Wohin mit Fassungslosigkeit, Trauer, Sorge, Neid, Ekel, Wut, Ärger, Schuld und Scham und all den unangenehmen Gefühlen, die uns derzeit überkommen? Bloss nicht unterdrücken, raus damit! Das erleichtert das Herz. Diese Ansicht galt inzwischen als allgemein akzeptiert. Gefühle zu verbergen, verschlimmert alles, sagt der Küchenpsychologe und stimmt mit Fachleuten überein. Bisher.
Was hat sich hier verändert? Ich versuche der Konfrontation mit sogenannt negativen Gefühlen, die unangenehm sind, hier auf die Spur zu kommen. Wir werden bemerken, dass der Weg beim Neid (Ressentiments) häufig in der Aufarbeitung eines Opfernarrativs besteht – oder bei der Scham über das Abrücken vom Optimieren und einem übermässigen Perfektionsanspruchs an uns selbst.
Grün vor Neid – Die Geschichte eines hässlichen Gefühls
Menschen blicken oft nach oben. Egal, wie gut es einem geht, jemand ist immer schöner, reicher, gesünder, klüger. So klagt man selbst ohne ernsten Grund auf hohem Niveau.
Hinter diesem Verhalten steckt ein verpöntes Gefühl: Neid. Eine Studie der Psychologischen Hochschule Berlin von 2022 zeigt, dass die Neigung zum Neid über die Jahre stabil bleibt. Man befragte 1229 Deutsche dreimal in sechs Jahren. Manche reagieren stärker mit Missgunst auf das Glück anderer. Hinweise deuten darauf hin, dass Frauen und junge Menschen etwas stärker zu Neid neigen. Die Unterschiede sind klein, aber statistisch signifikant. Die zentrale Frage war, wie stabil die Neigung zum Neid über die Zeit bleibt.
Es geht um Attraktivität, Intelligenz und Materielles
Neid hat drei Dimensionen: Attraktivität, Kompetenz und Materielles. Man missgönnt anderen ihre Schönheit, Intelligenz oder ihren Wohlstand. Nicht jeder reagiert gleich stark auf alle Dimensionen. Der Vergleich muss für den Einzelnen wichtig sein, um Neid zu erzeugen. Frauen reagieren stärker auf Vergleiche in Attraktivität und Kompetenz, während beide Geschlechter gleich auf materiellen Wohlstand neidisch sind. Junge Menschen empfinden mehr Neid, da sie ihre sozialen Rollen erst finden. Auf der Suche nach Partner, Karriere und Lebensziel vergleichen sie sich stärker. In den mittleren Jahren haben sich die meisten in ihre Rollen eingefügt und weniger Zeit für Vergleiche.
Die Studie zeigt, dass die Neigung zu Neidgefühlen im Laufe der Jahre kaum abnimmt. Wer ständig missgünstig ist, wird dies wohl nie ganz ablegen. Und wer anderen ihr Glück gönnt, bleibt dabei. Die Neigung zum Neid ist eine stabile Facette der Persönlichkeit.
Neid ist unvermeidlich – aber ist er konstruktiv oder zerstörerisch?
Warum existiert Neid? Hat er einen Zweck wie andere Emotionen? Soll er uns verbessern oder das Gegenteil bewirken?
Dieses Gefühl hat auch gute Seiten. Es regt an, Ungerechtigkeiten anzuprangern, schärft den Gerechtigkeitssinn und bildet so eine Grundlage des moralischen Bewusstseins. Ein durch Neid geschärfter Gerechtigkeitssinn zeigt, dass man sich für Fairness einsetzen kann, und motiviert dazu.
Schmerzhafte Gefühle von Ungerechtigkeit oder Verlusten, die wir erleiden und nicht ändern können, müssen nicht zu Feindseligkeit führen. Wenn wir sie psychisch verarbeiten, können sie uns motivieren, uns für mehr Gerechtigkeit zu engagieren.
Neid kann auch ein starkes Motiv sein, sich anzustrengen und anderen gleichzutun. In diesem Fall spornt er zu Leistungssteigerungen an. Entscheidend ist, wie wir Neid psychisch verarbeiten.
Wir sollten uns unseren Neidgefühlen nicht ausliefern und sie nicht wuchern lassen, bis sie in Verbitterung und Ressentiments münden. Vielmehr sollten wir sie wahrnehmen und prüfen, was sie über uns und unser Verhältnis zu anderen sagen, um dann konstruktiv mit ihnen umzugehen. So werden auch peinigende Gefühle zu einer wertvollen Ressource.
Für alle Gefühle gilt: Wir reagieren emotional. Unsere Emotionen sind unserem bewussten Willen nur teilweise zugänglich. Negative Gefühle helfen, sich gegen Übergriffigkeit, Dominanz, Ungerechtigkeit oder Vereinnahmung abzugrenzen und unsere Souveränität zu schützen. Sie sind daher von grosser Bedeutung. Auch positive Gefühle haben eine problematische Seite, denn ein Zuviel an liebevoller Nähe kann Instrumentalisierung bedeuten.
Neid entspringt der Ungleichheit von Lebensumständen, Klimabedingungen und sozialen Merkmalen. Wir sind darauf gepolt, diese Ungleichheiten wahrzunehmen und unseren Platz in der Hierarchie zu finden. Neid ist unvermeidlich, aber ist er konstruktiv oder zerstörerisch? Das Team von Hidden Brain Podcast zeigt, wann Neid zur Mordwaffe wird. Wenn es nicht mehr darum geht, so gut zu werden wie andere, sondern sie auf das eigene Niveau herunterzuziehen. In einer Studie freuten sich Hardcore-Sportfans, wenn ein Spieler des Rivalenteams schwer verletzt wurde. In einer anderen Studie empfanden manche Freude, wenn amerikanische Soldaten im Irakkrieg starben, weil es die andere politische Partei schlecht aussehen liess.
(Quellen: Studie von Elina Erz und Katrin Rentzsch von der Psychologischen Hochschule Berlin & Hidden Brain Podcast: Counting Other People’s Blessings, 11/2019)
Posttraumatische Verbitterungsstörung

Wir irren uns, was uns in der Zukunft glücklich machen wird
Hier müssen wir einen sehr wichtigen Aspekt der Dinge betrachten, die uns neidisch machen: „Miswanting“. Miswanting ist ein sehr treffender Begriff aus der Psychologie. Er bezeichnet ein Fehlwunsch oder Fehlwollen und ist der Akt, sich darüber zu irren, was und wie sehr uns Attraktivität, Intelligenz und Materielles in der Zukunft glücklich machen wird. Unser Hirn gibt uns diese problematische Vorstellung, dass wir diese Dinge benötigen, um glücklich zu werden. Damit liegen wir aber komplett falsch und werden ständig fehlgeleitet. Sie machen nämlich nach Langzeitstudien höchstens mickrige 10% aus, die wir damit unser Wohlbefinden heben können (mehr zu Miswanting hier).
Der Baum ist zufrieden mit dem, was er ist
„Der Gipfel des Glücks ist dies: das sein zu wollen, was man ist.“ ~ Erasmus von Rotterdam
Ein Baum ist völlig zufrieden mit dem, was er ist, ebenso wie meine Katze und der Regen, der an diesem Morgen trostlos fällt. Wenn ich bereit wäre, meine „wahre Natur“ zu akzeptieren, wäre ich überglücklich.
Das „Miswanting“ zeigt sich darin, dass ich sein will, was ich bin UND ich will glücklicher, gesund, gemocht, wichtig, reich, usw. usw… sein.
Das ist genau so verrückt wie wenn der Baum denken würde: „Es ist ja schon in Ordnung, eine Eiche zu sein, aber ich möchte auch ein Adler sein!“.
Theodor Fontane hat auch schon gewusst, wie es besser geht. Er soll gesagt haben: »Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.«
Schuld und Scham
Was ruft in uns die sehr unangenehmen Schuld- und Schamgefühle wach:
- Das Gefühl, nicht genug zu sein
- Die Angst, etwas Falsches gesagt zu haben
- Die Sorge, ein schlechter Elternteil zu sein
- Die Unfähigkeit, Nein zu sagen
- Das Problem, nicht abschalten zu können
- Das bedrückende Gefühl, es zu gut zu haben
- Das ständige Gefühl, Fehler gemacht zu haben
- Sich selbst nicht verzeihen können
(Aus einer grossen Leserumfrage der ZEIT, 2023)
Woher stammen diese Annahmen und Glaubenssätze, die Schuld und Scham auslösen können?
Vielleicht hast du es schon geahnt: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem grossen Einfluss sozialer Medien auf unser Leben, der abnehmenden Bedeutung von Wertesystemen wie Religion, Nation oder traditioneller Familie und der ständigen Flut von Ereignissen und Katastrophen, die uns privat und beruflich fordern. Wir hetzen durch den Tag, jonglieren mehrere Jobs und fühlen uns oft, als hätten wir kaum Kontrolle über unser Leben.
Schuld entsteht, wenn man das eigene Ideal verfehlt. Scham ist dann wie eine Wunde am eigenen Selbst.
Wege aus Schuld und Scham: Sich selbst verzeihen
Was heisst es, sich selbst zu verzeihen? Und warum gelingt es manchen nicht? Forschende befragten online 80 Menschen, ob sie in der Vergangenheit etwas getan hätten, das Vergebung von sich selbst erfordere, und ob sie diese erreicht hätten. Etwa die Hälfte antwortete, sie habe sich selbst vergeben. Die anderen gaben an, dazu nicht in der Lage gewesen zu sein – auch nach langer Zeit nicht.
Wer sich selbst vergeben konnte, beschrieb den Prozess als mühsam und nie ganz abgeschlossen. Es brauchte wiederholtes Nachdenken und bewusste Anstrengung. Diese Menschen akzeptierten schliesslich ihre Fehler und ihre Grenzen. Sie betonten, dass Selbstvergebung eine bewusste Entscheidung sei. Gedanklich lebten sie vor allem in der Gegenwart und blickten in die Zukunft. Die Vergangenheit hatte für sie an Bedeutung verloren.
Anders erging es jenen, die sich nicht vergeben konnten. Sie fühlten sich dem Ereignis noch immer nah, als sei es „erst gestern“ geschehen, obwohl es oft Jahre zurücklag. „Es ist zwanzig Jahre her, aber ich fühle mich immer noch schrecklich“, sagte ein Teilnehmer. Eine Frau erklärte: „Ich spüre immer noch Reue, Schuld und Traurigkeit. “ Diese Menschen konnten ihr Versagen nicht akzeptieren und blieben in der Vergangenheit gefangen. Innerlich schwankten sie zwischen Schuld, Scham und Verantwortung. (Woodyatt, L. u. a. (2025). What makes self-forgiveness so difficult (for some)? Understanding the lived experience of those stuck in self-condemnation. Self and Identity. DOI: 10.1080/15298868.2025.2513878)
Soziale und moralische Normen
Eifrig predigende Priester und auch brutale Polizisten können moralisch-religiöse oder weltliche Gesetze durchsetzen. Viel wirkungsvoller ist es aber, wenn die Religion oder die Polizei im Inneren verankert ist und der Einzelne sich selbst durch Schuldgefühle kontrolliert. Vor den Priestern und Polizisten kann man sich verstecken, vor Schuldgefühlen nicht. Dieser Zusammenhang verstanden schon Nietzsche und später Sigmund Freud.
Auch unsere moderne Demokratie zeigt sich anfällig für Neid-, Schuld- und Schamdebatten: Ihr Gleichheitsversprechen weckt stets das Bewusstsein für dessen Nichterfüllung.
„Toxisch“ ist das Schlagwort der Stunde. Beziehungen gelten als toxisch, ebenso die Menschen darin. Auch Nahrungsmittel, Umwelteinflüsse und Zigaretten tragen dieses Etikett. Doch besonders toxisch sind unsere Ressentiments. Wir erleben eine Blütezeit, in der sich identitärer Abgrenzungsfuror mit identitätspolitischer Opferkonkurrenz, Hate Speech und Cancel Culture vermischt.
Cynthia Fleury präsentiert in ihrem wunderbaren Buch (Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben; Suhrkamp, Berlin 2023) die Facetten eines allgegenwärtigen Gefühls, dessen Überwindung jedoch die wahre Freiheit verspricht. Denn wer frei ist von Ressentiment, der ist auch frei vom Zwang zur Gleichheit: Er ist bei sich und nicht woanders. Daher hat er die Kraft zur Veränderung, die jemand mit Ressentiments nicht aufbringen kann, da er sich »häuslich eingerichtet« hat in seinem Schmerz als Opfer.
Im Untertitel des Buches spricht Fleury von Heilung und meint damit eine psychotherapeutische Praxis, die dem Einzelnen ermöglicht, seine trügerische Liebe zum Schicksal, den Amor Fati, zu erkennen. Fleury glaubt, dass Opfererzählungen nicht nur emanzipatorisch, sondern auch tyrannisch wirken können und so das kollektive Verantwortungsgefühl untergraben. Eine ständige Wiederholung leidvoller Urszenen führt nicht zwangsläufig zur Heilung, sondern verfestigt das Leiden.
Religion und schlechtes Gewissen
„Gott ist ein gemeiner, kämpferischer Tyrann, der sich an seinen Kindern rächen will, weil er seinen unmöglichen Ansprüchen nicht gerecht wird.“ – Walt Whitman
Projektion? Ich habe keine Ahnung, ob Walt Whitman das Konzept der Projektion kannte, aber er hätte uns keine bessere, klarere und offensichtlichere Demonstration liefern können. Es ist mir unmöglich, mir einen Gott vorzustellen, der in irgendeiner Weise „besser“ ist als ich. Der Gott, den ich erfunden habe, ist eine grössere Version von „mir“ mit viel mehr Macht zur Bestrafung und Rache. Das Ego verehrt diese Projektion und baut Kathedralen, um das Über-Ego anzubeten und nennt es Gott. Der unveränderliche liebende „Gott“ hat auch eine Kathedrale: in deinem Herzen.
Der Psychologe Gabriele Prati von der Universität Bologna präsentiert im Fachjournal «Psychology of Religion and Spirituality» nun eine mögliche Auflösung für das Paradoxon, dass es mit der glückspendenden Wirkung der Religiosität gar nicht so weit her ist. Die Ergebnisse legen nahe, dass der direkte Effekt von Religiosität für das Wohlbefinden keine praktische Relevanz hat.
Unzweifelhaft spielt Religion im Leben sehr vieler Menschen eine wichtige Rolle. Dies bedeutet aber nicht automatisch, dass Religion auch einen direkten und bedeutsamen Einfluss auf das Wohlbefinden hat.
Auf der anderen Seite können eben das schlechte Gewissen, das durch strikte, unerfüllbare Moralvorstellungen ausgelöst wird, sowie die damit verbundene Furcht vor göttlicher Strafe positive Effekte verringern oder gar neutralisieren.
Frauen und Scham
„Scham zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich schäme mich für die Haare um meine Nippel und die Stoppeln neben meiner Unterhose. Und dafür, dass ich nichts sage, wenn vermeintlich linke Männer nur Frauen respektieren, die sie hot finden. Ich schäme mich fürs Zu-laut-Sein und fürs Schweigen. Ich schäme mich dafür, dass es wehtut auszusprechen, was mir passiert ist.“ (Anna Dreussi in Wut ist weiblich, Porträt eines komplizierten Gefühls. REPUBLIK, 24.04.2023)
Anna Dreussi schreibt auch, dass es Frauen an Wut fehlt, die eine adäquate Antwort auf Scham sein kann. Wut setzt Energie frei und bündelt Aufmerksamkeit, um Unrecht aufzulösen. Wütend sein bedeutet auch, sich nicht mehr ständig infrage zu stellen. Wütend sein bedeutet, sich selbst zu vertrauen. Wut beendet das selbstlose Tragen der Schuld anderer.
Anna Rosenwasser, feministische und queere Autorin und Schweizer-Nationalrätin, nach ihrem „Scheitern“ vor jugendlichem Podium: „Es ist gut, wenn andere junge Menschen auch mal einer Politikerin dabei zusehen, wie sie scheitert. Sie muss nicht perfekt sein und muss sich deshalb nicht schämen. Ich will die Messlatte dort ansetzen, wo sie Sinn ergibt: beim Dazulernen.„
Scham, Ärger und Stress bei Männern
Im Gegensatz dazu, werden Männer die sich schämen, oft wütend. Dieser Ärger hilft ihnen, die Scham besser zu bewältigen. Scham und Ärger verstärken sich, wenn Männer unter Stress stehen. Das ergab eine Studie von sechs Wissenschaftlern, die rund 1000 Männer im Alter von 19 bis 86 Jahren untersuchten.
Die Teilnehmer beantworteten Fragebögen, etwa wie oft sie sich beschämt oder gestresst fühlten oder in kritischen Situationen überreagierten. Das Ergebnis: Psychischer Stress beeinflusst entscheidend, ob und wie stark Scham Ärger auslöst. Bei Männern, die ihr emotionales Unbehagen schwer beschreiben konnten, war der Zusammenhang noch deutlicher. Die meisten Männer bemerkten jedoch ihre unangenehmen Emotionen zumindest.
(Zac E. Seidler u. a.: Men’s shame and anger: Examining the roles of alexithymia and psychological distress. The Journal of Psychology, 2021)
Was tun, wenn ich wirklich Schuld habe?
Haben Sie jemanden verletzt oder geschädigt, ist es richtig, sich schuldig zu fühlen. Bitten Sie um Entschuldigung, leisten Sie Wiedergutmachung und überlegen Sie, wie Sie künftig anders handeln wollen. Wichtig ist, dass wir berechtigte Schuld vergeben, damit sie nicht wie ein Schatten über der Zukunft liegt. Fehler sind menschlich. Wer sich das eingesteht, lebt glücklicher und verzeiht auch anderen leichter.
Für den inneren Frieden ist es entscheidend, auch alle Geldschulden zu begleichen – besonders die bei Familie und Freunden. Richten Sie einen Dauerauftrag ein und zahlen Sie die Schulden leise und unauffällig ab.
Gefühle rauslassen oder verbergen? Oder was sonst?
Beim Neid und auch bei der Scham haben wir bereits gesehen, dass häufig ein unzufrieden machender Perfektionsanspruch meines Ideal-Ichs der Ursprung ist.
Bei der Schuld kann uns ein unheilvolles Anhaften an eine alte Opfergeschichte blockieren und zerstörende Ressentiments-Kräfte entwickeln.
Gefühle einfach mal rauszulassen, scheint also mindestens fraglich zu sein.
Ein Forscherteam um Jessica Jones von der Princeton University zeigte Testpersonen negative Bilder, etwa von einem weinenden Kind, einem Autounfall oder einem Friedhof. Die Wissenschaftler wiesen die Probanden an, unterschiedlich mit den Emotionen umzugehen: Entweder sollten sie die Gefühle zulassen oder das Gesehene positiv umdeuten, also auf weniger schlimme Details achten. Diese kognitive Neubewertung ist eine bewährte Strategie zur Emotionsregulation. Oder die Probanden sollten ihre Gefühle verbergen, sodass niemand merkt, was in ihnen vorgeht. Fühlen durften sie die Emotionen, darauf wiesen die Forscher ausdrücklich hin.
Die Ergebnisse, veröffentlicht im Personality and Social Psychology Bulletin, bestätigten, dass Neubewertung funktioniert: Die Teilnehmer empfanden weniger negative Emotionen als beim freien Zulassen. Auch das Unterdrücken der Gefühlsäusserungen zeigte Wirkung, wenn auch geringer als das positive Umdenken, aber stärker als das freie Ausleben der Gefühle.
Liegt die moderne Psychologie, beginnend mit Sigmund Freud und seinen Annahmen über die schädlichen Folgen der Verdrängung, also falsch?
Es stellt sich die Frage, ob es gut ist, nichts Schlechtes zu fühlen. Gefühle, auch negative, sind wichtige Signale, die zeigen, dass etwas nicht stimmt. Psychologen betonen, es sei wichtig, sich gut zu fühlen, um die Realität zu erkennen.
Zahlreiche Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen „expressiver Unterdrückung“ – dem Pokerface – und psychischen sowie sozialen Problemen. Jugendliche, die ihre Gefühle verbergen, leiden häufiger unter Depressionen und Ängsten. Erwachsene, die Gefühlsäusserungen unterdrücken, zeigen erhöhte Entzündungswerte, während diese bei Neubewertung niedriger sind.
„In den meisten Studien ging es darum, wie stark Probanden im Alltag Gefühlsäusserungen unterdrückten, ob sie das als dauerhafte Strategie nutzten“, sagt Jessica Jones. Sie untersuchte hingegen die Wirkung der Technik in einem bestimmten Moment. Der Effekt hängt auch vom Kontext ab, erklärt Jones. Eine Studie der Universität Heidelberg zeigte verstärkte depressive Symptome nur, wenn Probanden ihre Gefühle vor nahestehenden Menschen verbargen, nicht vor Fremden. Wer allein ein Pokerface aufsetzte, hatte sogar weniger depressive Symptome.
Sollte man nun angesichts der Weltlage ein Pokerface versuchen? Oder lieber konstruktiv an die Sache herangehen? Der Common Sense der Fachleute hilft: Es gibt keine Superstrategie, wichtig ist Flexibilität. Im Gehirn, nicht im Gesicht.
Negative Gefühle und mein Innerer Frieden
Es gibt Gefühle, die uns aus der Bahn werfen und den inneren Frieden stören – Wut und Ärger zum Beispiel. Wichtig ist, die Ursache des Ärgers zu erkennen, um wieder mit dem Leben in Einklang zu kommen. Ärger lässt sich „gewaltfrei“ ausdrücken, wenn wir begreifen, dass nie die andere Person uns wütend macht. Ärger entsteht durch unser Denken, wie Fritz Perls sagte. Dabei gilt es, Auslöser und Ursache zu unterscheiden. Was genau bringt uns in Rage? Welche Gedanken haben wir über die Person oder die Situation? Ärger entsteht oft, weil wir ein „sollte“ im Kopf haben: „Er sollte die Wohnung sauber halten. “ Dieses „sollte“ gehört zu den gefährlichsten Worten, die Menschen erfunden haben, so Marshall B. Rosenberg in der Gewaltfreien Kommunikation.
Der erste Schritt: Streichen Sie das „sollte“ und wandeln Sie es in ein Bedürfnis um. Wer mit seinen Bedürfnissen in Kontakt ist, wird nicht mehr wütend, sondern vielleicht frustriert oder traurig – aber nicht wütend. Wut entsteht, wenn wir uns vom Leben abkoppeln. Sobald Sie das „sollte“ durchschaut und die dahinterliegenden Bedürfnisse erkannt haben, könnten Sie etwa sagen: „Ich bin frustriert, weil mein Bedürfnis nach Respekt nicht erfüllt wird, wenn die Wohnung unordentlich ist. “
Es geht nicht darum, Wut zu unterdrücken, sondern sie zu durchleuchten und ihre Wurzel zu finden. Dort stossen wir immer auf unerfüllte Bedürfnisse. Sobald wir uns mit diesen Bedürfnissen verbinden, verschwindet die Wut, und der innere Frieden kehrt zurück. Wut ist nur möglich, wenn wir uns vom Leben trennen.
Ich schätze diese Gefühle – Wut, aber auch Schuld, Scham und Depression. Sie rütteln uns wach und zeigen, dass wir nicht wirklich leben, sondern uns in destruktiven Gedankenspiralen verlieren. Diese Spiralen rauben den inneren Frieden und machen keinen Spass.
Wie hängen Schuld, Scham und Depression mit Wut zusammen? Sie sind nach innen gerichtete Gewalt. Wer sich schuldig oder depressiv fühlt, sollte innehalten und die eigenen Gedanken beobachten. Oft tobt im Kopf ein Rudel wilder Wölfe, das unablässig aufzählt, was alles an einem falsch ist. Bei Wut richten sich diese Wölfe nach außen und greifen andere an.
Die positiven Seiten der Wut
Ursula Hess, die als Psychologieprofessorin an der Humboldt-Universität in Berlin zu Emotionen, auch zur Wut forscht. In ihrem Buch «Anger is a Positive Emotion», der 2014 erschienen ist, geht sie auf die positiven Seiten von Wut ein. Sie sammelt darin Ergebnisse aus verschiedenen Studien:
Wut setzt Energie frei und bündelt Aufmerksamkeit, um Unrecht aufzulösen. Und wütende Menschen sind energiegeladener, aktiver.
Wut ist das Gegenteil von Scham
„Was bedeutet es, einen weiblichen Körper zu haben? Die Wut findet keinen Platz hier zwischen meiner sanften Stimme und meinen geröteten Wangen und meinen zarten Gliedmassen und meinem Wimpernaufschlag wie aus einer Parfümwerbung. Ich bin eine Frau. Wir werden vergewaltigt und begrabscht und getötet und geschlagen und klein gehalten. Und am schlimmsten: Uns wird die Möglichkeit genommen, mit Wut darauf zu reagieren. Was uns bleibt, ist das Schämen.
Scham zieht sich durch ein ganzes Leben. Ich schäme mich für die Haare um meine Nippel und die Stoppeln neben meiner Unterhose, und dafür, dass ich nichts sage, wenn vermeintlich linke Männer nur Frauen respektieren, die sie hot finden, ich schäme mich fürs Zu-laut-Sein und fürs Schweigen. Ich schäme mich dafür, dass es wehtut auszusprechen, was mir passiert ist.
In dem Sommer sass ich oft in einer kleinen Bar im Berliner Ortsteil Neukölln. Und blieb so lange, bis meine Freunde gingen, bis mich niemand mehr kannte. Das mochte ich. Ich hatte manchmal das Gefühl, mich selbst auch nicht mehr zu kennen.
Dort empfahl mir eine Frau «King Kong Theorie» von Virginie Despentes, Autorin, Regisseurin, Feministin, Ex-Sexarbeiterin. Sie schreibt darin in ihrem Essay «Impossible de violer cette femme pleine de vice» über ihre Vergewaltigung: «Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die mich erzogen hat, ohne mir je beizubringen, einen Mann zu verletzen, der mir mit Gewalt die Beine spreizt, während die gleiche Gesellschaft mir eingetrichtert hat, dass das ein Verbrechen sei, von dem ich mich nicht mehr erholen dürfe.»
Nur ein reiner, unbefleckter Körper ist ein wertvoller Körper. Ein vergewaltigter Körper ist ein kaputter Körper. Dieser Wunsch nach Reinheit ist eine Diskriminerungsstrategie gegen die Körper, die sexualisierte Gewalt erfahren. Denn wer sich selbst verteidigt, wehrt sich gegen ein unterdrückendes System, das darauf basiert, unsere Körper zu kontrollieren. Wut ist nicht für uns.
Wütend sein bedeutet auch, mich nicht mehr ständig infrage zu stellen. Wütend sein bedeutet, sich selbst zu vertrauen. Wut beendet das selbstlose Tragen der Schuld anderer.“
(Quelle: „Wut ist weiblich, Porträt eines komplizierten Gefühls von Anna Dreussi , REPUBLIK, 24.04.2023)
Aggression: Ein Schutzmechanismus
Keine Belohnung
Betrachten wir unser faszinierendes Gehirn: Belohnt das Social Brain grundlose Aggression? Schüttet das Belohnungszentrum Dopamin aus, wenn jemand ohne Anlass einen Unschuldigen verprügelt? Nein. Null. Nada. Das Gehirn motiviert keine Gewalt, die nur dem Ausleben eines Verlangens dient. Aggression braucht einen Auslöser. Sie ist, anders als Lorenz und Freud annahmen, kein angeborener Trieb, der sich bei jeder Gelegenheit Bahn bricht. Heute sehen viele Wissenschaftler den „Aggressionstrieb“ als angeborene Neigung, die erst durch einen Auslöser aktiviert wird.
Aggression und Angst
Ein bemerkenswerter Punkt: Aggression und Angst entspringen derselben Hirnregion. Das eine lässt sich ohne das andere nicht verstehen. Erst ein äusserer Reiz zwingt den Menschen, mit Angst oder Aggression zu reagieren. Aggression ist also eine Antwort auf eine bedrohliche Situation. „Fight or flight“ – Kampf oder Flucht – nennt die Wissenschaft diese Reaktion auf extremen Stress.
Darwin selbst sah Aggression nicht als Instinkt oder Trieb. Für ihn stand das menschliche Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit im Vordergrund. Der Mensch strebt von Natur aus nach Gemeinschaft. Deshalb empfinden wir Ausgrenzung und Zurückweisung nicht nur als seelischen Schmerz, sondern auch als starke Auslöser für Aggression. Kein Wunder also, dass einsame Menschen oder solche, die Vernachlässigung und Gewalt erfahren, häufiger aggressiv reagieren.
„Der Aggressionsapparat erweist sich (…) als ein Hilfssystem des Motivationssystems: Bindung, Akzeptanz und Zugehörigkeit sind überlebenswichtig. Sind sie bedroht, reagieren die Alarmsysteme des menschlichen Gehirns. Als unmittelbare Folgen zeigen sich Angst und Aggression. “ (Joachim Bauer)
Ursachenforschung
Aggression dient vor allem dem Schutz. Doch warum reagieren nicht alle Menschen aggressiv? Ein Experiment mit Menschenaffen liefert Hinweise: Affenbabys, die von fürsorglichen Müttern aufgezogen wurden, zeigten später selbst mehr Fürsorge als jene, die von aggressiven Müttern grossgezogen wurden. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Mutter biologisch oder fremd war.
Das Experiment zeigt: Erlebte Gewalt prägt das eigene Verhalten. Fürsorgliche Erziehung führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu fürsorglichem Verhalten gegenüber den eigenen Kindern. Umgekehrt gilt das leider auch für Aggression. Gewalt erzeugt Gewalt – ein Teufelskreis, der die Bedeutung des sozialen Umfelds unterstreicht.
Weitere Faktoren verstärken Gewalt: Kinder, die Zeugen von Waffengewalt werden, verdoppeln ihr Risiko, in den folgenden zwei Jahren selbst schwere Gewalttaten zu begehen. Gewalttätige Straftäter haben in ihrer Kindheit häufiger Gewalt erlebt als gewaltlose Kriminelle.
Wäre es nicht klug, wenn der Staat stärker in Gewaltprävention investierte? Hilfe für Eltern in prekären Verhältnissen, Unterstützung in ärmeren Stadtteilen – all das könnte den Nährboden für Aggression und Kriminalität verringern. Sollten wir nicht Ausgrenzung und erlebte Gewalt bekämpfen, um Aggression zu verhindern?
Protopische Erkenntnis
Aggression ist ein angeborener Schutzmechanismus. Sie schützt vor allem unsere Bindungen und unsere Zugehörigkeit.
Negative Gefühle und Stoizismus
Hier bringen für mich wieder einmal die Philosophen des Stoizismus Licht hinein: Innerer Frieden oder „Seelenruhe“ ist für sie die Abwesenheit negativer Gefühle wie Bedauern, Zorn, Neid, Geiz, Scham, Schuld oder Rachegelüste. Gleichzeitig umarmen sie positive Gefühle wie Dankbarkeit, Freude oder Ehrfurcht. Ein Stoiker versucht, den negativen Gefühlen keinen Platz zu geben. Und sollten sie trotzdem kommen, kümmert er sich um sie. Er sucht nach einem Weg, wie sie ihm nicht schaden und wie er ihre Energie nutzen kann.
Sie versuchen zum Beispiel Rückschläge anders wahrzunehmen. Nicht als etwas Schlechtes, das Ihnen passiert, sondern als einen Test, den ein imaginärer stoischer Gott sich ausgedacht hat. Diesen Gott sollte man sich als einen guten Trainer vorstellen, der Menschen auf die Schwierigkeiten des Lebens vorbereitet. Er bringt Ihnen bei, durch Niederlagen weiterzukommen und diese bildlich umarmen zu lernen.

Weiterlesen:
- Wie die Stoiker mit unangenehmen Gefühlen umgehen
- Wie kann ich gelassener werden und Inneren Frieden erleben? Wie geh ich mit dem alltäglichen „kleinen“ Ärger, Wut, Sorgen oder Trauer um?
>>> Über negative Gefühle als Deck-Emotionen unserer Bedürfnisse - Krank und zufrieden
- Wann werden Sorgen zur krankhaften Depression?
- Über den Umgang mit Angst und Panik
Foto von Annie Spratt auf Unsplash
Letzte Aktualisierung:
23. Oktober 2025
