Freizeit (oder Rente) ohne „Studium“ ist wie ein Grab für Lebende. (Seneca)

Du hast dir einen Urlaub verdient. Du arbeitest hart. Du opferst dich. Du forderst dich selbst. Es ist Zeit für eine Pause. Wegfahren, ins kleine Gasthaus in den Bergen einchecken – aber vergiss nicht vor das offene Kaminfeuer ein Buch mitzunehmen – und zwar nicht nur ein Liebesroman, vielleicht auch ein Sachbuch.
Geniesse diese Auszeit wie ein Dichter — sei nicht faul, sondern geniesse aktiv, beobachte deine Umwelt, nimm alles auf, damit du deinen Platz im Universum besser verstehen kannst. Gönne dir immer mal wieder einen Tag Auszeit vom Büro, aber gönne dir nie einen Tag Auszeit vom lebendigen Lernen vom Leben.
Aber Achtung: Was ich oft sehe, dass eben viele sich ständig fordern, selbst in der Freizeit und dann ausbrennen, weil sie immer angespannt sind, auch in den Ferien.

In Rente gehen?

Vielleicht ist es dein Ziel, so viel Geld zu verdienen, dass du früher in Rente gehen kannst. Gut für dich! Aber das Ziel im Rentenalter sollte nicht sein, sich auf die faule Haut zu legen oder die verbliebene Lebenszeit abzusitzen, so einfach das einem auch erscheinen mag. Stattdessen solltest du dich jetzt dem widmen, was deine wahre Berufung ist, jetzt wo die grosse berufliche Ablenkung nicht mehr stören kann. Den ganzen Tag herum sitzen und nichts tun? Ohne Ende fernsehen oder durch die Weltgeschichte gondeln, damit du alle besichtigten Orte von der Liste abhaken kannst? Das ist kein Leben. Das ist auch keine Freiheit. Dies ist schon fast ein „Grab für Lebende“.

Altersvor-Sorge

“Altersvorsorge” enthält ja bereits im Namen die “Sorgen”: Sorgen um die Zukunft und sich dabei das Hier und Jetzt noch vermiesen…

Eine optimale Altersvorsorge ist die Pflege seiner Persönlichkeit und seines Umfelds (Beziehung, Familie, Nachbarn, Gemeinde…) – und nicht, wie die Banken und Versicherungen uns vorgaukeln, mehr zu arbeiten, um mehr Geld zu sparen!

Art of Aging – Wir können weitgehend selbst bestimmen, wie wir altern.

Eine Untersuchung der Harvard Medical School, eine der längsten (75 Jahre) und umfassendsten Forschungen zur menschlichen Entwicklung (Grant Study of Adult Developement) zeigt, was Menschen unterscheidet, die im Alter von 60 bis 80 zufrieden und gesund sind (happy-well) von den traurigen Kranken (sad-sick).

Sieben Faktoren sind wichtig:

  1. Solide Liebesbeziehung, gute Freunde und Nachbarn
  2. Regelmässige Bewegung mit elastisch gebliebenem Gewebe
  3. Erwachsener Umgang mit emotionalen Konflikten und Stress
  4. Tabakabstinenz
  5. Wenig Alkohol und Zucker & mediterrane oder Jäger-und-Sammler-Ernährung
  6. Essen mit Mass: Kurzfasten & gesundes Gewicht
  7. und der siebte Faktor interessiert uns hier besonders:
    Lebenslange und gute Ausbildung, d.h. stetige geistige und kulturelle Anregung! So kommen wir zur „Bogenkarriere“. Was ist das?

50:50-Modell

Dieses Modell sieht vor, dass wir uns in der ersten Lebenshälfte bis 50 eine Fülle von Wissen und sozialem Know-how aneignen, die wir dann im zweiten Teil, in den nächsten 50 Jahren an unsere Umgebung und die Gesellschaft zurückgeben. Dies ist eine Art soziales Sicherungssystem: Erst erwirbt man Kompetenzen, dann gibt man sie an das System, an nachfolgende Generationen zurück.
Hier wird also das 50. Lebensjahr zu einem positiven Wendepunkt: Mit 50 wird das Leben erst richtig interessant. Mit 50 können die Menschen gesellschaftlich wichtige Beiträge leisten – in ihrem kommunalen Umfeld, bei der Arbeit, in der Familie. Die zweite Lebenshälfte ist so eine Ära persönlichen Wachstums und sozialem Engagements. Und dafür sind die über 50-Jährigen auch gesundheitlich – emotional wie körperlich – gut ausgestattet. Studien zeigten, dass Ältere weniger psychiatrische Erkrankungen haben, sie leiden weniger oft an Depressionen, Angsterkrankungen, Phobien und Süchten als Jüngere.
Auch körperlich sind die über 50-Jährigen so gesund wie nie zuvor in der Geschichte. Wenn ich mir eine Gruppe von Menschen wünschen dürfte, die sich um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Welt kümmern, dann wären das die Menschen über 50. Sie profitieren von der Vielfalt an Wahlmöglichkeiten, die sie aufgrund ihrer Lebenserfahrungen erworben haben. Diese Weitsicht des Alters müsste die Gesellschaft viel stärker nutzen.
Scheitern könnten wir bei dem Projekt nur, wenn wir zu wenig Vorstellungskraft entwickelten und das Alter weiterhin als Abstieg statt als eine ganz normale Lebensphase verstehen. Diese Phase steht am Ende eines, sagen wir, „optimierten Skripts für Gesellschaften des langen Lebens“. Warum arbeiten wir nicht ein paar Jahre länger, schinden uns dabei aber weniger?
Um nicht auszubrennen und die Familienphase zu entzerren, sollte dabei die Arbeitslast besser über die Lebensjahre verteilt, die Rushhour des Lebens vermieden und statt dessen länger und durchschnittlich weniger gearbeitet werden. Das würde den Zeitdruck auf Erwachsene in der Lebensmitte mildern und Menschen jeden Alters mehr Optionen für die Zeit- und Lebensplanung eröffnen.
(L. Carstensen: A long bright future. Happiness, health and financial security in an age of increased longevity. Public Affairs, New York 2009).

„Bogenkarriere“

In der Altersforschung hat man schon lange gemerkt, dass eine lebenslange Ausbildung, ein lebenslanges Lernen – neben weniger Arbeit (sagen wir mal: 30 Stunden pro Woche und viel Erholungszeit/Freizeit (Mittwoch frei!), ein viel lebendigeres und reicheres Alter ergibt. Die Arbeit und Weiterbildung (sprich Neues Lernen, auch Musikinstrumente, Tänze, Sprachen, Kochkunst,… können dann mit dem Alter auch etwas weniger werden, aber eigentlich nie ganz aufhören (in einer Bogenform, deshalb auch „Bogenkarriere“ genannt). Der Gegensatz dazu wäre die die heutig normale „Knickkarriere“, bei der kurz nach 60ig Arbeit und Lernen schlagartig wegfällt.
Die renommierte Alternsforscherin Ursula Staudinger, die an der Columbia University in New York lehrt, warnt deshalb vor den negativen Folgen dieses „Freizeitnirwana“ nach diesem Knick im Leben. Oder um mit Bernard Shaw zu sprechen: „Immer nur Urlaub ist eine brauchbare Arbeitsdefinition von Hölle.“
Gerade für Männer, die viel Selbstbestätigung aus dem Job gezogen haben, sei es oft sehr kränkend, wenn von einem Tag auf den anderen Prestige, Anerkennung und soziale Kontakte wegfallen.
Frauen sind hier meist besser gerüstet für die nachberufliche Phase, weil sie mehr Übung darin haben, vielfältige Übergänge zu meistern. Frauen durchleben unterschiedlichste Phasen, arbeiten Vollzeit, machen Familienpause, gehen auf Teilzeit, kehren in einen Vollzeitjob zurück oder machen sich selbständig. So haben sie immer wieder erfahren, dass sie mit Wechseln umgehen und neue Perspektiven entwickeln können.
So sind wir bereits bei einer neuen, erfolgsversprechenden Karriereform, der „Sinuskarriere“.

„Sinuskarriere“

Weder für Familien noch für aktive Individuen bietet das Bogen-Modell genügend Flexibilität, um Privat- und Arbeitsleben optimal zu kombinieren. Die Bogenkarriere stellt das Arbeitsleben bis zum 45. Lebensjahr in den Mittelpunkt. Werden Mitarbeitende in eine Bogenkarriere gedrängt, gibt man ihnen zudem das Gefühl, nicht mehr so viel Wert zu sein. Falls eine solche Karriere Sinn haben soll, muss sie selbst gewählt sein.
Meist als Verbesserung dazu bietet sich die flexible Sinuskarriere an. Wir wollen nicht nur einen Bogen, sondern mehrere Kurven, die sich mit dem Privatleben vereinbaren lassen. Wir glauben, dass Unternehmen auf diese Weise von hoch motivierten Mitarbeitenden profitieren können, die durch eine starke Vitalität auch produktiver sein werden.

(Copyright: Grafik und Idee von HR-Campus, Schweiz)

Nach 10 Jahren Arbeit wird eine motivierte Mitarbeiter*in nochmals eine Weiterbildung machen wollen, um wieder auf dem neusten Stand zu sein. Sie wird neue Ideen einbringen und mit der gewonnenen Lebenserfahrung ein Team noch besser führen können. Zudem bringt sie ein ausgeprägtes Verständnis für junge Mitarbeitende mit. Schliesslich hat sie auch Kinder in deren Alter.
Nach 20 Jahren wird er/sie so viel Berufserfahrung haben, dass Sie ihr ab dem ersten Arbeitstag ein Projekt übergeben können. Sie können sich sicher sein, dass sie es zu Ihrer vollsten Zufriedenheit leiten und ausführen wird. Dank ihren Reisen bleibt sie flexibel und kommt auch mit 50 Jahren noch motiviert und mit neuen Ideen ins Büro.

In der Babyboomergeneration wird das Ganze schon jetzt bunter und flexibler. Die Generation, die nun in Rente geht, lebt vielfältige Modelle gleichzeitig oder nacheinander. Jemand fühlt sich zwei Jahre lang total befreit, geniesst das Nichtstun und bekommt plötzlich doch noch mal Lust, sich eine Aufgabe zu suchen, hilft Flüchtlingen oder arbeitet ehrenamtlich im Hospiz. Ein anderer besinnt sich nach mehreren Jahren ehrenamtlicher Arbeit auf seine brachliegende Kreativität und beginnt eine späte Karriere als Bildhauer oder gründet nach dem Tod der Partnerin eine Männer-WG.

Abschliessend kann man sagen, dass eine immer wieder mal erlebte Grenzerfahrung für unsere Gesundheit, Körper, Geist und auch für unsere Gesellschaft wichtig ist. An der Grenze erst oder sogar darüber hinaus lernen wir Neues, wachsen dadurch und bleiben so lebendig.
Weiterlesen: walserblog.ch/2017/04/06/grenzerfahrung/

Photo by Uriel Soberanes on Unsplash

Veröffentlicht am 31. Oktober 2020 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
03. November 2020