Besser Zuhören mit Mitgefühl
Gerade zurück von einem Männerwochenende in den Bergen mit ein paar Freunden. Zwei hatten frisch eine Ayurveda-Kur in Indien hinter sich und brachten einen ganzen Katalog an Ernährungsregeln mit. Einer las viel und sprudelte vor Lebenstipps. Und ich? Ich war wie immer ich selbst – ausgestattet mit Lebensstil-Ratschlägen, mal nützlich, mal völlig überflüssig…
Menschen geben gern Ratschläge. Im Freundeskreis, aber nun auch bis zum Overkill im Internet. Es schmeichelt, klug zu wirken, und wir fühlen uns beachtet, wenn wir anderen sagen, was wir an ihrer Stelle tun würden. Das liegt auch daran, dass wir oft klarer denken, wenn es um die Probleme anderer geht. Wir haben mehr Abstand zu ihren Sorgen als zu unseren eigenen. Psychologen nennen das Salomons-Paradox. Es beschreibt das psychologische Phänomen, dass Menschen, wenn sie wie König Salomon ihre eigenen Probleme aus der Perspektive einer anderen Person betrachten, vernünftiger und einsichtiger handeln. Durch diese psychologische Distanz sehen sie sich selbst klarer und bewahren Ruhe und Gelassenheit.
Doch Ratschläge helfen selten
Warum? Die Gründe sind vielfältig. Vielleicht, weil niemand uns um Rat gebeten hat? Darum immer zuerst fragen: „Willst du meinen Rat?“. Vielleicht fehlt uns das nötige Wissen – über das Thema oder die Person? Und selbst wenn wir qualifiziert sind, bleibt ungewiss, ob unser Rat wirklich passt.
Oft geschieht beim Ratschlagen etwas, das der Soziologe Charles Derber „Gesprächsnarzissmus“ nennt: Wir reden eigentlich über uns. Wir zeigen, wie klug wir sind, wie viel wir erlebt haben, wie genau wir wissen, was zu tun ist. Doch wir wissen es nicht. Denn es ist nie dasselbe. Jede Erfahrung ist einzigartig.
Zudem schwingt beim Ratgeben mit, dass der Ratgeber wenig Vertrauen in den Empfänger hat und deshalb „guten Rat“ benötigt um nicht zu scheitern.
Falls man die drei wichtigsten Aspekte, die zu einem guten Kohärengefühl führen anschaut (siehe Salutogenese), steigert auch ein sog. „guter Rat“ keines der drei: Die Verstehbarkeit wird nicht besser, auch die Handhabbarkeit (oder zufällig nur unwesentlich) und erst recht nicht die Sinnhaftigkeit eines Leidens oder Symptoms – eher negativ:
Wer einen Rat annimmt, steht in der Schuld. „Und, hast du es gemacht?“ – diese Frage schwingt immer mit, oft begleitet von stiller Kritik, wenn der Rat ignoriert wurde. Hier sind wir bereits wieder in der so heiklen Selbstoptimierung mit all ihren Nachteilen.
Wir wollen meist keinen Rat, sondern Mitgefühl
Häufig wollen wir gar keinen Rat. Wir wollen erzählen, wie es uns geht. Dass wir vor einer Herausforderung stehen oder in der Klemme stecken. Wenn wir sagen, wir seien erschöpft, suchen wir kein Rezept, sondern Mitgefühl. Wir wollen nicht hören, was der andere denkt, sondern dass er zuhört. Dieses Zuhören ist wertvoller als jeder Rat. Es ist das Grösste, was Sie einem Menschen schenken können: ihm aufmerksam zuhören, ohne ihn zu unterbrechen.

Und jetzt? Normalerweise käme hier ein Ratschlag. Doch bei diesem Thema passt das nicht. Stattdessen eine Frage: Wann hat Ihnen zuletzt jemand wirklich zugehört – ohne Sie zu unterbrechen?
Wann haben Sie zuletzt jemandem wirklich zugehört, ohne ihn zu unterbrechen oder gleich einen Rat zu erteilen?
Von uns kann ich ruhig behaupten, dass wir in unserem Männerwochenende in den Bergen mit meinen Freunden nicht nur Ratschläge und Lebensregeln ausgetauscht haben, sondern wir hörten einander auch aufmerksam und mit viel Mitgefühl zu.

Beispiele für die dritte Natur sind all jene Dinge, die wir nur widerstrebend tun, obwohl wir wissen, dass sie gut für uns sind oder zumindest vernünftig wären: sich gesund ernähren, die Treppen nehmen, Alkohol meiden, regelmäßig Sport treiben, uns an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, nicht über Witze lachen, die politisch inkorrekt sind, Arbeiten schon vor dem Nahen der Deadline erledigen. Auch die guten Vorsätze, die wir jedes Jahr aufs Neue fassen, sind typische Produkte der dritten Natur.“ (aus „Mensch sein“ von Carel vam Schaik und Kai Michel)
Damit wächst unser „Mental Load“ noch viel mehr. Die Belastung, die durch das übliche Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht, die gemeinhin als nicht der Rede wert erachtet werden und somit weitgehend unsichtbar sind, wächst noch mehr, da wir es gemäss all der guten Ratschläge optimal machen wollen.
Was hilft gegen den digitalen Ratschlag-Overkill? Zuhören und…
die Wissenschaft!
Es ist tröstlich zu sehen, dass die seriösen und bewährten Regeln der Wissenschaft zur Gesundheit in den letzten Jahrzehnten immer seltener geworden sind und nur noch wenige übrig bleiben:
>>> Weiterlesen Ernährung in Kürze.
>>> Allgemein gilt die „mediterrane Ernährung“ als die gesündeste.
Auch bei der gesunden Bewegung lassen sich nur noch wenige wirklich nachhaltige Empfehlungen herausfiltern.
>>> Bewegung in Kürze
Abnehmen:
>>> 9 Punkte, die zum Erfolg führen.
Hoher Blutdruck/Hypertonie:
>>> Das Wichtigste in Kürze.
Langlebigkeit:
>>> 5 wichtigste Faktoren, die sie fördert.
Quellen:
Mikael Krogerus, Roman Tschäppeler (Das Magazin), 26. Mai 2021
Kai Michel, Carel van Schaik, Mensch sein: von der Evolution für die Zukunft lernen; rowohlt, 2023
Foto von Jeffrey Keenan auf Unsplash
Letzte Aktualisierung von Dr.med. Thomas Walser:
31. Mai 2025
