Autonomie und Verbindung

Ein Hauptschlüssel für eine „gute Liebesbeziehung“ scheint die Fähigkeit zu einer Autonomie oder Selbstregulierung in grosser emotionaler Nähe zu sein – und als wichtige Umkehrung dazu, das Weiterbestehen einer (Herz-)Verbindung zum Partner beim autonomen Alleinsein.

Wir machen häufig den Trugschluss, dass wir in einer engen Beziehung neben symbiotischen Anteilen (in denen wir uns selbst meist völlig aufgeben) einen „Ausgleich“ mit absolut autonomen Teilen leben. Dies wird dann häufig so verstanden, dass man mit sich allein ist ohne in Verbindung mit dem Partner zu bleiben. Man/frau hat seine eigenen Allein-Wochenende oder -Ferien, in denen man kaum Kontakt mit seinem Liebespartner aufnimmt („Ich hab wirklich kaum an Dich gedacht!“).

Selbst in Extrembeispielen von bewussten, selbstreflektierten Beziehungen, wie der „Tantraszene“ trifft man häufig auf Menschen und Paaren, die genau in diesem Dualismus stecken und dies sogar als ideale Lebensweise propagieren: Verschmelzung mit seinem Liebespartner (in tantrischen Ritualen) und dazu im Gegensatz und als „Ausgleich“, sehr weite Öffnung im Zustand seiner „grossen“ Autonomie.

Auch die Kunst, in einer (längerdauernden) Liebesbeziehung die Spannung und (sexuelle) Leidenschaft aufrecht zu halten, hängt meist davon ab, wie diese Selbstregulierung in grosser emotionaler Nähe – oder vice versa eine (Herz-)Verbindung mit seinem Lebenspartner beim Alleinsein mit sich erhalten bleibt (Lit.: Erich Fromm, die Kunst des Liebens – Lukas Moeller, die Liebe ist das Kind der Freiheit – David Schnarch, die Psychologie der Sexuellen Leidenschaft u.a.).

Dies führt in der Beziehung zu sich und zum Partner zu grosser Ruhe und Frieden.

Leidenschaft und damit „affärenartigen“ Sex werden so auch in der Kernbeziehung möglich und muss nicht ausserhalb in Affären und Seitensprüngen reingeholt werden…

Diese Verhaltensweise hat nun viel mit der An- oder eben Abwesenheit von Ängsten und deren Kontrolle zu tun: Angst, in grosser Nähe, die Kontrolle zu verlieren, abhängig und hilflos zu werden, sich auszuliefern, sich „nackt“ und verletzlich zu zeigen – und verletzt zu werden. Es gibt dabei eine Regel in der Psychologie, die besagt, dass Menschen, die sich nicht kontrollieren (also ihre Angst nicht regulieren) können, alles und jeden in ihrer Umgebung kontrollieren wollen!

„Wischi-Waschi-Beziehungen“, deren Grenzen und Zuneigungen unklar bleiben, fördern diese Ängste stark und führen beim einen Liebespartner (Hera) zu starker Kontrolle. Die Partnerin oder Partner eines „unklaren“ Gegenübers (Zeus) muss ständig kontrollieren, wo sie im Gefüge steht und auch wo und wie sich ihr Partner „rumtreibt“. Dies kann zu einer Zeus-Hera-Streitbeziehung führen (siehe Hans Jellouschek, Im Irrgarten der Liebe). Dem gegenüber führt Klarheit in einer Liebesbeziehung (die auch aus klaren Taten und Voten zum Liebespartner besteht, aber auch aus ehrlichem Lob und immer wieder geäusserte „Liebeserklärungen“) zur Abnahme des Kontrollbedürfnisses und zu mehr Ruhe und Frieden bei beiden Liebenden.

Aus diesen Gründen sehe ich grosse Probleme in „Polyamorie-„Beziehungen (respektive bei Polyamorie-Menschen) mit Kontrolle, Ruhe, Selbstregulierung und Verbindlichkeit.

Um dies aufzulösen, ist es auch hilfreich, dass man eine gute Selbstkontrolle oder eine solide Selbstregulierung entwickelt – ohne “zu mauern”, also ohne die Bindung mit dem Partner aufzugeben. 

Vor allem in der Sexualität ist es allgemein wichtig, dass man sich in eine grosse körperliche und emotionale Nähe begeben kann und dabei sich nicht zu stark dem Partner “anpasst”, sondern seine Autonomie und Selbstregulierung aufrecht erhalten kann. Dies gelingt uns nur durch ein solides Selbstempfinden. Ein stabiles Selbstempfinden steht im Gegensatz zu einem “gespiegelten Selbstempfinden”, in der die Wertschätzung oder eben Abwertung anderer wichtiger ist, als die eigene Wertschätzung. Ein stabiles Selbstempfinden entsteht, wenn Sie beherzt tun, was sie für richtig halten und sich Ihre Selbstachtung selbst verdienen. Dies ist die Klarheit darüber, wer Sie sind, was Sie wollen und welche Ziele Sie haben – insbesondere wenn Ihr Partner Sie dazu drängt, sich seinen Vorstellungen anzupassen. Es ist das Gegenteil der Abhängigkeit von einem gespiegelten Selbstempfinden, also von der Annahme und Wertschätzung durch andere Menschen.

»Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näherzukommen, sowenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist: des andern Gegenstück und Ergänzung.« (Narziss und Goldmund von Hermann Hesse)

Lesen Sie mehr über eine „gute Liebesbeziehung“ auf meiner Website: www.dr-walser.ch/sex/