Quarterlife-, Midlife- oder Wechseljahr-Krise
»Wohl in der Mitte unsres Lebensweges geriet ich tief in einen dunklen Wald, so vom graden Pfade ich verirrte.« Dante Alighieri
Erschöpfung, Schlafstörungen, depressive Stimmung, Muskelschmerzen oder Harnwegprobleme und selbst Trockenheit der Scheide und vermehrter Haarausfall…
Man beobachtet einen Anstieg dieser Beschwerden in den Wechseljahren… aber auch in sämtlichen Lebensphasen, von der Jugend bis ins hohe Alter. Jedoch gehäuft vor und um die Zehnerjahre, also schon gegen 30, dann 40 und eben um 50jährig! Weiter dann auch wieder gegen 60 und 70.
Diese runden Geburtstage haben es in sich: Man rekapituliert dann sein bisheriges Leben und schaut nach vorne. Was hat man “erreicht”, was will man noch… Dies alles kann in eine eigentliche Krise führen. Man/frau nennt sie dann auch “Quarterlife-” oder “Midlife-Krise”.
Es sind Sinnkrisen.
Quarterlifekrise
Krisen entstehen oft durch entscheidende Weichenstellungen im Leben. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Berufswahl zwischen 20 und 30, die zur sogenannten Quarterlife-Krise führen kann. Die grosse Freiheit, die junge Menschen heute geniessen, wird dabei schnell zur Bürde: Wir selbst müssen über unser Leben entscheiden. Niemand nimmt uns diese Verantwortung ab. Sartre nannte das treffend eine „Verurteilung zur Freiheit“.
Im Kern der Quarterlife-Krise steht die Angst, durch falsche Entscheidungen in der Fülle der Möglichkeiten ein erfülltes Leben zu verpassen. Die Optionen, die sich jungen Menschen bieten, sind kaum zu überblicken, während frühere Entscheidungen den künftigen Weg bereits prägen. Doch Freiheit existiert nie im luftleeren Raum. Sie wurzelt in der Realität – in Interessen, Talenten oder in Tätigkeiten, die uns innerlich aufleuchten lassen. Gleichzeitig bleibt jede Situation, so festgefügt sie scheint, offen für Veränderung.
Ein häufiger Irrtum in der Quarterlife-Krise ist die Annahme, nach den „grundsätzlichen“ Entscheidungen der 20er sei der Lebensweg festgelegt. Tatsächlich aber ist das Leben ein fortwährender Prozess aus Entscheidungen, die erst zusammen den grossen Entwurf formen. Die 20er werden oft überschätzt: Jede Wahl erscheint unter innerem und äusserem Druck als „die“ entscheidende. Doch nach den 20ern kommen die 30er, dann die 40er – und mit ihnen neue Entscheidungen. Die existenzialistische Einsicht, zur Freiheit „verurteilt“ zu sein, beschreibt keinen pessimistischen Zustand, sondern birgt enormes Potenzial.
Denn die 20er sind kein entscheidungsträchtiger Flaschenhals, sondern die erste Begegnung mit der Vielfalt der Möglichkeiten. Diese Erkenntnis relativiert die Vorstellung von „der“ einen Lebenswahl. Stattdessen rückt sie die vielen kleinen Entscheidungen in den Fokus, die den individuellen Lebensentwurf prägen – ein Entwurf, der sich nie abschliessend festlegen lässt. (1)
Emerging Adulthood
Die Phase des „Emerging Adulthood“ dauert heute meist von 18 bis 29 Jahren.
Viele kennen diese „Krise“ nicht. Sie setzen sich in ihren Zwanzigern unrealistisch hohe Erwartungen. Ich erlebe oft, wie erleichtert junge Menschen sind, wenn sie davon erfahren. Plötzlich fühlen sie sich normal, und der Druck nimmt ab. Es ist wichtig, dass möglichst viele wissen: In den Zwanzigern muss man sich noch nicht wie ein vollendeter Erwachsener fühlen.
Auch besorgte Eltern sollten das verstehen: Euer Kind bleibt nicht ewig unsicher und instabil. Mit 30 – bei manchen schon mit 28, bei anderen erst mit 34 – haben die meisten stabile Strukturen für ein Erwachsenenleben aufgebaut.
Die Quarterlife-Krise ist im Kern eine Identitätskrise. Man stellt sich die grossen Fragen des Lebens und findet keine Antworten. Es geht weniger um Sicherheit als um Struktur und Fokus. Deshalb sollte man sich immer wieder fragen: Worauf richte ich mein Leben aus? Was will ich erreichen? Was wünsche ich mir? Die Zwanziger sind die ideale Zeit, um gross zu träumen.
Wie können Eltern helfen, dass ihre Kinder den Mut nicht verlieren? Indem sie zuhören und Fragen stellen, ohne zu bewerten. Es schmerzt manchmal, zu erkennen, dass man ihr Leben nicht für sie leben kann. Doch man kann sie unterstützen, gute Entscheidungen zu treffen.(4)
Geriatric Millenials
Jetzt werden die ersten der Teenager vom letzten Jahrtausendwechsel 40 und bezeichnen sich selbstironisch als „Geriatric Millennials“. Es fühlt sich oft so an, sagen sie, als wäre das Leben eine Reihe an Krisen, die es irgendwie zu bewältigen gibt – bei gleichzeitig deutlich weniger existenzieller Sicherheit als bei den vorangegangenen Generationen. Für die heraufbeschworene stinklangweilige Bürgerlichkeit, aus der man dann entsprechend ausbrechen kann, fehlt es an Zeit und Geld (3).
Kann es sein, dass man um zu wachsen, nicht zu wenig seine Komfortzone verlässt, sondern im Gegenteil zu viel!

…und das Gegenbeispiel:
Glück mit Falten: die Midlife-Boomer
Wir brauchen ein neues Bild vom Altern. Zu viele Menschen glauben noch, dass es vom 50. Geburtstag an abwärts geht. Mit dem Leben. Mit der Karriere. Mit der Gesundheit. Mit dem Glück.
Das aber ist ein Trugschluss, wie neue Studien zeigen. Sie deuten darauf hin, dass die Menschen ab 50 glücklicher und zufriedener werden. Die Glückskurve stellt sich als U-Form heraus, mit einem statistischen Tiefpunkt im Alter von 46. Auch die Lebenszufriedenheit ist im Alter noch weit höher als in der Phase der frühen Erwachsenenzeit. Hinzu kommt der demografische Wandel. Menschen um die 50 werden künftig gefragt sein, weil sich der Mangel an Facharbeitern kontinuierlich verschärft (2).
Sinnkrise und körperlicher Abbau bei alternden Männer
Zwar wird das Älterwerden der Männer gesellschaftlich nicht so tabuisiert wie bei den Frauen: Viele Männer gelten in ihren Fünfzigern noch immer als attraktiv. Im Gegensatz zu Frauen, die oft das Gefühl haben, sie seien «unsichtbar» geworden. Doch auch viele Männer spüren um die Lebensmitte herum eine gewisse Sinnkrise sowie einen körperlichen und geistigen Abbau. Besonders heftig können diese Beschwerden werden, wenn es scheint, als ob die Lebenschancen vertan wären. Einige Männer können nicht verschmerzen, dass ihnen der «grosse Wurf» nicht gelungen ist und es vielleicht keine Chancen mehr geben wird, andere hadern mit unerfüllten Wünschen und Träumen.
Apropos Midlife-Krise. Diese wird oft im Zusammenhang mit einem radikalen Wechsel im Leben eines Mannes vermutet. Und natürlich gibt es diese Wendepunkte, wie den 50-Jährigen, der zum ersten Mal Vater geworden ist und konfrontiert wird mit der Herausforderung, aber auch Freuden welche dies mit sich bringt. Frauen haben diese Chance einer späten Familiengründung nicht mehr, und die Beziehung zu einem jüngeren Mann ist nicht so selbstverständlich wie im umgekehrten Fall. Aber der 50-Jährige, der mit der halb so alten Blondine auf seiner Harley in den Sonnenuntergang braust, ist ein Klischee, das immer weniger der Realität entspricht.
Auch der typische Marathonläufer ist heute zwischen 40 und 50 Jahre alt… und steckt in einer Midlifecrisis (zur Bewegung als Selbsttherapie der Psyche)!
Sinnfragen lassen sich auch bei Männern nicht mehr jahrelang hinausschieben, denn das Leben ist, egal ob man Mann ist oder Frau, eine einzige grosse Herausforderung.
Weiterlesen über Männergesundheit >> und über den Marathonläufer um die 50ig >>
Die Hälfte des Lebens, sie lehrt uns neu, was peripher und was wesentlich ist
„Vielleicht muss man ja – metaphorisch gesprochen – die Mitte des Lebens erreicht haben, um nach den Rändern seines Lebens greifen zu können: dorthin, wo über die Jahre so manches liegen geblieben ist, dem wir bisher keine oder wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben, weil wir viel zu beschäftigt waren mit den angeblich «zentralen Dingen» (Ego, Ansehen, Ruf, Karriereplanung etc.).
Die Hälfte des Lebens, sie lehrt uns neu, was peripher und was wesentlich ist.“
(Kaltërina Latifi, und Literaturwissenschaftlerin. im DAS MAGAZIN, 13/2024)
Resilienz – unser „mentale Muskel“ zur Bewältigung von Krisen
Mit “Resilienz” wird in der psychologischen Forschung die psychische und physische Stärke bezeichnet, die es Menschen ermöglicht, Lebenskrisen, wie schwere Krankheiten oder auch ein Burnout ohne langfristige Beeinträchtigungen zu meistern. Kurz: Gedeihen trotz widriger Umstände.
Resiliente Menschen kann man mit einem Boxer vergleichen, der im Ring zu Boden geht, ausgezählt wird, aufsteht und danach seine Taktik grundlegend ändert (resilience = englisch: Elastizität, Spannkraft – “resilire”, lat. abprallen). Resilienz wurde auch schon “the mental muscle everyone has” genannt oder das “Immunsystem unserer Seele”.
Weiterlesen über die Resilienz>>
Das 50. Lebensjahr als positiver Wendepunkt >>>
Literatur:
„In The Middle Passage: From Misery to Meaning in Midlife“ bietet der Jungianische Analytiker James Hollis eine Fackel an, um die gefährliche Dunkelheit der Lebensmitte in einen Scheiterhaufen tiefgreifender Transformation zu verwandeln – eine ebenso schöne wie erschreckende Gelegenheit, sich die Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster neu vorzustellen, die man sich im Laufe der Anpassung an die Traumata und Anforderungen des Lebens angeeignet hat, und endlich das authentische Selbst unter dem Kostüm dieser vorläufigen Persönlichkeit zu bewohnen.

Alle reden vom Erwachsenwerden oder dem nahenden Ende. Aber die Mitte zählt. Hinter den Krisen, die mit der Lebensmitte einhergehen können, entdeckt Barbara Bleisch die potentiell beste Zeit unseres Lebens.
Im Leben ist irgendwann vieles entschieden: wen wir lieben, wo wir arbeiten, wie wir wohnen. Manche sind froh, angekommen zu sein – andere fürchten, festzustecken in einem Leben voller Routinen, und fragen sich, ob es das schon war. Wie finden wir neue Lebensziele, wenn vieles erreicht ist? Wie gehen wir damit um, dass sich die Zeithorizonte langsam verengen und einige Züge mittlerweile abgefahren sind? Philosophisch fundiert und voller Bezüge aus dem Alltag denkt Barbara Bleisch nach über Lebenserfahrung, Leichtigkeit und Gelassenheit. Dem Klischee der „midlife crisis“ setzt sie eine Philosophie der Lebensmitte entgegen, die hineinführt in die existenziellen Fragen unserer Jahrzehnte als Erwachsene – und in die beste Zeit unseres Lebens.
(Barbara Bleisch, Mitte des Lebens – eine Philosophie des besten Jahre, 2024)
Quellen:
(1) „Quarterlifekrise als Chance“ von Hendrik Buchholz in PhiloMag, 05/2023
(2) Weiterlesen über Midlife-Boomer
(3) Millennials in Midlifecrisis – Ist das schon alles? Lakonisch Elegant – Deutschlandfunk Kultur · 23.03.2023
(4) Emerging Adulthood
DAS MAGAZIN NR. 12/2023
Sonntagszeitung, 14.05.2017: „Männer altern anders“
Foto von Martin Reisch auf Unsplash
Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
04. September 2025
