»Vielleicht ist das Sitzen auf einer Wiese eine sehr gute Metapher für das Leben. Es sieht aus der Ferne hübsch aus, aber bei genauerer Betrachtung und längerem Verweilen fängt es an zu piksen und zu jucken.« (aus Paradiesische Zustände von Henri Maximilian Jakob)
Der „Sinn im Leben“ scheint ein immens wichtiger Faktor für unsere Gesundheit zu sein. Davon abzugrenzen ist der „Lebenssinn“, dessen Bedeutung philosophisch sehr unterschiedlich bewertet wird (auch Sinnlosigkeit…). Beim Sinn des Lebens geht es um philosophische Fragen wie: Warum sind wir überhaupt hier? Was ist Menschsein? Haben wir eine bestimmte Aufgabe? Wer hingegen einen Sinn in seinem Leben erkennt, hat den Eindruck, es hat einen Zweck und eine Bedeutung, zu leben. Sinn im Leben zu finden, heisst zu glauben, dass das, was man ganz persönlich macht, für die Welt einen Unterschied macht.
“Sinn im Leben“ und „Glück“
Viktor Frankl hat einmal geschrieben: »Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.«
„Ich habe nichts gegen glücklich sein. Glück ist etwas Tolles. Aber ich habe den Eindruck, es ist überbewertet. Freude und Glück sollten Teil unseres Leben sein. Aber wenn es Ihnen um Ihre Gesundheit geht, dann geht es nicht so sehr um Glück. Wissenschaftler haben sich angeschaut, was sich wirklich auf die Gesundheit auswirkt: Glücklich sein scheint einen kleinen Effekt zu haben, aber es wirkt nicht so stark wie Sinn im eigenen Leben zu sehen.“ (Adam Kaplin, Neurosychiater und ausserordentlicher Professor an der Johns-Hopkins-Universität im Interview, DIE ZEIT, 26 / 2021)
„Sinn im Leben“ kann auch hochgestochen klingen. Der ganz alltägliche Sinn wird von dem japanischen Wort „Ikigai“ eingefangen. Gemeint ist all das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen: Freude am Tun, an Kunst, am Anblick einer Waldlichtung, an der Verbindung mit lieben Menschen.
Sinn finden
Die Psychologen Tatjana Schnell und Kilian Trotier haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Es heisst „Sinn finden“ und untersucht, was Menschen als wirklich sinnstiftend empfinden. Dabei zeigten sich vier zentrale Elemente.
Erstens Kohärenz: Mein Leben folgt einem roten Faden, und ich kann Brüche zumindest im Nachhinein verstehen. Zweitens Bedeutsamkeit: Mein Leben hat Auswirkungen, es zählt. Das ist der sogenannte IKEA-Effekt – ich habe etwas selbst geschaffen, also bin ich wirksam. Drittens Orientierung: Es gibt ein Ziel, auf das ich mich ausrichten kann, vielleicht auch eine Leidenschaft, die mich antreibt. Ich spüre, dass mein Tun nicht beliebig ist. Und viertens Zugehörigkeit: Ich fühle mich verbunden, nicht isoliert von der Welt.
„Ich würde Glück immer als ein Gefühl begreifen. Sinn hingegen ist weniger ein Gefühl, sondern eher der Boden, auf dem wir durchs Leben gehen. Solange dieser Boden trägt, nehmen wir ihn oft kaum wahr – erst, wenn er brüchig wird, spüren wir, wie wichtig er ist. “ (aus der Sternstunde Philosophie: Zimmer 42 – mit Barbara Bleisch: Wo bitte geht’s zum Sinn des Lebens? mit Christian Uhle)
Die Verwandlung von Verzweiflung in Liebe nennen wir Sinn
Sinn ist nicht etwas, das wir finden, sondern etwas, das wir schaffen. Die Puzzleteile bestehen oft aus den Bruchstücken unserer zerbrochenen Hoffnungen und Träume. „Es gibt keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung am Leben“, schrieb Albert Camus zwischen den Weltkriegen. Die Verwandlung von Verzweiflung in Liebe nennen wir Sinn. Es ist ein aktiver, suchender Prozess – ein kreativer Akt. Paradoxerweise entdecken wir den Sinn am leichtesten in Zeiten der Verwirrung und Verzweiflung, wenn das Leben, wie wir es kennen, keinen Sinn mehr hat. Dann müssen wir selbst herausfinden, was es lebenswert macht. Diese Zeiten klären und heiligen, indem sie die kulturellen Simulakren des Sinns – Gott und Geld, die Familie und perfekte Zähne – abstreifen, um die nackte Seele des Seins zu enthüllen und den Geist zu schärfen.
Der poetische Neurologe Oliver Sacks (1933–2015) dachte mit Strenge und Mitgefühl darüber nach, was es bedeutet, Mensch zu sein. In einem seiner Briefe greift er die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Mit 57 Jahren schrieb Sacks an den Philosophen Hugh S. Moorhead, der eine Anthologie über den Sinn des Lebens von grossen Denkern des 20. Jahrhunderts herausgab. Sacks, der sich als „eine Art Atheist“ bezeichnete, bot seine Perspektive an: „Ich beneide jene, die aus kulturellen und religiösen Strukturen Bedeutungen finden können. Ich glaube nicht, dass eine Institution, Religion oder Wissenschaft beständigen Sinn vermitteln kann. Mich begeistert eine Wissenschaft, die Ordnung als Zentrum des Universums sieht.“
In einem Brief von 1990 legte Sacks den Grundstein für sein persönliches Credo, das er 35 Jahre später in seiner Sterbebettreflexion ausdrückte. Er sagte zu Moorhead: „Ich habe keine feste Vorstellung vom Sinn des Lebens. Ich verliere sie und muss sie neu finden, inspiriert von Dingen, Ereignissen oder Menschen. Ich spüre die immense Komplexität und das Geheimnis der Natur, aber auch ihre ordnende Positivität. Ich glaube nicht an einen transzendentalen Geist über der Natur, aber es gibt einen Geist in der Natur, der meinen Respekt verdient.“
Neun Jahre später schrieb er an Stephen Jay Gould und widersprach der Idee von zwei Realitätsbereichen, einem natürlichen und einem übernatürlichen: „Die Rede von Parapsychologie und Geistern macht mich wütend, da sie eine parallele Welt impliziert. Aber bei Gedichten, Musik oder selbstlosen Handlungen spüre ich eine höhere Sphäre, die von der Natur erreicht wird.“
Eineinhalb Jahrhunderte zuvor hatte Darwin ein ähnliches Gefühl geäussert, als er über die Spiritualität der Natur nachdachte. Sacks untersuchte mit Leidenschaft, was das Leben sinnvoll macht, wenn der Geist aus den Fugen gerät. In seinem Brief an Moorhead erkannte er, dass etwas Grösseres als Denken und Tieferes als Glauben unser Leben belebt: „Wenn mich Verzweiflung überkommt, finde ich bei meinen Patienten, die trotz Krankheit nicht aufgeben, Hoffnung und Sinn. Wenn sie etwas bejahen können, dann gibt es etwas zu bejahen.“
Wir müssen den Sinn des Lebens selbst formulieren und bestimmen, was für uns von Bedeutung ist. Es hat mit Liebe zu tun – was und wen und wie man lieben kann. Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern konstitutiv für unsere mentale Struktur und die Entwicklung unseres Gehirns.
Verbindung von Sinn im Leben mit unserer Gesundheit
Wer wenig Sinn im Leben sieht, der scheint immer etwas höhere Kortisolspiegel im Blut aufzuweisen, also weniger entspannt zu sein und immer etwas im Stress. Die Folge davon sind eine stete leichte Schwächung des Immunsystems. Das Hormon Kortison fährt ja unser Abwehrsystem herunter, was sehr wichtig ist, wenn wir grossen Stress erleben. Dieser Mechanismus sollte aber, nach Aufhören des Stress, wieder zurückfahren. Und dies geschieht bei diesen „sinnleeren“ Menschen weniger.
Sinn im Leben führt auch zu einem „besseren“ Leben
Dadurch ist die allgemeine Entzündungsneigung bei ihnen etwas höher. Nun wissen wir, dass chronische Entzündungen ein zentraler Motor von diversen schweren Krankheiten unserer Gesellschaft ist: Arterienverkalkung (die zu Herzinfarkt und Hirnschlag führt), Diabetes, Alzheimer, Depression,…
Man kann also auch so formulieren: Wenig Sinn im Leben führt zu mehr Entzündungen und damit zu mehr Herzinfarkt, Hirnschlag, Depression, Diabetes und Alzheimer!
Noch ist dies nicht endgültig bewiesen, aber es gibt erste Daten, die darauf hinweisen (Nature: npj- Fogelmann & Canli, 2015).
Menschen, die einen Sinn im Leben spüren, kümmern sich wahrscheinlich besser um sich selbst. Sie wollen noch etwas erreichen. Deshalb essen sie vielleicht besser oder machen mehr Sport oder engagieren sich in ihrer Beziehungen und Nachbarschaft. All das könnte sich auf die Gesundheit auswirken. Und es wäre sehr interessant zu erforschen, ob das Sinnerleben auch dazu führt, dass Menschen beispielsweise mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen.
Dem Absurden mit Sinnhaftigkeit begegnen
Auf die Frage, was den wohl bekanntesten Bergsteiger unserer Zeit, Reinhold Messner antreibt, antwortet dieser: „Der Sinn meiner Touren bestand hauptsächlich darin, auf immer mehr zu verzichten. So bin ich darauf gekommen, dass der Verzicht, wenn er mit Sinnhaftigkeit gefüllt wird, eine großartige Möglichkeit ist, dem Absurden zu begegnen.“
Dem Absurden mit Sinnhaftigkeit begegnen – das ist sicher auch jenseits der Steilwand ein lohnender Versuch.
Sinnsuche ist aber auch eine politische, gesellschaftliche Aufgabe
Hier offenbart sich aber auch eine Schwäche der liberalistischen Vorstellung: Ein sinnerfülltes Leben zu ermöglichen ist nicht bloss eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Es gibt zahlreiche wirtschaftliche, soziale und politische Faktoren, die es Menschen erschweren – oder auch erleichtern –, ihr Leben als sinnvoll zu erfahren. Es wird Zeit, dies stärker in den Blick zu nehmen. Es wird Zeit, das Thema Lebenssinn auch als ein gesellschaftspolitisches zu begreifen. Die Dringlichkeit liegt auf der Hand, es geht dabei buchstäblich um Leben und Tod: Die renommierten Psychologieprofessoren Shigehiro Oishi und Ed Diener zeigten in einer Studie, dass es in wohlhabenden Ländern statistisch gesehen mehr Sinnkrisen gibt als in ärmeren. Und auch die Selbstmordraten sind hier höher, was damit zusammenhängen dürfte, wenn man sich Zahlen der WHO ansieht. Ausgerechnet ökonomischer Fortschritt scheint auf dieser sehr persönlichen Ebene also seinen Preis zu haben. Was steht dahinter?
Erst in Beziehung zu anderen können wir uns wirklich entfalten
Die Gründe sind sicher vielfältig. Greifen wir drei davon heraus. Erstens: Gerade die Steigerungslogik, das atemlose Höher, Schneller, Weiter, das ein wichtiger Motor für Wirtschaftswachstum ist, kann den Blick darauf versperren, was wirklich zählt im Leben. Hier wird der Fokus in die Zukunft verlagert, auf etwas, das zu erreichen ist, das jetzt noch nicht ist – und dabei kann der gegenwärtige Sinn unter die Räder kommen. Diese gesellschaftliche Grundstruktur macht es schwieriger, einen persönlichen Lebenssinn zu finden.
Zweitens: Die fortschreitende Technisierung in immer mehr Lebensbereichen kann entfremdend wirken, weil ein unmittelbarer Kontakt mit der Welt in den Hintergrund rückt.
Drittens: Gruppenbezogene Diskriminierungen erschweren es vielen betroffenen Personen, eine für sie stimmige Identität herauszubilden und ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden.
Schon an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass Sinnkrisen auch strukturelle Phänomene sind, hinter denen strukturelle Ursachen stehen. Natürlich sind wir für uns selbst verantwortlich – insbesondere für unsere eigenen Haltungen, mit denen wir durch das Leben gehen und aus denen heraus wir Sinnbeziehungen knüpfen. Aber äussere Umstände können dies erleichtern oder erschweren, sie können uns zu einem sinnerfüllten Leben motivieren oder uns eher davon abbringen. „Ich schaffe meinen Sinn, du schaffst deinen Sinn, jeder für sich“ – das ist eine sehr unvollständige Perspektive.
Der Zusammenhang geht sogar noch viel tiefer: Gesellschaftliche Strukturen beeinflussen nicht nur unsere persönliche Sinngebung, nein, in ihnen bildet sich ein Lebenssinn. Denn Sinn entsteht wesentlich im Austausch mit anderen. Das heisst, Sinn ist immer schon eine soziale Angelegenheit. Dieser Aspekt geht im heutigen Verständnis einer individuellen Selbstverwirklichung meist unter. Erst in Beziehung können wir uns entfalten. Oder wie der Philosoph Martin Buber es auf den Punkt brachte: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Insofern ist es nur logisch, Lebenssinn zu einem Gegenstand gesellschaftlicher Debatten zu machen. Das mag zunächst ungewohnt sein, aber andere Phänomene haben diese Entwicklung ebenfalls durchlaufen. Man denke an die Einsamkeit. Auch sie wurde ursprünglich als Privatangelegenheit verstanden. Mittlerweile hat Grossbritannien ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet, um Rahmenbedingungen zu fördern, die diesem Massenphänomen entgegenwirken.
Welche politischen Massnahmen würden ein sinnerfüllteres Leben ermöglichen?
Offensichtlich sind viele unterschiedliche gefragt. Ein Ansatz wäre beispielsweise, nicht bloss Arbeitsplätze um ihrer selbst willen zu schaffen und zu erhalten, sondern gezielt sinnvolle und sinnstiftende Arbeit zu fördern. Das bedeutet nicht zwingend einen dominanteren Staat als bisher. Der Arbeitsmarkt wird ja bereits durch unzählige Programme beeinflusst. Diese gilt es bewusster zu gestalten. Natürlich soll es nicht die Aufgabe von Regierungen sein, seinen Bürgerinnen und Bürgern einen Sinn im Leben zu geben. Vielmehr geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine eigene Sinngebung besser ermöglichen als bisher.
Welche wären das? Gemeinschaften müssten stärker gefördert werden, etwa Vereine, Kiezcafés, Begegnungsstätten, gerade generations- und kulturübergreifende. Eine Stadtplanung könnte helfen, die öffentlichen Raum so gestaltet, dass man durch ihn nicht nur hindurcheilt, sondern in ihm verweilt und beieinander sein kann. Auch die Förderung leiblicher Erfahrung etwa durch Achtsamkeitsübungen in der Schule könnten ein Baustein sein. Denn indem die Welt erspürt wird, vertieft sich die eigene Beziehung zu ihr und das Gefühl, in ihr aufgehoben zu sein. Dieser Zusammenhang konnte in psychologischen Studien belegt werden. Die „Inner Development Goals“ der gleichnamigen internationalen NGO stellen einen Versuch dar, weitere Fähigkeiten für einen nachhaltigen Lebensstil zu skizzieren – die auch für ein sinnerfülltes Leben wichtig sind. Empathie und Vertrauen zählen dazu. Die Politik sollte Räume unterstützen, in denen solche Fähigkeiten gestärkt werden und in denen Menschen befähigt werden, Sinnbeziehungen einzugehen.
All das sind Beispiele für mögliche Ansatzpunkte. Gleichzeitig wäre es verkürzt, nur auf politische Massnahmen im engeren Sinne zu setzen. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft und formen sie jeden Tag mit, bewusst oder unbewusst. Zu verstehen, dass Sinnsuchen und Sinnkrisen eine gesellschaftliche Dimension haben, bedeutet daher vor allem zweierlei: Erstens kann es entlastend wirken, weil es nicht unbedingt unser persönliches Scheitern ist, wenn der Sinn mal nicht erkennbar ist. Und zweitens fordert es uns auf, in unseren Begegnungen dazu beizutragen, Sinnerfahrungen für mehr Menschen zu ermöglichen. Denn wir selbst sind jenes Du, an dem andere Menschen zum Ich werden können.
(Christian Uhle aus der ZEIT Nr. 17/2023)


Ehrfürchtiges Staunen
Ehrfurcht öffnet einen besonderen Zugang zu Sinn und Glück im Leben – für jeden und überall erreichbar. Sie beruhigt, schärft den Blick für die eigenen Ziele und verbindet mit der grösseren Geschichte des Lebens. Acht Wunder des Lebens Forscher haben acht „Wunder des Lebens“ identifiziert – Erlebniskategorien, die Ehrfurcht auslösen.
Welche sind die wichtigsten? >>>
Bedürfnishierarchie und Perspektivenwechsel
Um es klarzustellen: Wir bewegen uns hier an der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide, da in unserer Ersten Welt die Basisstufen satt befriedigt sind. Wir können uns also (elitär?) mit Werten wie „Selbstoptimierung“ oder Selbstverwirklichung“ befassen…

(aus Wikipedia).
Weiterlesen >>> Sinn toppt Glück!
>>> Sinnkrisen in unseren Zehnerjahren
>>> Ikigai
Quellen:
– „Purpose in Life“ as a psychosocial resource in healthy aging: an examination of cortisol baseline levels and response to the Trier Social Stress Test. Fogelman, N., Canli, T.; npj Aging Mech Dis 1, 15006 (2015)
– Adam Kaplin im Interview, „Das ist ein gigantischer Effekt“, DIE ZEIT Nr. 26 / 2021
– Christian Uhle, „Sinn ist politisch“, DIE ZEIT Nr. 17/2023
Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
06. August 2025
