Psychedelische Drogen als neue Therapieoption in der Medizin

Ketamin (Ketalar®), ein sogenanntes «dissoziatives» Narkosemittel, seit den 70er Jahren in der Anästhesie in bewährter Anwendung, ist neu auch «off label» bei therapieresistenten Depressionen (im, iv, oral, intranasal) mit Erfolg versucht worden.

Diese „dissoziative Wirkung“ wird als zentraler Wirkmechanismus all dieser psychedelischen Drogen bei schweren psychischen Leiden vermutet. Die Dissoziation kann zu einer ganz neuen Wahrnehmung des gewohnten Zustandes ausserhalb des krankhaften psychischen Selbstbildes führen. Dies kann heilend wirken, da man darin wieder seine positiven und gesunden Anteile entdeckt und sich endlich wieder mal anders erlebt. Man ist dann nicht mehr immer die „niedergeschlagene, traurige Depressive“, die „schreckhafte, schlafgestörte Traumatisierte“ oder der „verwirrte Schizophrene“. Erst jetzt kann ich mich „vorurteilsfrei und bedingungslos“ zum Beispiel als „erotisches, sinnliches Wesen“ oder als „freudig, lebendiger Mensch“ erleben. Nach der Einnahme wurde von Studienteilnehmern von einem „glücklicheren Selbst“ berichtet, das ihnen neue Perspektive auf die Welt ermöglicht hat.

Solche Wirkungen wurden auch schon bei anderen psychedelischen Drogen, wie Cannabis, Psilocybin, Ayahuasca, LSD oder Ecstasy/MDMA gesehen. Sie wurden in (kleinen) Studien bei schweren Verläufen von Depressionen, Angststörungen oder auch bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) angewendet, wo die herkömmlichen Antidepressiva und Psychotherapie zu wenig ausrichteten. Psychedelische Drogen scheinen im Vergleich zu herkömmlichen Antidepressiva eine schnellere und langfristigere Besserung zu erzielen. Sie können auch punktuell neben einer laufenden Psychotherapie gegeben werden und dabei zuvor verschlossene Tore öffnen und die Therapie damit auf ein neues Niveau bringen. Denn Depressionen und Angststörungen beruhen auf Denkmustern, die sich über Jahre hinweg im Gehirn der Betroffenen verfestigt haben. Im Zuge einer Behandlung müssen diese Muster aufgebrochen und umgeformt werden, was mit diesen Drogen geschehen kann.

Die vielfältige gute Wirkung von Cannabis gegen verschiedene Symptome von Krebs (z.B. Schmerzen) wie auch der Chemotherapie-Nebenwirkungen (z.B. Übelkeit) ist bereits altbekannt.
Auch Psilocybin aus Magic Mushrooms, wirkt gut und lang andauernd gegen Angstgefühle und Depressionen bei Krebskranken im fortgeschrittenen Stadium. Die einmalige (orale) Einnahme von Psilocybin wirkte mehrere Monate lang!
Dasselbe kann von LSD gesagt werden. (Pilot Study of Psilocybin Treatment for Anxiety in Patients With Advanced-Stage Cancer. Grob CS et al., „Archives of general psychiatry“>Arch Gen Psychiatry. 2010 Sep)

Weltweit Aufsehen erregte 2016 eine britische Studie. Nach Gabe von 10 g und nochmals 25 g Psilocybin im Abstand von 7 Tagen waren von 12 Patienten mit moderater bis schwerer therapieresistenter Depression 5 Patienten in Remission und das auch noch nach 3 Monaten. In einer weiteren Studie aus 2018 mit vergleichbarem Setting konnten die Forscher zeigen, dass eine Remission auch noch 6 Monate nach der Behandlung anhielt.

Wie stark die depressiven Symptome in den Studien zurückgingen, hing dabei mit der Qualität der akuten psychedelischen Wirkung – oder anders ausgedrückt – mit der Intensität der spirituellen Erfahrung zusammen.

Doch nicht nur bei schweren Depressionen scheint Psilocybin seine magische Wirkung zu entfalten. So ergaben Studien an Patienten mit terminaler Krebs-Erkrankung, dass auch bei diesen Patienten Depression und Angst noch 6 Monate nach der Behandlung signifikant verringert waren.

Auch mit anderen psychedelischen Substanzen konnten bereits beachtliche Therapie-Erfolge erzielt werden. Eine Studie mit Ecstasy aus dem Jahr 2018 führte bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung zu signifikant reduzierten Symptomen – auch noch ein Jahr nach einer Einmaldosis

Man muss aber auch erwähnen, dass kaum grössere Studien bestehen und zum Beispiel die sinnvolle Dosis dieser Drogentherapien unklar ist. Aber wer bezahlt bei so alten und günstigen Substanzen die notwendigen Studien?!

Besonders ausgeprägt sind bei Respondern eine spirituelle Erfahrung, ein glücksseliger Zustand, das Gefühl von Einheit mit der Welt, Einsicht und die Verringerung von Angst.

Prof. Dr. Franz X. Vollenweider, Universität Zürich, gilt in der wissenschaftlichen Community als der Mann mit den größten klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen mit Psychedelika in Europa. Er beschrieb, was Patienten erleben. Diese sind hell wach, alle Sinne werden aktiviert. Bei niedrigen Dosen können Pseudo-Halluzinationen auftreten, bei höheren Dosen auch Halluzinationen. Die Substanzen verändern die Art, wie Affekte verarbeitet werden, den Denkprozess, die Stimmung und das Gefühl des Selbst. Das Wichtigste für die therapeutische Wirksamkeit ist diese ozeanische Entgrenzung, eine Auflösung der Ich-Umwelt-Abgrenzung.

Die emotionale Empathie, das sich Hineinfühlen in andere nehmen zu. Und die Patienten nehmen wieder eine stärkere Beziehung zu ihrer Umwelt auf – ein Hinweis darauf, warum eine antidepressive Wirkung eintritt. Denn während einer Depression sind gerade ein verstärkter Fokus auf sich selbst und verarmte soziale Interaktionen typisch.