Todesangst

Heute spüren wir das Paradoxon, dass wir viel sicherer leben als jede Generation vor uns. Gleichzeitig leben wir unter dem Phantom der Unsicherheit. Die Ängste sind heute anders, willkürlicher, diffuser, nebulöser. Man arbeitet dreissig Jahre für eine Firma, ist sehr geschätzt, und plötzlich kommt ein grösseres Unternehmen, schluckt die Firma, schlachtet sie aus, und man findet sich auf der Strasse wieder. Wenn man fünfzig ist, hat man wenig Chancen, eine neue Stelle zu finden.
Vor solchen Schlägen haben viele heute Angst.Diese diffusen Ängste werden europaweit von den extremen Rechtsparteien schamlos ausgenützt: Auf die Flüchtlinge wird alles zurückgeführt. Warum gibt es Arbeitslosigkeit? Wegen der Immigranten. Warum steigt die Kriminalität (steigt sie überhaupt?)? Wegen der Immigranten. Alles wird viel einfacher: man hat endlich einen Blitzableiter für die ökonomisch bedingte Verunsicherung.

Auch eine stark boomende Sicherheitsindustrie profitiert übrigens davon.

…und auch die gesellschaftliche Nulltoleranzstimmung und Sündenbockmentalität gegenüber Zigarettenrauchen, gegen Übergewicht, Wurstesser, gegen schlechte (multiresistente) Bakterien, gegen zu viel Sonne oder ungeschützten Sex (siehe dazu meine Ausführungen in meiner Website: www.dr-walser.ch/genuss.htm).

Diese nebulösen (ökonomischen) Ängste, wie auch die weit verbreitete Angst vor Unzulänglichkeit (als Musterbeispiel auch hier das Zentrale in Facebook, bei dem die Verwandlung des Individuums in eine begehrte Ware das Wichtigste ist!) und auch das heutige Übermass an Möglichkeiten führt zur Depression und zur dahinter liegenden Todesangst.

Die Angst vor dem Tod ist meiner Meinung nach allgegenwärtig, fest in uns verankert, prägt den innersten Kern unseres Seins. Sie spielt eine wesentlich grössere Rolle in unserer Psyche, als gemeinhin angenommen wird, und ist, so glaube ich, unmöglich auszumerzen.

Es ist eine grosse Hilfe für Menschen mit Ängsten, dies sich bewusst zu machen und die Erfahrung, sich des Todes bewusst zu werden, als Weckruf zu nutzen, um auf mannigfaltige Weise persönlichen Wachstum zu fördern.

Ich habe mich auf meiner Website kurz auf einige der wichtigsten Ideen konzentriert, mit denen wir die Angst vor dem Tod vielleicht durch die Macht von Gedanken mildern können: www.dr-walser.ch/angst-und-panik.htm

Dazu Irvin D. Yalom, den ich als Denker sehr schätze und der mir als Mensch und Therapeut ein grosses Vorbild ist: „Die Angst, die es uns im Leben so schwer macht, entspringt nicht nur unserem biologisch- genetischen Substrat (ein pharmazeutisches Modell, das auch zu den antidepressiven Medikamenten führte), nicht nur unserem Kampf mit unterdrückten instinktiven Trieben (ein Freudscher Standpunkt), nicht nur wichtigen, von uns verinnerlichten Erwachsenen, die vielleicht nicht mitfühlend, nicht liebevoll oder neurotisch waren (eine objektbezogene Position), nicht nur gestörten Denkformen (eine Position der kognitiven Therapie), nicht nur Scherben vergessener traumatischer Erinnerungen oder aktueller Lebenskrisen, die die Karriere und die Beziehung zu bedeutsamen Mitmenschen involvieren, sondern auch der Konfrontation mit unserer Existenz.“

Es bedarf also auch eine Konzentration auf das Hier und Jetzt, eine gesteigerte Sensibilität für existentielle Fragen: Die allgegenwärtige Angst vor dem Tod eben. Dann auch die Frage über den Sinn des eigenen Lebens. Weiter das Thema der individuellen Freiheit (d.h. Übernahme für Verantwortung, wie man sein Leben lebt – der eigene Wille) und schliesslich Fragen über die sogenannte Existentielle Isolation (d.h. man ist schlussendlich immer mit seiner selbst geschaffenen Welt allein und versteht seinen Mitmenschen damit nie absolut).