„Wenn man Gesundheit nach der Weltgesundheitsorganisation WHO als körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden definiert, gibt es wenig Sinnvolleres und Gesünderes als Spazierengehen“, sagt Otmar Weiß, Leiter des Universitätslehrgangs für Psychomotorik am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Wien.
„Spazieren wirkt auf allen drei Ebenen des Wohlbefindens optimal“.
Keine Selbstoptimierung
Probieren Sie, das Spazieren oder Wandern nicht als Selbstoptimierung zu sehen. Halten Sie nichts in den Händen und gehen Sie ohne Kopfhörer. Versuchen Sie, das Gehen als Selbstzweck, nicht als Werkzeug zu betrachten. Ich versuche manchmal, dabei nicht viel zu denken. Wenn ich damit anfange, denke ich an die Vergangenheit oder an die Zukunft. Ein Spaziergang hilft jedoch, im Moment präsent zu sein. Es ist die kleine Alltagsmeditation „Doing One Thing at a Time“. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Und wenn ich schlafe, dann schlafe ich. Dabei hat unser Smartphone nichts verloren – am besten schläft es dann im Flugmodus. Dies ist eines der Geheimnis zu unserem kleinen Glück.
Ziemlich oft finde ich dabei sogar Antworten auf Fragen, die ich mir gar nicht gestellt hatte…
Wandern, Spazieren, Flanieren ist inspirierend, radikal und subversiv
Ein Spaziergang macht mehr als nur gesund. Wir wissen über einige kluge Köpfe der Geschichte, dass sie viel und gerne zu Fuss unterwegs waren, weil sie daraus Inspiration schöpften.
»Ich kann nur im Gehen denken«, schrieb Jean-Jacques Rousseau.
Die Menschen in Königsberg, so lautet die Legende, stellten sich die Uhren nach Immanuel Kant, der jeden Tag um genau 7 Uhr einen Spaziergang unternahm.
Auch Sokrates flanierte quasi beruflich den lieben langen Tag durch Athen und zwang seine Mitmenschen in endlos langen Unterhaltungen zum kritischen Nachdenken über ihr ›Ich‹.
Simone de Beauvoir spazierte durch den Jardin du Luxembourg, um zu lesen, Freunde zu treffen und sich schlicht zu erholen.
Friedrich Engels verpasste seinen Spaziergängen durch Manchester im Jahr 1842 gewissermassen ein Upgrade, als er durch ›walking observations‹ die schlimmen Lebensumstände der Arbeiterklasse erkannte und seine Eindrücke in einem Pionierwerk der empirischen Sozialforschung und des Marxismus niederschrieb.
Von Albert Einstein ist überliefert, dass ihm womöglich ein abendlicher Spaziergang im Mai seines Wunderjahres 1905 zu ›dem Schritt‹ verhalf, die Grundbegriffe der Physik neu zu verstehen.
„Unsere Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen und dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklicher werden.“ (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft)
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Die Natur als Medizin
Je schwieriger das Gelände, desto langsamer und bewusster müssen unsere Schritte sein. Eine Weisheit, die sich auch in den Alltag übertragen lässt. Wie überhaupt vieles, was man beim Wandern lernen kann. Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientiertheit, Selbstverantwortung und Selbstfürsorge, eine gute Netzwerkpflege und eine positive Fokussierung auf die Zukunft statt auf die Vergangenheit: Diese sogenannten „sieben Säulen der Resilienz “ lassen sich gut beim Wandern erleben und trainieren. Denn um über den Berg zu kommen, muss man Naturgegebenheit akzeptieren und Lösungswege für immer neue Herausforderungen durch Weg, Wind und Wetter finden; es gilt, nicht nur auf sich, sondern auch auf die Angehörigen seiner Seilschaft zu achten – und stets auf ein gutes Ende des Tages zu hoffen. Mit diesem seelischen Rüstzeug im Rucksack sind wir auch im Alltag gesünder und sicherer unterwegs.
Für einen Perspektivwechsel muss man aber nicht zwingend in die Berge. Es reicht auch einfach das Unterholz im nahegelegenen Wald. Das erleichtert zudem die Präsenz im Hier und Jetzt: Wer sich seinen Weg suchen muss, kann gedanklich nur schwer abschweifen ins Morgen oder Gestern. Was auch hilft: Schuhe und Socken auszuziehen und den federnden Waldboden unter den Füssen zu spüren oder das kalte Wasser eines Bachs. Und sich die Zeit zu nehmen für eine Pause – nicht nur um zu essen oder zu trinken, sondern auch um im Sitzen inmitten der Natur zu lauschen, zu sehen, zu spüren.

Eine Studie der University of Michigan etwa zeigte, dass schon 20 bis 30 Minuten tägliche Bewegung im Wald das Level des Stresshormons Kortisol im Blut signifikant senkt, weshalb die Forscherinnen bereits von der „Naturpille“ oder von „Waldbaden“ sprachen.
Das Eintauchen in die Natur lädt aber auch zum Abtauchen in die eigene Seele ein: Wie geht es mir gerade? Was empfinde ich? Die Grundregel der Achtsamkeit gilt auch hier: wahrnehmen, ohne zu bewerten. Die grössten Fragen adressieren schliesslich das Bauchgefühl: Was ist wesentlich in meinem Leben? Wo ist mein Weg und wohin führt er mich? Achtsames Wandern erweitert die Wahrnehmungsfähigkeit auf mehreren Ebenen und hilft uns, unsere Intuition für Entscheidungen zu nutzen. Die Natur ist hierfür ein wertvoller Resonanzkörper. Sie macht etwas mit uns.
Wir Menschen leben erst seit wenigen Generationen vorwiegend in Städten, in unseren Genen aber ist die Sehnsucht nach Wald, Wasser und den Bergen weiterhin verankert. Die Natur, ist eine schnell verfügbare Medizin, die eigentlich immer wirkt.
Die körperliche Fitness ist beim gesund Altwerden das Allerwichtigste
Die Lebenserwartung ist stark gestiegen. Auch mit chronischen Erkrankungen oder Bewegungsbehinderungen wird man heute über 80 Jahre alt. Wie kann man noch älter werden? Forscher untersuchten 195 Personen, die im Durchschnitt 82,3 Jahre alt waren, um Unterschiede zwischen Menschen, die 95 Jahre oder älter werden, und jenen, die dieses Alter nicht erreichen, zu finden. Entscheidend sind nicht Herzkrankheiten, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Diabetes, Demenz, Parkinson, Krebs, Depression, Multimorbidität oder Polypharmazie, sondern die körperliche Fitness. Ein Test, der Balance, Koordination und Laufgeschwindigkeit prüfte, erfasste diese. Auch ohne Kausalitätsbeweis motivieren diese Daten, körperlich aktiv zu bleiben, wenn man den 100. Geburtstag feiern möchte.
(J Am Geriat Soc. 2024, doi.org/10.1111/jgs.18941.)
QUELLEN
- Beate Strobel: Ganz omm… auf dem Berg. Psychologie Heute, 07/2024
- Kathryn E. Schertz u. a.: Understanding nature and its cognitive benefits . Current Directions in Psychological Science, 28/5, 2019, 496–502
- Marc G. Berman u. a.: Interacting with nature improves cognition and affect for individuals with depression . Journal of Affective Disorders, 140/3, 2012, 300–305
- MaryCarol R. Hunter u. a.: Urban nature experiences reduce stress in the con – text of daily life based on salivary biomarkers . Frontiers in Psychology, 10/2019
- Otmar Weiß: „Spazieren wirkt auf allen drei Ebenen des Wohlbefindens optimal“.
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In unserer «Müdigkeitsgesellschaft» gehen alle Mitglieder permanent an die Grenzen ihrer Mobilisierbarkeit, der Burnout wird zur Universalpathologie, zum permanent drohenden Leistungsinfarkt. Dem setzt Byung-Chul Han in seinem neuen Buch „Vita contemplativa“ ein Ethos des Flanierens, des Schlenderns, des Verweilens entgegen.
Photo by Jad Limcaco on Unsplash
Letzte Aktualisierung:
15. Juni 2024
