„Alterszipperlein“ – oder die Bedeutung derselben Symptome mit zwanzig- oder fünfzigjährig…

Wenn wir mit 70jährig unter Gelenk- oder Gliederschmerzen leiden, sind diese Symptome für uns sofort Ausdruck des fortschreitenden „Älterwerdens“, Ausdruck des Abbaus und Zerfalls, quasi bereits Vorbote des nahenden Todes…
Mit zwanzig leiden wir ebenfalls bereits sehr häufig (ich würde sogar behaupten: gleich häufig) unter denselben Symptomen. Dann jedoch geben wir dem aber eine völlig andere, harmlosere Bedeutung: Das schlechte Schlafen war schuld – oder der viele Sport gestern – oder „Schicksal“…

Dasselbe bei unserer Hirnleistung: Vergesslichkeit (auch nur von Eigennamen, deren Vergessen ja völlig normal ist!) wird bereits ab 50 häufig sofort als Ausdruck eines beginnenden „Alzheimers“ gefürchtet… Mit zwanzig war der Alkohol gestern schuld – oder die Langeweile des Themas – oder sonstige Unpässlichkeiten…
Dabei weiss man nun aus mehreren Studien sehr gut, dass eine altersbedingte Abnahme der geistigen Fähigkeiten überhaupt nicht unausweichlich ist. Im Gegenteil: Seniorinnen, die weder an Bluthochdruck, noch an Diabetes leiden und nicht rauchen, haben sehr gute Chancen, im Alter von 85 Jahren noch geistig völlig fit zu sein.

Heute sind die 75jährigen kognitiv fast 20 Jahre jünger als noch vor zwei Jahrzehnten!

Zudem weiss man aus der Hirnforschung, dass auch ein „altes“ Hirn noch lernen und wachsen kann, wenn Begeisterung und Freude im Spiel ist! The brain run on fun!

In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass auch ein junges Hirn in Sachen Lern- und Gedächtnisleistungen mickrig wenig leistet. Auch jugendliche Akademiker können sich nach einer Tagung gerade mal an 8% des Programms erinnern – und nur gerade an die Hälfte davon richtig! Diese Ergebnisse tauchen die Annahme, dass wir im Alter langsam aber sicher unser Gedächtnis verlieren, in ein ganz anderes Licht. Unser Gedächtnis ist zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens präzise, unfehlbar und vollständig (Dies sei auch unseren rechthaberischen Zeitgenossen unter die Nase gerieben!).

Vergesslichkeit ist das eine, Zuverlässigkeit das andere, und gemeinsam ist beiden, dass das Gedächtnis nie auch nur annähernd versucht, das dauerhaft abzuspeichern, was wir exakt erlebt und erfahren haben. Als junge Erwachsene bemerken wir das nicht und sind voller Selbstbewusstsein hinsichtlich unserer Gedächtnisfähigkeiten – im Alter aber werfen wir uns dies vor.
Das Gehirn älterer Menschen wird nicht leistungsschwächer – ganz im Gegenteil: es weiss einfach mehr!hirn

Dieses Phänomen sieht man auch bei vielen weiteren sogenannten „Alterssymptomen“:
Mittels grosser Studien wurde dies z.B. auch bei der „Müdigkeit“ nachgewiesen: Ältere Menschen sind sogar weniger oft müde als jüngere! Der Zusammenhang war übrigens unabhängig davon, wie viel die Teilnehmer schliefen, und wie gesund sie waren. Müdigkeit ist eine sehr subjektive Grösse.

Es existiert übrigens auch kein altersbedingter Abbau der Muskeln!
Seniorensportler dominieren ultralange Sportveranstaltungen wie Ultramarathons! Dies beweist, dass der altersbedingte Abbau der Muskelmasse durch regelmässigen Sport auf ein Minimum reduziert werden kann.

Studien zeigen auch, dass Ältere weniger psychiatrische Erkrankungen haben. Sie leiden weniger oft an Depressionen, Angsterkrankungen, Phobien und Süchten als Jüngere.
Ich bemerke in meiner Praxis auch, dass nach Operationen, etwa einem Kunstgelenk, Senioren oft zufriedener sind als Junge: Jüngere Menschen erwarten viel mehr.

Und last but not least: Sechzigjährige haben den besseren Sex! Sechzigjährige haben wesentlich mehr Persönlichkeit. Durch ihre Erfolge und Fehlschläge kennen sich ältere Menschen einfach besser, im Guten wie im Schlechten. Sie heissen vielleicht nicht alles gut, was sie an sich sehen, aber ihnen ist viel klarer, wer sie sind und wer sie nicht sind. Sie bringen mehr Individualität in die sexuelle Begegnung mit und können sich auch offener und wahrhaftiger zeigen, weil sie in ihrer Differenzierung weiter fortgeschritten sind. Ein reifer Mann glaubt nicht mehr, er müsse im Bett immer wissen, wie es weitergeht, fühlt sich weniger bedroht, wenn seine Partnerin ihm von gleich zu gleich gegenübertritt, und kann es zulassen, dass sie ihn auffängt und stützt.
Eine reife Frau kann im Bett selbst die Initiative übernehmen und muss sich nicht rechtfertigen, dass sie selbst erotische Wünsche hat. Auch bei ihr liegen viele Jahre zwischen Geschlechtsreife und sexueller Reife.
Sinnerfüllte Sexualität beruht nicht auf physiologischen Reflexen, sondern setzt eine bestimmte Stufe der persönlichen Entwicklung voraus. Leidenschaftlicher Sex wird im Alter möglich und häufiger!

Lesen Sie mehr über „Besseren Sex“ hier auf meiner Website >>> sex.htm

Es gibt meiner Erfahrung nach noch viele weitere Beispiele für dieses Phänomen, dass wir Älteren uns selbst klein machen und blockieren. Wenn ich mir eine Gruppe von Menschen wünschen dürfte, die sich um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Welt kümmern sollen, dann wären das die Menschen über 50. Sie profitieren von der Vielfalt an Wahlmöglichkeiten, die sie aufgrund ihrer Lebenserfahrungen erworben haben. Diese Weitsicht des Alters müsste die Gesellschaft viel stärker nutzen.

Scheitern könnten wir bei dem Projekt nur, wenn wir zu wenig Vorstellungskraft entwickelten und das Alter weiterhin als Abstieg statt als eine ganz normale Lebensphase verstehen. Diese Phase steht am Ende eines „optimierten Skripts“ für Gesellschaften des langen Lebens: Warum arbeiten wir nicht ein paar Jahre länger, schinden uns dabei aber weniger?

Um nicht auszubrennen und die Familienphase zu entzerren, schlage ich vor, die Arbeitslast besser über die Lebensjahre zu verteilen, die Rushhour des Lebens zu vermeiden und statt dessen länger und durchschnittlich weniger zu arbeiten. Das würde den Zeitdruck auf Erwachsene in der Lebensmitte mildern und Menschen jeden Alters mehr Optionen für die Zeit- und Lebensplanung eröffnen.

Man weiss auch, das ältere Menschen mit einer positiven Einstellung zum Alter, also auch einem positiven Selbstbild, im Durchschnitt 7 bis 8 Jahre länger leben als Senioren, die mit dem Älterwerden hadern. Zufriedenheit wirkt sich demnach stärker auf die Lebensdauer aus als etwa ein normaler Blutdruck oder ein niedriger Cholesterinspiegel.

Lesen Sie mehr über was wir gewinnen, wenn wir älter werden auf meiner Website. Ich nenne es mal „Art of Aging“. Wir wollen nicht gebrechlich werden und dahinsiechen, sondern wir wollen, dass die Jahre, die uns durch die längere Lebenserwartung heute geschenkt werden, erfüllte Jahre werden. Dazu kann die Gesellschaft und jeder Einzelne etwas tun: www.dr-walser.ch/anti_aging.htm