Alles Natürliche ist gut! Wirklich?

Unsere irrationale Liebe zur Natur

So betitelt Psychologie Heute das spannende Interview mit Michael Siegrist, Psychologe und Professor für Konsumentenverhalten an der ETH Zürich. Er beschreibt ein Phänomen, das ich schon seit Jahrzehnten in der (Komplementär-) Medizin beobachte. Und obwohl ich immer ein grosser Verfechter des „Natürlichen“ und der „alternativen“ Natur-Medizin war, setze ich dahinter auch immer grössere Fragezeichen.

Was natürlich ist, finden viele Menschen automatisch gut. Dabei ist es das oft gar nicht. Diese Art, verzerrt zu denken, beeinflusst immer mehr, was wir kaufen, welche Medizin wir wünschen und wie wir leben.

Schauen Sie nur mal kurz in Ihren Küchenschrank: Die Kaffeefilter sind „naturbraun“, das Mehl ist ein „Naturprodukt“, der Reis hat einen „unverwechselbaren, natürlichen Duft“ und auf der Salzpackung steht „natürliches Meersalz“…

Wir haben solch vereinfachende Schwarz-Weiss-Faustregeln bereits bei Daniel Kahneman („schnelles Denken – langsames Denken“) angetroffen. Wir stecken voller solcher verzerrende Denkfehler und Irrtümer. Bei „Natürlich ist besser!“ ist das nicht anders.

Aber die Natur ist doch wunderbar und wohlwollend?

Ich empfinde dieses, unser Bild von Natur und Natürlichkeit immer mehr als paradox. Denn damit einher geht oft auch eine Skepsis gegenüber Wissenschaft und Technik – also ein klares Schwarz-Weiss-Denken. Michael Siegrist fragt uns, ob wir dann lieber vor 200 Jahren leben wollten. Damals waren die Lebensmittel nicht sicher. Sie haben etwas gegessen und sind davon krank geworden oder sogar gestorben. Naturgefahren haben sehr viel Menschen ums Leben gebracht. Die Medizin war voller Irrtümer und Gefahren. Die Lebenserwartung war bei uns um 40 Jahre.

Auch heute noch werden viele Menschen krank oder sterben sogar, falls man zu stark mit dieser stark vereinfachenden Faustregel im Kopf lebt und nichts anderes gelten lässt: Schwarz-Weiss oder Gut-und-Böse. Beispiele erleben wir täglich: Die Diskussionen um die Covid-Impfungen (böse), um das Wurmmittel Ivermectin gegen Covid (gut), um Vitamine (gut), E-Stoffe (immer böse, obwohl auch absolut natürliche Stoffe darunter sind…), Gentechnik (immer böse), „Naturwein“ (immer gut, obwohl sich hier auch klare Weinfehler neu verkaufen lassen…),…

Gerade Wein, aber z.B. auch Käse werden von uns traditionell als natürliche Produkte gesehen. Beide sind aber industriell produziert. Dahinter stecken viele Verarbeitungsschritte und Technologie. Also ein weiterer Denkfehler: fast alle traditionelle Verfahren werden von uns intuitiv als natürlich betrachtet. Auch dies ist irgendwie paradox.

Natürlich ist beim Auflösen dieser Schwarz-Weiss-Sicht auch nicht das Gegenteil wahr. Wein und Käse sind nicht „böse und schlecht“, wie auch die Covid-Impfungen nicht „böse“ sind. Es ist sehr wichtig, unsere vereinfachenden Denkfehler zu erkennen – und das Ganze differenzierter anzuschauen. Alles Natürliche ist eben nicht nur gut.

Pflanzen können (auch) krank machen.

Denken wir an den weisen Satz von Paracelsus, das die Dosis das Gift macht. Fingerhut (Digitalis) kann in tiefer Dosis ein wunderbares Herzmittel sein. Etwas stärker dosiert, wirkt es aber absolut tödlich. Bei den häufigen Allergien gegen Pflanzen spielt dann nicht mal mehr die Dosis eine Rolle, schon eine Spur davon kann krank machen. Beispiele sind die zunehmenden Pollenallergien. Dann die vielen Kontaktallergien mit Pflanzen: draussen (als Beispiel Arnika, Riesenkerbel, …) und drinnen (Gummibaum (Latexallergie) oder in Salben: Perubalsam, Käslikraut,…)
Neustes Beispiel (aus Infomed, ‚7.12.2021): Leberschäden durch Garcinia cambogia, der Tamarinde. Extrakte daraus sollen appetithemmend wirken und das Abnehmen unterstützen; oft sind sie mit Grüntee kombiniert. (Clinical Gastroenterology and Hepatology: „Garcinia cambogia, Either Alone or in Combination With Green Tea, Causes Moderate to Severe Liver Injury“)

Und so weiter, und so weiter…

Die Natur wird romantisch verklärt.

Dies ist noch nicht lange so. Noch 1950 galt das „Wonder Bread“ aus Amerika oder Nescafé („gefrier-getrocknet„!) als technischer Fortschritt und damit als sehr positiv.
Heute haben wir aber ein Idealbild von Natur, das im Grunde nur eine Imitation ist, welche das Original sogar übertreffen soll. Daraus resultierten dann in der „Komplementärmedizin“ Ideen von Verschlackung, Übersäuerung und dagegen Methoden der Entgiftung, Entschlackung – also „Reinigung“ (von Gift und Chemie).

Hierhin gehört auch, dass der 22-jährige Student Christopher McCandless 1990 zu einer Reise in die Wildnis Alaskas aufbrach. Er war Leser der Naturromantiker Jack London, Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau (Walden). Er erwartete von einem einsamen abenteuerlichen Leben in der Wildnis eine höhere Lebensintensität, ja eine spirituelle Erneuerung. Dinge, mit denen wohl auch der heutige Boom an Survivalkursen verkauft wird. Die von Menschen unangetastete wilde Natur ist für sie rein im Unterschied zur verdorbenen Zivilisation. Und auch das eigene Leben wird in dieser wilden Natur wieder gereinigt, denn in lebensgefährlichen Situationen in der Wildnis sind keine Kompromisse mehr möglich. Entweder man übersteht die Lebensgefahr, oder man übersteht sie aufgrund eines Fehlers, den man macht, eines Fehltritts oder einer Fehleinschätzung des Wetters, eben nicht. Entweder man schafft es auf den Gipfel, oder man schafft es nicht (Mount Everest-Tourismus!).
McCandless schaffte es nicht. Er schaffte es nicht, das Fleisch des geschossenen Wild zu konservieren. Es verdarb zum grössten Teil. Als er auf dem Rückweg zu seinem Auto war, bemerkte er, dass ein Fluss, den er auf dem Hinweg watend durchquert hatte, in der Zwischenzeit durch Schmelzwasser angeschwollen und unüberwindbar geworden war. Er versuchte darauf von Früchten und Wurzeln zu leben. Er verwechselte aber die geniessbaren Kartoffelknollen mit denen einer giftigen Pflanze und starb.

Die „Rache der Natur“ ist dann auch (gemäss Michael Siegrist) schon fast religiös überhöht. Der Mensch wird bestraft für seine Hybris. Früher hat Gott zurückgeschlagen. Heute ist es die Natur (Klimakrise). Der Umweltschutz kann dabei eine Art kirchlicher Ablasshandel werden. Ich bezahle heute Geld, um meinen CO2-Fussabdruck auszugleichen – und schon kann ich mit gutem Gewissen fliegen.

Unser Natürlichkeitsideal sagt uns also, wie ein gutes, moralisches Leben auszusehen hat. Bis vor wenigen Jahren war für so etwas die Kirche zuständig.

Infektionen stärken unser Immunsystem – Nicht?

Zum Beispiel verbreiten Anthroposophen die Meinung, Masern „schulen“ und stärken das kindliche Immunsystem. Diese Meinung ist bereits bei Masern gefährlich, da man damit eingeht, dass dann wenige der Kinder auch eine Hirnhaut- oder im schlimmsten Fall eine invasive Hirnentzündung entwickelt. Die Meinung wird dann noch verschärft tödlich, wenn man sie nun auch auf die Covid-19-Infektion anwendet.
Falls Sie bisher also auch glaubten, unser Immun­system brauche alle Infektionen, um sich zu stärken: Die Genfer Professorin für Virologie Isabella Eckerle sagte kürzlich zum Norddeutschen Rundfunk, das sei der grösste Irrtum in ihrem Fachbereich. Und der Berliner Virologe Christian Drosten schrieb vor ein paar Tagen, das wäre ein bisschen, wie wenn man Steaks essen müsste, um seine Verdauung zu trainieren.

Und… wo es wohl wirklich wahr ist, dass das „Natürliche“ (meist) besser ist:

Quellen:
– „Unsere irrationale Liebe zur Natur“, Interview mit Michael Siegrist in Psychologie Heute, 01/2022
– Michael Hampe, Die Wildnis, über das wirkliche Leben, Carl-Hanser-Verlag, 2020
– Photo by Nils Lindner on Unsplash

Veröffentlicht am 10. Dezember 2021 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
04. Januar 2022

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