Überflüssige menschliche Organe und „Anhängsel“?

WURMFORTSATZ DES BLINDDARMS (Appendix)

Heute gilt es in der Bauchchirurgie glücklicherweise als Kunstfehler, einen nicht entzündeten Blinddarm zu entfernen. Denn dadurch entstehen oft innere Narbenstränge, sogenannte Briden, die schlimmstenfalls den Darm abschnüren und verschliessen können (Bridenileus).

Der Blinddarm, genauer gesagt sein Wurmfortsatz, ist offenbar ein wertvolles Organ und keineswegs ein überflüssiges Anhängsel des Dickdarms. Vor allem unterstützt er das Immunsystem. Schon im ungeborenen Kind herrscht im Blinddarm reges Treiben: Drüsenzellen wandern in die Schleimhaut ein und beginnen, Peptid-Signale und Amine zu produzieren. Dieser Prozess scheint das embryonale Wachstum zu steuern.

Nach der Geburt bleibt der Wurmfortsatz aktiv. Besonders in den ersten Lebensjahren reifen dort viele B-Lymphozyten heran, die IgA-Antikörper bilden. Ausserdem entstehen Lymphokine, die die Abwehrkräfte lenken oder verändern.

Das erinnert an die Mandeln, jene Lymphknoten im Rachen, die man ebenfalls nur im äussersten Notfall vollständig entfernen sollte.

Blinddarm als Reservetank unseres Mikrobioms

Noch eine Überraschung hält der Blinddarm bereit: Amerikanische Forscher entdeckten, dass sich die gesunde Darmflora auch im Blinddarm ansiedelt. Bei schweren Durchfallerkrankungen bleibt sie dort erhalten, während sie im übrigen Darm fast vollständig weggespült wird. Nach der Genesung kann sich das Mikrobiom unter anderem aus dem Wurmfortsatz heraus wieder aufbauen. Und wirklich zeigen Beobachtungen, dass die Rückbesiedlung mit einem intakten Blinddarm zügiger vonstattengeht. Der Blinddarm ist also auch hier sehr wichtig.

Zudem: Weil sich der Wurmfortsatz im Laufe der Evolution nicht zurückbildet, gehen die Forscher davon aus, dass er einen Selektionsvorteil bietet und der Blinddarm deshalb für uns wichtig ist.

GEBÄRMUTTER (Uterus)

In den letzten Jahren werden wieder deutlich mehr Gebärmütter entfernt. Und wir wissen in der Medizin alle, dass das sehr oft nicht nötig ist.
Jede Operation, die medizinisch nicht notwendig ist, ist eine besonders problematische Form der Körperverletzung. Sie ist eine Belastung für den Organismus, und es kann Komplikationen geben, sowohl während des Eingriffs als auch danach, etwa Blutungen, Entzündungen und Fieber.
Nach der Entfernung des Uterus, welcher zentral im Becken liegt, suchen alle übrigen Organe dort einen neuen, teils problematischen Platz. Dadurch verändert sich auch die Spannung und Funktion des Beckenbodens meist stark und es resultiert daraus häufig Blasen- und Darmbeschwerden.
Es kommt oft auch zu Hormonstörungen, die nicht immer nach ein paar Monaten aus der Welt sind. Die Gebärmutter ist über grössere Blutgefässe mit den Eierstöcken verbunden. Diese Verbindung wird bei der Operation gekappt, so dass die hormonproduzierenden Eierstöcke zunächst weniger gut arbeiten und der Östrogen- und Progesteron-Haushalt durcheinander gerät. Wenn sich die Hormonproduktion nicht erholt, treten die Wechseljahre früher ein. Im Schnitt 4 Jahre früher. Dadurch besteht auch die Gefahr von Eierstockzysten.

Besonders Frauen, die sich zu der Operation gedrängt gefühlt oder sich zu schnell dazu entschlossen hatten, wurde oft erst nachträglich bewusst, was ihnen die Gebärmutter bedeutet hatte. Und dass sie ihr Frausein, mehr als gedacht, über ihre Gebärmutter definierten. Es fehlte plötzlich sozusagen die weibliche Mitte. Manche Frauen waren richtig wütend, weil sie nicht gut informiert worden waren. Andere waren niedergeschlagen und depressiv.

Die Entfernung ist richtig und wichtig, wenn es sich um eine Krebserkrankung handelt, also bei tiefen Gebärmutterhals- und Gebärmutterkörperkrebs, bei Eierstockkrebs und bei dem sehr bösartigen Sarkom. Befinden sich jedoch Tumorzellen nur in der oberen Schicht des Gebärmutterhalses, reicht meistens ein so genannter Kegelschnitt und die Gebärmutter kann erhalten werden. 
Myome hingegen sind ungefährliche, gutartige Neubildungen in der Gebärmutter. Sie sind nach den medizinischen Leitlinien in der Regel kein Grund, eine Gebärmutter zu entfernen. Sie wachsen auch nur bis in die Wechseljahre und schrumpfen nachher wieder von selbst.
(Quelle: Interview, 06/2013 in „Gute Pillen – schlechte Pillen“ mit der gynäkologischen Chefärztin Barbara Ehret, Mitherausgeberin des legendären rororo Sachbuchs „Gebärmutter – das überflüssige Organ“ (Rowohlt 1994) und Mitautorin von „frauen körper gesundheit leben“ (Diana Verlag 2008))

PENISVORHAUT (Präputium)

Die Ärztin oder der Arzt sollte vor der Entfernung der Vorhaut (Zirkumzision) bedenken, dass diese wichtige Funktionen erfüllt. Gemeinsam mit der Eichel gehört sie zu den empfindlichsten erogenen Zonen des Mannes, da sie zahlreiche spezialisierte Nervenenden enthält. Man kann die Beschneidung des Mannes durchaus mit der Verstümmelung weiblicher äusserer Geschlechtsorgane vergleichen.

Ohne Vorhaut verliert die Eichel stark an Empfindlichkeit. Sie verändert sich von einer weichen, feuchten und sensiblen Oberfläche zu einer trockenen, härteren und nahezu unempfindlichen Haut, die an eine Fusssohle erinnert.

THYMUSDRÜSE (Bries)

Die Bedeutung dieser Drüse (hinter unserem Brustbein gelegen) ist für den Menschen vernachlässigbar. Dies war auch die Meinung von Peter Medawar, der für sein Werk in Transplantatationsimmunologie 1960 den Nobelpreis erhielt und den Thymus als «evolutionary accident» bezeichnete. Dafür spricht auch, dass die Thymektomie (Entfernung der Thymusdrüse) bei Herzoperationen nicht einmal fürs Immunsystem bei Kindern nachteilig ist und sich der Thymus ab der Pubertät schrumpft, bis er im Alter verkümmert ist. Andererseits ist unbestritten, dass im Thymus die T-Lymphozyten heranreifen: T-Lymphozyten zur Erkennung von Fremdantigenen werden aktiviert, während T-Lymphozyten mit Autoimmunprogramm eliminiert werden. 

In einer aufwändigen Arbeit belehrt uns nun eine Forschergruppe aus Boston, dass die Funktion des Thymus auch im Alter eine wichtige Bedeutung spielt. 1146 thymektomierte Personen wurden im Vergleich mit passenden Kontrollpersonen über fünf Jahre beobachtet. Mortalität und Krebsleiden waren bei Thymektomierten signifikant häufiger als bei den Kontrollen (8,1 versus 2,8% und 7,4 versus 3,7%). In einer Subgruppe waren auch Autoimmunkrankheiten relevant häufiger. Die Zahl von neu produzierten CD4- und CD8-T-Zellen war bei Thymektomierten signifikant tiefer. Auch 15 von Über-70jährigen getesteten Zytokintiter waren deutlich erhöht, unter anderem Interleukin 23 und 33, beide assoziiert mit Tumor- und Autoimmunerkrankungen. 
Es scheint also aufgrund dieser Arbeit weise, bei Herzoperationen, wenn möglich, auf eine Entfernung des Thymus zu verzichten, den er ist bis ins Alter nicht „überflüssig“.
(N Engl J Med. 2023, doi.org/10.1056/NEJMoa2302892und doi.org/10.1056/NEJMe2306576.)

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Foto von camilo jimenez auf Unsplash

Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
05. April 2026