Das «innere Kind» und unsere Glaubenssätze

Das «innere Kind» zu stärken, sei der «Schlüssel zur Lösung fast aller Probleme» – ob in Beziehungen, der Familie oder im Beruf. So steht es auf dem Umschlag von Stefanie Stahls Bestseller Das Kind in dir muss Heimat finden. Laut dem Verlag wurden davon bis heute über 3,5 Millionen Exemplare verkauft.

Können sich Glaubenssätze ändern?

Hilft diese Methode wirklich? Stefanie Stahl vermittelt den Eindruck, es sei leicht, Glaubenssätze zu ändern. Doch meiner Erfahrung nach – und auch laut Studien – ist das nicht der Fall. Im Gegenteil: Wer scheitert, riskiert Enttäuschung, verstärkte Selbstzweifel und Selbstvorwürfe.

Fördert Opferhaltung

Das «Schattenkind»-Modell fördert eine «Opferhaltung», indem es die Eltern auf einseitige, plakative Weise als «Schuldige» für Minderwertigkeitsgefühle, usw. darstellt. Das stimmt so nicht: Negative Glaubenssätze haben vielfältige Ursachen und lassen sich nicht einfach auf die Eltern zurückführen. Es ist sogar falsch und ungerechtfertigt, die Schuld den Eltern zuzuweisen. Man muss bedenken, dass das Gehirn nicht immer zuverlässig ist, wenn es darum geht, sich an weit zurückliegende Erfahrungen zu erinnern. Das Gehirn setzt die Vergangenheit anhand weniger Erinnerungen zusammen. Das kann dazu führen, dass man glaubt, sich an etwas in der Kindheit zu erinnern, was gar nicht stattgefunden hat. (Weiterlesen zu unseren Erinnerungen >>>)

Das Gehirn setzt die Vergangenheit anhand weniger Erinnerungen zusammen.

Viele Fachleute kritisieren auch, Stefanie Stahls Modell richte den Blick zu stark auf die Vergangenheit. Der Psychologe Wolfgang Lutz ist Professor an der Universität Trier (D). Er sagt, die Rückschau in die Kindheit bringe vielen Patienten den gewünschten Erfolg nicht: Diese hätten manchmal Mühe, aus der Vergangenheit in das Hier und Jetzt zurückzuwechseln. Sie kommen gar nicht mehr ins Handeln.

Konzept des «inneren Kindes»

Auch das Konzept des «inneren Kindes» ist sehr umstritten. Das sei aus wissenschaftlicher Sicht «Unsinn». Dieser Begriff ist zu stark vereinfacht, ähnlich wie ein Horoskop. Zwar beschäftigten sich viele Psychotherapien mit Erlebnissen aus der Kindheit. Doch was in der Kindheit passiert ist, kann man nicht mehr ändern. Es hilft den Leuten nicht, sich darauf zu konzentrieren. Die wichtige Frage ist vielmehr: Was kann ich jetzt als erwachsene Person machen, um mit der aktuellen Situation klarzukommen? Deshalb ist es besser, die Kindheitserfahrungen zu benennen, dann abzulegen und den Blick nach vorne zu wenden.

Kernüberzeugungen und Glaubenssätze

Haben wir wirklich „Kernüberzeugungen“? Sind wir wirklich von unseren „automatischen Gedanken“ geprägt? Allein dadurch, dass wir solche Vorstellungen äussern, können wir sie fast wahr machen. Indem wir an die Beschreibungen glauben, ermöglichen wir es der Therapie, von der Theorie in die Praxis zu gleiten. Letztlich komme ich zu dem Schluss, dass es wichtig ist, zu verstehen, wie therapeutische Modelle Menschen Möglichkeiten bieten, sich selbst zu beschreiben. Diese Modelle sind aber keine objektiven Beschreibungen der Psyche, sondern Hilfsmittel, um sich an ihr abzuarbeiten. Das funktioniert aber nur, wenn man an bestimmte Konzepte glaubt. (Weiterlesen über eine von Achtsamkeit und Gleichmut geprägte Psychotherapie der persönlichen Veränderung >>>)

Kognitive Dissonanz

Doch manchmal haben die Menschen einen festen Glauben (wie die Welt und die „Wahrheit“ sein soll), der sehr stark ist. Wenn ihnen Beweise vorgelegt werden, die gegen diesen Glauben arbeiten, können sie kaum akzeptiert werden. Es würde ein Gefühl erzeugen, das extrem unangenehm ist (kognitive Dissonanz). Und weil es so wichtig ist, die Kernüberzeugung zu schützen, werden sie alles rationalisieren, ignorieren und sogar leugnen, was nicht genau dazu passt.

Meine Kernüberzeugungen sind eigentlich das, was ich denke, dass ich bin, also meine Identität, mein Ego. Kein Wunder, dass ich meinen Glauben verteidigen, schützen, rationalisieren und dabei alle Beweise ignorieren oder leugnen werde, die diesen infrage stellen. Niemand kann mich von einer Wahrheit überzeugen, die ich nicht will.

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Alltägliche Störungen, der kleine (und grosse) Ärger sind die Brotkrümel zum Glück

Dies sind die kleinen Irritationen im Alltag, die nicht zu unseren Kernüberzeugungen passen – und die Licht auf meinen Weg zum Glück, zu Innerem Frieden werfen können. Der Alltag wird zu unserem Lehrmeister.

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über Neid, Schuld, Scham und Wut – den Umgang mit negativen Gefühlen

Foto von Annie Spratt auf Unsplash

Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
07. Februar 2026