-heute.de/coronavirus

Veröffentlicht am 01. Mai 2020 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
27. Mai 2020