Wichtig ist der Umgang mit Niederlagen, Fehlern und Enttäuschungen
In seiner viel zitierten Dartmouth-Rede sagt Roger Federer, er habe in seiner Karriere nur 54 Prozent aller Punkte gewonnen. Champions zeichnen also nicht Perfektion aus. Entscheidend ist, wie sie mit Unvollkommenheit, Niederlagen und Enttäuschungen umgehen.
Das gilt nicht nur im Tennis, sondern oft auch im Leben. Alles hängt an einem seidenen Faden. Du denkst: was für ein Schlag. Bin ich heute gut drauf. Dann machst du zwei Fehler, und das Selbstvertrauen ist weg. Kindern muss man vermitteln, wie unsicher sich selbst ein Superstar wie Roger Federer fühlt. Der Druck kann im Leben so gross sein wie im Spitzensport. Entscheidend ist, wie viele Schläge du einstecken kannst. Wie ein Boxer. Du bekommst einen Schlag und machst weiter. Natürlich versuchst du, den Schlägen auszuweichen. Aber einige treffen dich. Im Leben sollte man diese Boxer-Mentalität haben: einstecken und weitermachen. Immer wieder.
Neurotizismus und der Verlust der Kontrolle
In den vergangenen 20 Jahren hat man herausgefunden: Es gibt ein gemeinsames Temperament, also eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen, die Menschen mit Ängsten, Panikattacken, Zwangsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Essstörungen und Depressionen teilen. Das zentrale Merkmal ist der Neurotizismus. Gemeint ist die Tendenz, häufig negative Emotionen zu erleben, also Anspannung, Gereiztheit, Ärger und Angst. Dazu kommt das Gefühl, dass nicht nur diese Emotionen, sondern auch die Ereignisse im Leben nicht vollständig kontrollierbar sind.
Menschen mit wenig Neurotizismus haben die Illusion von Kontrolle. Sie denken: Mir wird schon nichts Schlimmes passieren, und wenn doch, komme ich irgendwie damit klar. Das ist sehr gesund. Menschen mit hohem Neurotizismus dagegen sind sich der grundlegenden Unsicherheit sehr bewusst. Sie spüren stark, dass das Leben eine Krise nach der anderen bringt, einen Stressor nach dem nächsten. Deshalb entwickeln sie Gewohnheiten, um diese starken und sehr unangenehmen Gefühle irgendwie loszuwerden.
Wo liegen die Ursachen? Es gibt einen genetischen Anteil. Er erklärt schätzungsweise ein Drittel der Unterschiede zwischen Menschen. Daneben spielen frühe Erfahrungen eine Rolle. Wenn Kinder den Eindruck bekommen, die Welt sei ein gefährlicher Ort, dann können sie diese Illusion von Kontrolle nicht entwickeln. Sie haben das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen. Das kann durch schlimme Erfahrungen entstehen. Kinder können es aber auch einfach von ihren Eltern lernen, wenn diese selbst ängstlich sind.
Auf das Schlimmste vorbereitet sein, auf das Beste hoffen – eine Illusion von Kontrolle
Samurai-Krieger hatten zwei wesentliche Mittel, um ihr Bestes zu geben: Sie trainierten extrem hart, und sie bereiteten sich auf das Schlimmste vor.
Das zweite Element, die sogenannte „negative Visualisierung“, hat seine Wurzeln im Stoizismus. Es zeigt, dass man tatsächlich viel Seelenfrieden gewinnen kann, wenn man sorgfältig, detailliert und bewusst darüber nachdenkt, wie schlecht die Dinge laufen könnten. In den meisten Situationen werden Sie dann feststellen, dass Ihre Ängste oder Befürchtungen in Bezug auf diese Situationen übertrieben waren.
Ein weiterer Vorteil dieser Visualisierung ist: Wer alle Ausgänge eingeplant hat, fühlt sich kontrollierter. Navy SEALs durchlaufen ein solches psychologisches Training, damit sie sich jederzeit unter Kontrolle fühlen. Laut Neurowissenschaft kann das Gehirn so lange normal funktionieren, wie wir die Illusion der Kontrolle aufrechterhalten, durch Training und Visualisierung.
Menschen sollen lernen, dass es nicht gefährlich ist, gelegentlich starke Emotionen zu haben. Sie gehören zum Leben und zum Menschsein. Besonders wichtig ist es, Patienten mit ihren Gefühlen zu konfrontieren. Sie müssen diese Emotionen erleben, ohne all die ausgefeilten Vermeidungsstrategien einzusetzen, die sie entwickelt haben. Viele dieser Strategien sind ihnen gar nicht bewusst.

Resonanz und Unverfügbarkeit
Beginnen wir mit dem Resonanzbegriff, wie Hartmut Rosa ihn geprägt hat. Resonanz hat bei ihm vier Eigenschaften.
Erstens: Das Gegenüber berührt oder bewegt mich. Ich bin empfänglich. Interesse regt sich. Man lässt sich anrufen. Da spricht etwas zu mir.
Zweitens erlebt man sich als selbstwirksam. Man nimmt nicht nur passiv auf. Man ist auch selbst in der Lage, dieses Andere zu erreichen, im Gespräch oder durch ein Handwerk, etwa der Bäcker seinen Teig.
Drittens kommt die Verwandlung. Die Wirkung transformiert mich selbst und auch den anderen.
Viertens gibt es das Moment der Unverfügbarkeit. Man hat es mit einem Gegenüber zu tun, das sich immer auch ein wenig entzieht, widerspenstig und eigensinnig bleibt. Ich habe das Andere nicht vollständig unter Kontrolle.
Ein Gegenüber muss also zunächst verfügbar sein. Ich muss ein Buch besitzen, um es lesen zu können. Zugleich muss es teilweise unverfügbar bleiben. Sobald alles verfügbar ist, ist die Beziehung tot. Es sollte immer noch das Gefühl da sein, dass ich damit noch nicht ganz fertig bin.
Die Moderne ist darauf ausgerichtet, alles verfügbar zu machen. Alles muss optimiert, gesteigert und beschleunigt werden. Das setzt Beherrschbarkeit und Berechenbarkeit voraus. Beides steht im Konflikt mit Unverfügbarkeit.
Resonanz lässt sich also nicht erzwingen. Wenn du dich auf einen anderen einlässt, weisst du nie genau, was dabei herauskommt. Dabei sind wir auch verwundbar. Es kann schiefgehen.
Resonanz kann auch Disharmonie oder Irritation sein. Resonanz ist nicht Konsonanz, also nicht reine Harmonie. Reine Dissonanz ist sie aber auch nicht. Man kann sich massiv widersprechen, solange man sich berühren lässt.
Resonanz lässt sich nicht auf Knopfdruck herstellen, etwa in kleinen Wellnessoasen oder im Konzert.
Der Tod ist ganz unverfügbar, schweigend unverfügbar. Ein Monster der Unverfügbarkeit ist zum Beispiel die Atombombe.
Mit dem Tod selbst können wir nicht in Resonanz treten. Wohl aber mit dem Sterblichen: mit dem Leben, mit anderen Menschen, mit unserer Verletzlichkeit und mit dem Bewusstsein, dass alles Endliche nicht vollständig verfügbar ist.
Vielleicht liegt darin eine zentrale Lebensaufgabe: Unvollkommenheit auszuhalten, ohne sich selbst aufzugeben, und Unverfügbarkeit zuzulassen, ohne in Passivität zu verfallen. Wir können trainieren, uns vorbereiten und Verantwortung übernehmen. Aber wir können nicht garantieren, dass alles gelingt.
Wie im Tennis kommt es deshalb nicht darauf an, jeden Punkt zu gewinnen. Entscheidend ist, nach dem verlorenen Punkt wieder bereit zu sein für den nächsten Ball.
Quellen:
Roger Federers Rede am Dartmouth College
Hartmut Rosa, Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp
Foto von Sydney Moore auf Unsplash
Letzte Aktualisierung durch Dr. med. Thomas Walser:
04. September 2026
