„Die Veränderungen, die in der Welt zu geschehen scheinen, nennen wir nur aufgrund unserer Unwissenheit real. Suche nicht nach der Wahrheit; höre nur auf, Meinungen und Urteile zu hegen.“
(aus dem „Xinxin Ming“ – altchinesisches Gedicht des Zen-Buddhismus)
Der Mensch wäre als rein rationales Wesen längst ausgestorben. Irrational zu sein, scheint der eigentliche Überlebensinstinkt des Menschen zu sein. Diese gewagte Behauptung fusst auf neurowissenschaftlicher Forschung der vergangenen zehn Jahre. Den vernunftbegabten Menschen gibt es demnach nicht, auch wenn der Mensch mächtig stolz auf seine Vernunft ist. Eine allgemeingültige Definition von Vernunft setzt voraus, dass Menschen dieselbe Vorstellung von der Welt haben, sie ähnlich empfinden, also nur eine Realität bestehen würde.
Ob ich in der Welt klarkomme, hängt jedoch stark davon ab, ob mein Gehirn es schafft, mich in meinem Umfeld sicher zu bewegen. Es muss sich aus den immens vielen Sinneseindrücke, die von aussen auf es einströmen, einen Reim machen.
Unsere mickrige Hirnleistung
Bescheidenheit ist angebracht in Angesicht unserer mickrigen Hirnleistung! Es leistet gerade mal 40-50 Bit/s. Es besteht aber ein chaotisches Netzwerk von Milliarden Faktoren über die wir keine Kontrolle haben. Allein schon unsere Augen senden pro Sekunde etwa 10 Mio Bit an Information zu unserem Hirn! Mein Computer macht da seinen Download schon im Gigabit-Bereich – und der ist nicht mal so chaotisch…

Realität oder unser „Ego“ ist „kontrollierte Halluzination“ oder „virtuelles Theaterstück“
Gemäss dieser Hirnforschung hat sich unsere Schaltzentrale im Laufe der Zeit zu einer Hochleistungsvorhersagemaschine entwickelt, welche die wichtigsten Informationen aus dem Datenstrom der Sinne herausfiltert und daraus Modelle der Wirklichkeit entwirft. Doch diesen vereinfachten Modellen fehlen dann natürlich sehr viele Informationen. Und weil jedes Gehirn ein bisschen anders filtert, sieht die Realität für jeden etwas anders aus. »Kontrollierte Halluzination« nennt das Philipp Sterzer, Neurologe und psychiatrischer Chefarzt an der Uni Basel. Sähen wir die Wirklichkeit so, wie sie ist, glaubt der Wissenschaftler, wären wir überfordert und tot, bevor wir eine Gefahrensituation erkannt hätten. Die «Halluzination» aber macht handlungsfähig. Sie ist ein Realitätsfilter, der das Gehirn zur Vorhersagemaschine macht. Diese präsentiert uns mit ihren gespeicherten Erfahrungen ein Bild der Welt, während wir noch die Informationen verarbeiten, die auf uns einströmen. Unser Gehirn lebt also gleichsam in der Zukunft und schützt uns so davor, in eine unerwartete Situation zu geraten. So ist es beim Tennisspiel in der Lage, die Position des Balls vorherzusagen, dessen Bewegung allein man nicht folgen könnte.
Dadurch ist selbst unsere Identität, das sogenannte „Ich“ oder „Ego“ eine ständig neu geforderte Konstruktionsleistung des Gehirns. Wir müssen uns unsere eigene Welt in jedem Moment neu konstruieren. Jeder für sich. Es ist wie ein „virtuelles Theaterstück“ (Michael Schmidt-Salomon).

Unsere Zertreutheit oder alltägliche Vergesslichkeit ist auch ein Ausdruck dieser mickrigen Aufmerksamkeitsleistung unseres Hirns
Vergessen ist nicht nur normal, sondern gesund. Unser Gehirn ist darauf programmiert, erklärt die Neurowissenschaftlerin Lisa Genova in „Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens“. Es wirkt fast amüsant, wie sehr Erinnerungen unsere Identität prägen, als wären wir die Summe unserer Erlebnisse. Doch statistisch gesehen sagen diese wenig über uns aus. Aus der jüngsten Vergangenheit behalten wir nur etwa drei Prozent unserer Erlebnisse. Was wir vergessen, verrät letztlich mehr über uns.
So viel zum ständigen und mühsamen Aufbau unseres Egos…
Dazu ein Top-Tipp: Do one thing at a time!
Denn da ist ja zudem ein alles verschlechterndes, gesellschaftliches Problem der Aufmerksamkeit:
Die westliche Welt erlebt eine Art Aufmerksamkeitskrise, niemand hat mehr das Gefühl, sich richtig fokussieren zu können. Aufmerksamkeit ist eine sehr spärliche Ressource, wenn es nach der Psychologin Gloria Mark geht, Autorin des Buches „Attention Span“ –eine, die mit der Zeit immer spärlicher wird. Marks Untersuchungen haben ergeben, dass im Jahre 2004 die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen vor einem Bildschirm noch bei zweieinhalb Minuten lag. Inzwischen ist sie auf 47 Sekunden gesunken. Und bedenken Sie, wir sprechen hier vom Durchschnitt. Es ist also gut möglich, dass ich oder Sie darunter liegen.
Unterschiedlich die Welt wahrnehmen
(aus: Republik: Warum deine Welt anders aussieht als meine)
Wir glauben, dass wir die Dinge auf eine bestimmte Weise erleben, weil sie so sind. Doch nun zeigt die Forschung: Menschen nehmen die Welt unterschiedlich wahr, ohne dass ihnen das bewusst ist. Die Folgen sind verblüffend.
Aphantasie
Wie Menschen mit Aphantasie, die ihr Leben lang davon ausgehen, dass visuelle Bilder nur eine Metapher sind, gehen auch Menschen mit Anendophasie – also einer fehlenden inneren Stimme – davon aus, dass die in Filmen so häufig vorkommenden inneren Monologe nur ein künstlerisches Hilfsmittel sind und nicht etwas, was die Menschen tatsächlich erleben.
Es ist naheliegend zu glauben, dass es einen Konflikt gibt zwischen dem Denken mit Sprache und dem Denken mit Bildern. Dazu passt die weitverbreitete Vorstellung, dass Menschen unterschiedliche «Lernstile» haben, wobei einige visuelle und andere verbale Lerntypen sind (was übrigens weitgehend falsch ist). Klar ist: In Bezug auf Bilder und innere Sprache gibt es eine leicht positive Korrelation zwischen der Lebendigkeit visueller Bilder und innerer Stimme. Das heisst, diejenigen, die angeben, mehr visuelle Bilder zu haben, berichten im Durchschnitt auch von einer ausgeprägteren inneren Stimme. Die meisten, die angeben, keine innere Stimme zu hören, berichten auch, weniger Bilder zu sehen.
Auch bei unserem Gedächtnis scheint es grössere Unterschiede zu geben als bisher angenommen. Im Jahr 2015 veröffentlichten die Psychologin Daniela Palombo und ihre Kollegen eine Arbeit, in der sie das «stark defizitäre autobiografische Gedächtnis» beschrieben. Es führt dazu, dass eine Person vielleicht weiss, dass sie vor fünf Jahren eine Reise nach Italien unternommen hat, aber sie kann keinen Erlebnisbericht abrufen: Sie kann also keine «mentale Zeitreise» unternehmen wie die meisten von uns. Auch den meisten dieser Menschen ist es nicht bewusst, dass sie ungewöhnlich sind. So ging Susie McKinnon, einer der ersten beschriebenen Fälle mit «stark defizitärem autobiografischem Gedächtnis», immer davon aus, dass Menschen, die ausführliche Geschichten über ihre Vergangenheit erzählten, die Details erfanden, um andere zu unterhalten.
Die Vernunft ist eine individuelle Überlebensstrategie
Und wo bleibt nun die Vernunft? Nochmals: Ob ich in der Welt klarkomme, hängt davon ab, ob mein Gehirn es schafft, mich in meinem Umfeld sicher zu verorten. Die Vernunft ist demnach eine individuelle Überlebensstrategie. Sie funktioniert nur mit klaren Überzeugungen, einem vereinfachten Weltbild. Mit diesen spart das Gehirn einerseits Energie und verstärkt andererseits Gruppenzugehörigkeit – beides sichert das Überleben.
Das eine Problem dabei: Wir haben gesehen, dass unser «schnelles Denken» voller Denkfehler und Heuristiken steckt, dass wir Mühe haben, etwas ausserhalb unserer Echoblase überhaupt zu bemerken, geschweige denn, anzuerkennen.
Weiterlesen: (Zu) „Schnelles Denken“ – auch der Ärzt*innen…
Daraus entsteht ein weiteres riesiges Problem: Ist das Weltbild etabliert, nimmt es Fakten, die nicht in das eigene Erfahrungsmodell passen, viel schwerer wahr. Dieser Bestätigungsdenkfehler ist der häufigste und grösste Denkfehler des Menschen.
Die neurologische Erklärung ist folgende: Probanden wurden in einen Kernspintomografen geschoben und mit Gegenargumenten zu ihren politischen Überzeugungen konfrontiert. Dabei zeigte sich, dass dieselben Gehirnregionen reagierten, die auch bei physischer Bedrohung aktiv werden.
Das bedeutet, unser Gehirn reagiert auf einen argumentativen Angriff genauso wie auf einen körperlichen Angriff.
Grundüberzeugungen kann man sich wie ein Haus vorstellen: Die vier Wände bilden Erziehung, Glaube, Freundeskreis und Zeitgeist. Dach und Boden bestehen aus anekdotischen Erfahrungen oder spekulativen Annahmen. In diesem Gebilde richten wir unser Leben ein. Taucht eine neue Information auf und wir lassen sie rein, bröckelt unser Wertegebäude. Wir wären bald obdachlos. Deshalb verteidigt unser Gehirn das Haus gegen den Eindringling, als ginge es um unser Leben. Das ist schön, aber auch dumm. Statt eines Hauses wäre ein Zelt besser, das sich leichter umgestalten lässt. Denn wenn wir unser Wertegebäude wie eine Festung von Argumenten abschotten, verfestigt sich unser Glauben und macht uns unerreichbar für neue Informationen. Besonders schade, wenn wir einem Irrglauben unterliegen.
Diesen Vorgang der Verteidigung des eigenen Weltbildes, das bedroht ist, nennt man auch die „Kognitive Dissonanz„.
Deshalb kann ich auch die Verschwörungsmystiker nicht verstehen: Während mir ihre Überzeugungen irrational erscheinen, sind diese aus ihrer Sicht völlig rational und kohärent. Sie passen wunderbar in ihr eigenes Weltbild. Vor die Wahl gestellt, entscheidet sich der Mensch für die Ruhe als die Wahrheit. Ja: eine unerwünschte, nicht zum eigenen Weltbild passende Information löst sogar häufig Wut und Frust aus.
Es ist für unser Gehirn also eine Frage der Ruhe und des Überlebens, vor allem wenn die Welt unsicher erscheint. Ein bisschen verrückt sind wir also alle.
Der fragile Mensch
Anders als andere Tiere haben Menschen keine natürlichen Instinkte, die für sie die Welt strukturieren. Stattdessen strömt die Wirklichkeit übermächtig, „absolutistisch“, auf sie ein. Damit fertig zu werden, ist die Aufgabe, die der Mensch bereits am Anfang seiner Entwicklungsgeschichte meistern muss, als er aus dem Urwald in die Savanne heraustritt. Er tut dies, indem er sich mit der Wirklichkeit nicht direkt konfrontiert, sondern auf Abstand hält – „Handeln aus der Ferne“, nennt der deutsche Philosoph Hans Blumenberg das in seinem posthum erschienenen Buch „Beschreibung des Menschen“ (2006). Und in „Arbeit am Mythos“ gibt er das Rezept für diese Abstandsgewinnung an, nämlich die „Ersetzung des Vertrauten für das Unvertraute, der Erklärungen für das Unerklärliche, der Benennungen für das Unnennbare“. Der Mensch gibt der Wirklichkeit Namen, findet Metaphern für und erzählt Geschichten über sie, um mit ihr fertig zu werden.
Man erzählte also nicht, um sich zu unterhalten, sondern um zu überleben, und tut es immer noch. Der „Absolutismus der Wirklichkeit“ liegt damit einerseits immer schon hinter uns, denn der Mensch wurde erst dadurch Mensch, dass er ihn erfolgreich überwand. Zugleich aber ist er eine ständig drohende Gefahr, der er immer noch vorbeugen muss. Über seine Kultur muss er immer wieder andere und neue Arten schaffen, mit ihr umzugehen, um sich nicht von ihr überwältigen zu lassen. Der Mensch, das ist für Blumenberg auch eine Lektion seiner eigenen Biografie, ist ein fragiles Wesen – er verträgt eben nicht sehr viel Wirklichkeit. Eine kognitive Dissonanz ist nicht nur bedrohlich, sie ist ein Zustand von Unbehagen, Unsicherheit und Ängstlichkeit. Wir reagieren mit Wut, mit einem Shitstorm auf abweichende Meinungen oder mit Frust – oder mit kompletter Missachtung.
In der Sexualität und im Dunstkreis von LGBTQ: Wann bin ich ganz ich?
Judith Butler antwortet: „Nie, aber in diesem Scheitern bin ich individuell!“
Identität ist für Judith Butler (*1956), Philosophin und Vorreiterin der Gendertheorie das Ergebnis unserer alltäglichen „Performance“. Wir sind, was wir tun – haben darin jedoch keine unbegrenzte Freiheit, sondern orientieren uns etwa an gesellschaftlichen Idealen von Männlichkeit und Weiblichkeit. An diesen Idealen scheitern wir jedes Mal aufs Neue und verändern uns mit dieser Erfahrung. Somit befinden wir uns ständig im Prozess des Werdens – ohne jedoch überhaupt an ein Ziel gelangen zu können. Zeit also, diese beengende Vorstellung von Einheit und Identität zu verabschieden und stattdessen die Lust an der Überschreitung althergebrachter Normen zu entdecken. Klingt nach Freiheit.
(zitiert aus dem Phiolosophie Magazin, 04/2020)
Meine Identität ist also vom sozialen Problem der Anerkennung nicht zu trennen. Wir sind abhängig von den bestehenden sozialen Kategorien, und die bestehen ausserhalb von uns. Deshalb ist manchmal der einzige Weg, um Anerkennung zu erlangen, mich mit einer Identitätskategorie abzufinden – gleich, ob sie sich für mich richtig anfühlt oder nicht. Die Kategorie zirkuliert schon in der Welt, und sobald ich Anerkennung für meine Identität fordere, trete ich in diese Zirkulation ein. Ich muss also immer mit den bestehenden Normen arbeiten.
Nochmals zum Zitat aus dem Xinxin Ming zu Anfang dieses Beitrags:
„Ich bin der Meinung…“ scheint also eine Position zu sein, die ich einnehme, ohne mir dessen überhaupt bewusst zu sein. Meine Meinungen und Urteile bilden die felsenfeste Struktur, auf der meine Identität ruht. Ich wage es nicht, eine Meinung los zulassen, aus Angst vor Inkohärenz, dass „es“ in meinem Kopf nicht mehr kohärent, stimmig ist. Dies ist die gefürchtete „kognitive Dissonanz“. Dies erlebten wir alle zu Beginn dieser letzten Pandemiezeit.
Es ist auch die grosse Angst, nicht mehr anerkannt zu sein, sogar einen „Ichverlust“ zu erleiden, also nicht mehr zu existieren.
Nicht nur das Ich im Geist müssen wir jeden Tag aufs Neue „bewohnen“, auch unseren Körper und den Raum, den er einnimmt
Aber nicht nur der Körper ist von sozialen Gegebenheiten geformt, sondern gewissermassen auch sein Negativ: der Raum, den er einnimmt. Die französische Philosophin Claire Marin zeigt in ihrem Buch „An seinem Platz sein. Wie wir unseren Körper bewohnen“ unter anderem mit Foucault und Bourdieu, dass auch dieser Körperraum keineswegs neutral ist. Ob in einer Stadt oder innerhalb einer Familie: Immer finden wir uns bereits innerhalb einer Hierarchie platziert. Doch während das Tier seine feste ökologische Nische besetzt, fehlt uns Menschen eine solche sichere Identität. Selbst unseren Körper, in den wir geboren wurden, müssen wir jeden Tag aufs Neue „bewohnen“.
Was kann ich dann noch „glauben“?
Als Quintessenz des Obigen könnte man nun sagen: „Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst.“
Gelassenheit hat also viel mit Loslassenkönnen der Fiktion eines von der Welt abgegrenzten, selbstständigen Ichs zu tun. Dieses „grössere Selbst“, das meinen Dualismus, meine Trennung auflöst, begegnen wir in vielen Philosophien: z.B. der „Übersinn“ von Viktor Frankl, Lebenskraft oder „innere Ursache“ der Pantheisten (Spinoza!)…
Dabei kommt Demut auf vor etwas, was uns schlicht übersteigt, wie auch der gestirnte Himmel über uns oder die Jahrtausende der Erdgeschichte, gegen die unser Leben sich wie ein Fünkchen ausnimmt…

Demut, Gelassenheit und Entspannung hat also auch viel mit Bescheidenheit, mit dem Loslassen vom Denken mit Begriffen, wie wahr/unwahr, real oder irrational, richtig/falsch – oder „Gut und Böse“ zu tun.
Nimm Dich selbst nicht so ernst, aber das, was Du tust!

Quellen:
Michael Schmidt-Salomon: „Entspannt euch!“, eine Philosophie der Gelassenheit, Piper, 2019
Daniel Kahneman: „Schnelles Denken, langsames Denken“, Penguin, 2016
Philipp Sterzer: „Die Illusion der Vernunft“, Ullstein, 2022
Hannes Bajohr, Blumenberg und die Wirklichkeit, Philosophie Magazin, 2022
Johanna Hänsel, Ein informiertes Lob der Unvernunft, Zeit Online, 10/2022
Claire Marin, An seinem Platz sein, Reclam
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Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
13. September 2024
