Richtig streiten

Gemeinsam feiern – und Streit gelassener sehen

Richtiges Streiten lässt sich mit einer Metapher aus dem Fussball erklären: Der Gegner ist kein Feind, den man vernichten will. Gegner messen sich, reichen sich am Ende die Hand und erkennen an, was sie durch den Wettstreit gewonnen haben – auch in der Beziehung. Streit dient der „Differenzierung“: Man zeigt, worin man sich vom Partner unterscheidet, um gesehen und respektiert zu werden.
Differenzierung ist die Kunst, sich in den Haaren zu liegen, ohne die Frisur zu zerstören – ohne den Anderen danach so schlimm wie möglich aussehen zu lassen.

Beziehung ist Anerkennung von Unterschieden (Fritz Perls)>>>

Harmoniebedürftige Paare fürchten oft, ein Streit könnte die Beziehung zerstören. Doch es braucht Vertrauen, um sich richtig zu streiten.

In der Paartherapie lernen Partner meist, besser zu streiten. Das kann eine unerträgliche Beziehung in eine erträgliche verwandeln – ein Fortschritt, aber kein grosser. Wichtiger wäre, eine gute Beziehung in eine hervorragende zu verwandeln. Shelly Gable, Psychologieprofessorin an der University of California, Santa Barbara, hat gezeigt: Wie Paare gemeinsam feiern, sagt mehr über die Stärke ihrer Beziehung aus als die Art, wie sie streiten.

Ein Beispiel: Ihr Partner erzählt von einer Gehaltserhöhung. Sie reagieren aktiv und konstruktiv: „Das ist fantastisch! Ich bin so stolz auf dich. Ich weiss, wie wichtig dir die Beförderung war. Erzähl mir alles: Wo warst du, als dein Chef es dir gesagt hat? Was hat er gesagt? Wie hast du reagiert? Wir sollten das feiern!“ Dabei halten Sie Augenkontakt, lächeln, berühren ihn oder lachen – all das stärkt die Beziehung.

Weniger positiv ist eine passive, wenn auch konstruktive Reaktion: „Das sind gute Nachrichten.“ Noch schlechter wirkt passiv-destruktives Verhalten, bei dem man die Leistung des Partners ignoriert.

John Gottman, Paarforscher, hat Gespräche von Ehepaaren analysiert. Sein Ergebnis: Eine Beziehung steuert bereits auf die Scheidung zu, wenn auf eine negative Aussage nur gerade eine positive oder weniger kommen.
Für eine stabile und gute Partnerschaft braucht es ein Verhältnis von fünf positiven zu einer kritischen Bemerkung.

Dankbarkeit nicht vergessen

Zu den positiven Gesten gehört das Danken. Eine einfache Übung dafür ist das „Dankbarkeitstennis“:

  1. Stellen Sie einen Timer auf drei Minuten.
  2. Sagen Sie Ihrem Gegenüber, wofür Sie dankbar sind.
  3. Der andere antwortet mit etwas, wofür er dankbar ist.
  4. Wiederholen Sie das, bis die Zeit abgelaufen ist.

Ob in der Familie, im Büro oder mit Freunden – diese Übung stärkt jede Beziehung. Anfangs ernten Sie vielleicht Skepsis: Augenrollen, verschränkte Arme, genervtes Stöhnen. Doch wenn Sie auf die drei Minuten hinweisen, lassen sich die meisten darauf ein. Probieren Sie es aus.

Respekt und Vertrauen – das Fundament jeder Beziehung

Ohne Respekt gibt es kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Sicherheit. Die Welt ist respektlos genug. Beziehungen brauchen einen Ort, an dem Respekt selbstverständlich ist. Vertrauen bedeutet, mit Ungewissheit umzugehen und die Privatsphäre des anderen zu akzeptieren. Es lässt sich nicht erzwingen, sondern muss geschenkt werden.

Drei Eigenschaften für eine lange Beziehung

Drei Persönlichkeitsmerkmale fördern stabile Beziehungen:

  1. Gewissenhaftigkeit,
  2. Offenheit für Neues,
  3. soziale Verträglichkeit – also ein freundliches Wesen.

Konflikte lösen

Partner ändern sich selten, solange es keine Konsequenzen hat. Die entscheidende Frage lautet: „Was mache ich, wenn mein Partner sich nicht ändert?“ Konsequenzen zählen mehr als Ursachen oder Gefühle.

Wenn beide nicht bereit sind, sich zu ändern, sollte man das als Entscheidung akzeptieren, nicht als Unfähigkeit. Uli Clement, deutscher Psychologe, Psychotherapeut und Sexualwissenschaftler, sagt: „So kann man es auch machen.“ Wichtig ist, vom Personen- zum Prozessfokus zu wechseln. Statt sich als Opfer der Umstände zu sehen, sollten Paare fragen: „Wollen wir so weitermachen?“ Das macht die Situation zu einer bewussten Entscheidung.

Ein Ausstieg aus der Konfliktspirale gelingt erst, wenn beide das Gefühl haben, dass ihre verletzliche Seite gesehen wird. Stagnation entsteht symmetrisch – aus Stolz oder Selbstschutz. Veränderung beginnt asymmetrisch: Einer muss den ersten Schritt machen.

Hinter jedem Konflikt steckt ein Glaubenssatz, der die eigene Verletzlichkeit erklärt. Wer diesen erkennt, findet eine Brücke zwischen Gefühl und Handlung.

Ein gemeinsamer Spaziergang kann helfen, Konflikte zu lösen. Synchrones Gehen entspannt, hebt die Stimmung, fördert Kreativität und erleichtert Versöhnung. Paare, die spazieren gehen, finden oft schneller zu einem Konsens und konkurrieren weniger.

Verstehen heisst nicht, einverstanden zu sein

Ein sehr wichtiges Element des Zusammenlebens ist es, dem Anderen „sein Leben, seine Welt“ zu lassen – und nicht, ihn von meiner Sicht, meiner Welt überzeugen zu wollen. Ich mache mein Gegenüber also nicht zu einer Kolonie meines Imperiums und „kolonialisiere“ ihn also nicht.

Ich komme so von der kopfigen „Zustimmung“ zum bauchigen „Verständnis“ des Anderen. Geben wir dem Mitmenschen doch einfach mehr Verständnis, mehr Gehör – und man muss dabei gar nicht immer zustimmen.

Dies ist ungemein entlastend.

Wir Männer fordern häufig gleich Zustimmung („Du bist für mich – oder gegen mich!“). Frauen wollen demgegenüber meist einfach verstanden werden.

Auch für uns Männer wäre manchmal Verstehen-wollen mit mehr Frieden verbunden und ein Weg vom Kopf in den Bauch …

Weiterlesen über Zustimmung und Verständnis >>>

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Foto von Birger Strahl auf Unsplash

Letzte Aktualisierung von Dr. med. Thomas Walser:
14. Juli 2025