Übergänge und Zwischenräume im Alltag

Wir rennen im Alltag ruhelos und viel zu schnell von einem zum anderen und atmen dabei kaum richtig aus, bleiben ständig in Spannung, füllen jede Lücke mit dem Blick aufs Smartphone, immer in Kontakt draussen… Dabei sind diese kleinen Übergansperioden und Zwischenräume des Alltags (z.B. unterwegs im Zug…), die leer, ruhig und langweilig (!) wirken kleine Rückzugsinseln und enorm wichtig für unser alltägliches Gleichgewicht.

In meiner Hausarztsprechstunde scheinen Menschen, die klagen, immer müde zu sein, häufiger zu werden. Ich rate ihnen, bewusst die Übergange und Zwischenräume zu pflegen und das Belastende (Arbeit, Pflichten,…) rituell zurückzulassen, indem man zum Beispiel eine halbe Stunde ruhig zu Fuss geht oder auf eine Bank sitzt und ins glitzernde Wasser schaut – und erst dann in den neuen Tagesabschnitt eintaucht. So hat man das „Mühsame“ zurückgelassen und schleppt es nicht noch in der Freizeit mit sich rum.

Dann der Übergang vom Tag in die Nacht: den Tag mit einem kleinen Ritual, bereits im Bett liegend, abschliessen: zum Beispiel mit dem Rückblick auf die Tagesereignisse: Was ist mir heute passiert, was habe ich erlebt- und wie hab ich mich dabei gefühlt. Am besten von jetzt an zurück bis zum Erwachen am Morgen…
Dann von der Nacht in den Tag: noch etwas liegenbleiben und nicht gleich aufschiessen und zum Beispiel kurz den Körper durchscannen: Wie fühlen sich die Füsse an: warm, kalt? belebt? ent- oder gespannt? Dann die Unterschenkel – dann die Oberschenkel – das Becken, etc. bis zum Scheitel…

Ein weiterer Übergang, der mir sehr wichtig scheint, ist der zwischen den Ferien und der Arbeit. Nehmen Sie sich dazwischen einen ganzen Tag frei – ohne irgendeine Abmachung und „pflegen“ Sie auch hier einen ruhigen Übergang, um sich aufs Neue einzustellen.

Als weiteres Beispiel höre ich in meinen Rolfingsitzungen immer wieder, dass es so mühsam sei, „immer“ an die neuen Haltungen zu denken…

Ökonomische Alltagsbewegung und –haltungen (wie ich den Leuten im Rolfing lerne: www.dr-walser.ch/rolfing.htm) sind ähnlich einer Meditation:
Zuerst beginnt man achtsam bei beiden mit dem Einnehmen der neuen Haltung. Dieser bewusste Übergang braucht einen eigenen Raum und auch etwas Zeit. Nachher kann man nur noch die Früchte ernten und alles wird leichter. Die Bewegung geht wie von selbst, also ökonomisch weiter – und die Sitzposition zum Meditieren wird leicht und ruhig. Man kommt in seinen Flow.

Also: Der Übergang, der Zwischenraum ist wichtig – nachher läuft es wie von selber!

Und dies ist auch möglich auf dem Bahnsteig, im Warten – oder vor dem Ladengeschäft, das noch nicht geöffnet hat. Es sind diese fünf Minuten im Alltag, die uns viele kleine Übungsräume schenken – wenn wir sie auch wahrnehmen…
An die Haltung nicht nur denken, sie ausprobieren im Kleinen, sich einlassen auf den kurzen Moment der Übung im Jetzt. Nicht immer nur die stillen, passenden Momente suchen, wo wir es schaffen, innezuhalten.
Mit Meditation ist auch gemeint: Das Bei-Sich-Verweilen und Innehalten in den Alltag zu integrieren.
Kleine Momente finden sich immer. Tun wir es einfach.

Man kann zur Hilfe auch „Übergangs-Objekte“ benützen: Ich denke, die homöopathischen Kügelchen sind wie die Oblaten in der Kirche (oder wie der Teddybär für das Kleinkind!) solche „Objekte“, die das so wichtige Übergangsritual begleiten und verstärken.

Zwischenräume sind auch eher unbemerkt und bescheiden, leer – und trifft man zudem im Leben an vielen unerwarteten Orten. Es braucht eine gewisse Aufmerksamkeit dafür. Diese Offenheit für das Ungewöhnliche Dazwischen ist die Voraussetzung.

Wo findet man Zwischen-Räume?
Wieder im Rolfing (das Bindegewebe!); der wichtige Raum, die Pause zwischen Ein-und Ausatmung; den Raum zwischen Menschen (die dabei auch sehr nahe, ja verschmolzen sein können und trotzdem dieser Membran dazwischen bewusst sein sollten…);
die Langeweile (die leeren Momente, die sich durch alles füllen können – wenn man sie zulassen und nicht-wissend, ziellos warten kann!); – hierzu meinen Blogbeitrag über Langweile!
die drei Pünktchen in den Mails… die ich zum Beispiel häufig setze, da ich die Erweiterung meiner Gedanken damit für mich und das Gegenüber offen lasse! Diese eindrückliche, langsame Sprache in wichtigen, gehaltvollen Sätzen (oder beim Erzählen einer Schlüsselstelle), wo jedes Wort für sich steht…
…am Körper die Zwischenräume erforschen: in der Ellbeuge, Kniekehle – zwischen den Brüsten, in der Achsel, „the gap“ – Übergänge, Verbindungen: dort geschehen die unerwarteten Dinge…und es riecht verführerisch (was direkt unter Umgehung der Hirnrinde in den Hirnstamm, unser Reptilienhirn geht!)…
„und“ sagen statt „aber“- Zwischenraum vs. Gegeneinander und ohne Raum…
ja sogar diese Zwischenwelt der Geister, Dämonen, Energien…
in der Musik: die Improvisation…

…überhaupt die Grautöne – und nicht eine Schwarzweissmalerei, die uns immer in die Enge führt…

…auch die Atmosphären wahrnehmen: Der Welt Raum geben in der Wahrnehmung, den Raum erfühlen.
…durch den eigenen Körper Reisen: Wie fühlt es sich in meinem Körperzwischenraum an? Im Bein, im Bauch? Ist es warm? Unangenehm? Da kann ich mich verweilen, Dinge zulassen, die sonst im „machen“ nicht hervor kommen.
…in den kleinen Zwischenzeiten im Alltag, die oft nur wenige Minuten dauern können: Bewusst innehalten, auf dem Klo, vor dem Spiegel, beim Warten… die Welt um sich und in sich empfinden! …Nicht nur denken, was man noch tun sollte.
…im Beobachten von Menschen, ohne zu werten…
…die Übergänge sind auch vor dem Schlafen da: zwischen hier und da… wenn ich mich nochmals ganz bewusst im Körper wahrnehme, bevor ich einschlafe, bin ich mir dem Übergang der zwei Welten auch bewusster und mir selbst. Auch ein Zwischenraum.
…auch Flirten ist ein Zwischenraum bei Menschen – im Zug, auf der Strasse, unter Freunden. Es trägt zur Beziehungsfähigkeit von uns Menschen bei und stärkt uns im Alltag. Wir werden gesehen und wahrgenommen. Ein Raum entsteht zwischen Menschen, ein Dazwischen, welches farbig und immer wieder neu gefüllt werden kann.

Und… Wir halten Glück für etwas Zufälliges, was ich nicht ganz zutreffend finde. Glück hat mit Wachsamkeit zu tun, mit dem Bemerken der Gelegenheiten, die sich einem bieten – also mit dem bewussten Leben dieser Übergänge und dem Wahrnehmen dieser vielen Zwischenräume im Alltag.
Man kann dem eigenen Glück nachhelfen – wenn man sich nicht auf einen Standpunkt versteift, sondern beweglich, offen und weit bleibt.