Sinn im Leben

Der „Sinn im Leben“ scheint ein immens wichtiger Faktor für unsere Gesundheit zu sein. Davon abzugrenzen ist der „Lebenssinn“, dessen Bedeutung philosophisch sehr unterschiedlich bewertet wird (auch Sinnlosigkeit…). Beim Sinn des Lebens geht es um philosophische Fragen wie: Warum sind wir überhaupt hier? Was ist Menschsein? Haben wir eine bestimmte Aufgabe? Wer hingegen einen Sinn in seinem Leben erkennt, hat den Eindruck, es hat einen Zweck und eine Bedeutung, zu leben. Sinn im Leben zu finden, heisst zu glauben, dass das, was man ganz persönlich macht, für die Welt einen Unterschied macht.

“Sinn im Leben“ und „Glück“

Viktor Frankl hat einmal geschrieben: »Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.«

„Ich habe nichts gegen glücklich sein. Glück ist etwas Tolles. Aber ich habe den Eindruck, es ist überbewertet. Freude und Glück sollten Teil unseres Leben sein. Aber wenn es Ihnen um Ihre Gesundheit geht, dann geht es nicht so sehr um Glück. Wissenschaftler haben sich angeschaut, was sich wirklich auf die Gesundheit auswirkt: Glücklich sein scheint einen kleinen Effekt zu haben, aber es wirkt nicht so stark wie Sinn im eigenen Leben zu sehen.“  (Adam Kaplin, Neurosychiater und ausserordentlicher Professor an der Johns-Hopkins-Universität im Interview, DIE ZEIT, 26 / 2021)

„Sinn im Leben“ kann auch hochgestochen klingen. Der ganz alltägliche Sinn wird von dem japanischen Wort „ikigai“ eingefangen. Gemeint ist all das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen: Freude am Tun, an Kunst, am Anblick einer Waldlichtung, an der Verbindung mit lieben Menschen.

Verbindung von Sinn im Leben mit unserer Gesundheit

Wer wenig Sinn im Leben sieht, der scheint immer etwas höhere Kortisolspiegel im Blut aufzuweisen, also weniger entspannt zu sein und immer etwas im Stress. Die Folge davon sind eine stete leichte Schwächung des Immunsystems. Das Hormon Kortison fährt ja unser Abwehrsystem herunter, was sehr wichtig ist, wenn wir grossen Stress erleben. Dieser Mechanismus sollte aber, nach Aufhören des Stress, wieder zurückfahren. Und dies geschieht bei diesen „sinnleeren“ Menschen weniger.

Sinn im Leben führt auch zu einem „besseren“ Leben

Dadurch ist die allgemeine Entzündungsneigung bei ihnen etwas höher. Nun wissen wir, dass chronische Entzündungen ein zentraler Motor von diversen schweren Krankheiten unserer Gesellschaft ist: Arterienverkalkung (die zu Herzinfarkt und Hirnschlag führt), Diabetes, Alzheimer, Depression,…
Man kann also auch so formulieren: Wenig Sinn im Leben führt zu mehr Entzündungen und damit zu mehr Herzinfarkt, Hirnschlag, Depression, Diabetes und Alzheimer!
Noch ist dies nicht endgültig bewiesen, aber es gibt erste Daten, die darauf hinweisen (Nature: npj- Fogelmann & Canli, 2015).

Menschen, die einen Sinn im Leben spüren, kümmern sich wahrscheinlich besser um sich selbst. Sie wollen noch etwas erreichen. Deshalb essen sie vielleicht besser oder machen mehr Sport oder engagieren sich in ihrer Beziehungen und Nachbarschaft. All das könnte sich auf die Gesundheit auswirken. Und es wäre sehr interessant zu erforschen, ob das Sinnerleben auch dazu führt, dass Menschen beispielsweise mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen.

Wie können psychedelische Substanzen hier helfen?

Erste Studien belegen, dass die Substanz Psilocybin den Sinn, den Menschen in ihrem Leben sehen, erhöht, wahrscheinlich weil es zu einer Art Auflösung des Ichs führt. Die Menschen fühlen sich weniger als Person und mehr als Teil eines grösseren Ganzen.
Lesen Sie dazu auch diesen Blogbeitrag: walserblog.ch/2018/06/21/drogen-als-psychotherapie/

Quellen:
„Purpose in Life“ as a psychosocial resource in healthy aging: an examination of cortisol baseline levels and response to the Trier Social Stress Test. Fogelman, N., Canli, T.; npj Aging Mech Dis 1, 15006 (2015)
Adam Kaplin im Interview, „Das ist ein gigantischer Effekt“, DIE ZEIT, 26 / 2021

Veröffentlicht am 04. Juli 2021 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
09. Juli 2021

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