Verwirrungstaktiken zum Kleinreden von Tabakkrankheiten, Zuckerwirkungen, Klimakrise, PFAS und Glyphosat…

Sie sind nicht so richtig sicher, wie schlimm genau die Klimakrise eigentlich ist? Was jetzt wirklich helfen würde, um sie abzubremsen und wie schnell wir dazu etwas umgesetzt haben müssen?
Damit sind Sie nicht allein. Und es liegt nicht (nur) daran, dass diese Krise komplex ist, sondern vor allem daran, dass Lobbyist*innen der Fossil-Industrie genau dafür sorgen. Mit sehr viel Geld und Arbeit streuen sie Zweifel und pflanzen Narrative, die bis heute den öffentlichen Diskurs prägen.

Lügenkampagne der Ölkonzerne

Der Treibhaus-Effekt stand bereits in den 1980ern ausser Frage und es war klar, dass im Bezug auf den Klimawandel keine Zeit verloren werden durfte. Trotzdem verdoppelte sich die Menge Kohlendioxid in der Atmosphäre seither. Grosse Ölkonzerne bemerkten das Problem anscheinend früh – doch statt es anzugehen, leiteten sie eine gigantische Kampagne, um den Kampf gegen den Klimawandel zu torpedieren. Sie entliessen ihre eigenen Forscher, die Alarm schlugen und stellten Personen ein, die bereits der Tabakindustrie erfolgreich geholfen haben, die wissenschaftlich nachgewiesenen Gefahren des Rauchens herunterzuspielen. Zusätzlich finanzierten sie vermeintliche Experten, die die Existenz des Klimawandels öffentlich und medial in Frage stellten.

Ein neuer Bericht des amerikanischen Ausschusses für Aufsicht und Rechenschaft  (der grösste Untersuchungsausschusses des Repräsentantenhaus) zeigt auf, wie diese nur als Heuchelei zu bezeichnende Praxis nur einen kleinen Teil der „Klima-Strategie“ der Öl-Industrie darstellt. Der Bericht des einflussreichen Ausschusses wirft den Konzernen nicht weniger als eine „Irreführungskampagne“ aus „Täuschung, Desinformation und Doppelzüngigkeit“ vor.
Im Einzelnen zeigt der Bericht und die vom Ausschuss des Repräsentantenhauses eingeklagten Dokumente, dass

  • man öffentlich Erdgas als klimafreundliche, grüne Energieform anpreiste, während die Konzerne intern genau über die wissenschaftlichen Beweise unterrichtet waren, laut denen Erdgas genauso klimaschädlich ist, wie Kohle, und dass Erdgas ebenso inkompatibel mit den politisch gestellten Emissionsreduktionszielen ist.
  • man intern von den Zielvorgaben des Pariser Abkommens als „nicht erreichbare Ziele und unvereinbar mit den Businesspläne“ sprach.
  • die Ölindustrie gegen Klimagesetze lobbyierten, während sie öffentlich ihre Unterstützung zusagten.
  • sie öffentlich für Carbon Capture eintraten, während man intern davon sprach, dass Carbon Capture im nötigen Massstab nicht profitabel genug sei, gemessen an einem „free-to-pollute business model“.
  • sie gezielt Industrieverbände, Think Tanks und NGOs einsetzen, um irreführende Narrative zu verbreiten und Taktiken einzusetzen, mit denen die Konzerne selbst nicht assoziiert werden wollen. (Vor einem halben Jahr zeigten einige Medienartikel  wie das Atlas Network, ein Netzwerk aus Thinktanks finanziert von den Koch Brothers, anscheinend Einfluss nahm auf den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler, der Klimaaktivisten der Letzten Generatio
n immer und immer wieder als „Terroristen“ und „kriminelle Vereinigung“ bezeichnete, was sicher nicht unmassgeblich für die Entscheidung war, landesweite Hausdurchsuchungen bei Kids durchzuführen. Die Polizei sprach damals von „Untersuchungen aufgrund des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung“. Ich kann verstehen, dass die Ölkonzerne mit solchen durchaus gefährlichen Irreführungen von Sicherheitskräften nicht assoziiert werden möchte.)
  • die Ölindustrie Partnerschaften mit Wissenschaft und Forschung eingeht, um gezielt Studien zu finanzieren, die mit ihren Business-Plänen in Einklang stehen, während sie gleichzeitig kritische Stimmen und Aktivisten verfolgt und überwacht. So hat Shell etwa in internen E-Mails davon gesprochen, wissenschaftliche Mitarbeiter an der Uni Berkeley einzuschleusen, und Vertreter von British Petrolium sprachen davon, kritische Wissenschaftler an den Rand zu drängen.
  • alle sechs untersuchten Konzerne und Organisationen die Untersuchung des Repräsentantenhauses blockierten und verzögerten, nicht kooperierten, und mehr als 4000 angeforderter Dokumente trotz juristischer Vorgaben nicht herausgaben.

An der globalen Klimakonferenz der UN im Jahr 2021 nahmen 503 Lobbyisten der Fossil Fuel Industrie teil. Im nächsten Jahr waren es 636. Ein Jahr später schoss die Anzahl der Lobbyisten, die auf dem wohl wichtigsten Treffen zur Koordination und Verhandlung von „Climate Action“ die im Bericht herausgearbeitete Strategie der „Täuschung, Desinformation und Doppelzüngigkeit“ an den demokratisch gewählten Vertretern der weltweiten Öffentlichkeit anwendeten auf sagenhafte 2456. Die Anzahl der Lobbyisten der Öl-Industrie übertraf die Anzahl aller anderen Länderdelegationen, mit der Ausnahme von Brasilien und dem Gastgeberland der Vereinigten Arabischen Emirate.

Quellen:
forum.eu/klimawandel/bericht-uber-die-irrefuhrungskampagne-der-ol-industrie
Klimawandel – die Macht der Lobbyisten (arte.tv)

Alte Taktiken der Zigaretten-Multis.

Und die Fossil-Industrie ist nicht die einzige, die sich die Taktiken der Zigarettenfirmen abgeschaut hat. Als die Erkenntnisse zu erdrückend wurden, dass Rauchen Krebs erzeugt, konnten die Hersteller:innen es nicht mehr einfach leugnen. Stattdessen begann sie mächtige Kampagnen, um Zweifel an den Ergebnissen der Studien zu streuen. Ihr Kalkül: Wenn die Ursache und Wirkung nicht eindeutig belegt wären, könnten Regierungen auch nicht eingreifen und ihr Geschäftsmodell zerstören.

Schweizer Lobby für toxische Chemikalien

In Outdoorkleidung, Smartphones oder Bratpfannen: Die „Ewigkeitschemikalien“ PFAS sind so gut wie überall. Es gibt mehr als 10’000 Stoffe, viele davon sind giftig. Besonders problematisch ist, dass sie durch Nahrung aufgenommen werden und kaum abbaubar sind. Die EU will sie verbieten – Schweizer Firmen und Lobbyverbände aus Wirtschaft und Industrie wie Swissmeme oder Scienceindustries haben etwas dagegen. Dabei nutzen sie auch dieselben Strategien und Verwirrungtaktiken, die bereits der Öl- und Tabaklobby zum Erfolg verhalfen.
(Schweizer Firmen kämpfen für „ewiges Gift“)

„Musterbeispiel“ Glyphosat!

Auch die jahrzehntelangen politischen Diskussionen um Glyphosat wären ohne die Verwirrungstaktiken von Lobbyist*innen wohl sehr viel schneller beendet gewesen (u.a. dazu hier eine sehr sehenswerte Arte-Doku zum Thema). Glyphosat habe ich im Zusammenhang mit einer Verarmung unseres Mikrobioms im Darm bereits deutlich erwähnt. Nur kurz eine Zusammenfassung meiner Aussage:
Es ist zu Bedenken, dass heute auch Pflanzen arg mit Herbiziden belastet sind. Im Vordergrund steht hier eben dieses Glyphosat, ein seit Jahrzehnten enorm verbreitetes Mittel zur Unkrautbekämpfung, welches mit unserer Nahrung aufgenommen unsere Darmflora schädigt und verarmen lässt. Biologisch angebautes Gemüse und Früchte werden so betrachtet noch wertvoller!

Haben Sie alles schon gehört? Aber so richtig schlimm ist’s ja nur in den USA, denken Sie? Hier in der Schweiz oder Deutschland würde uns das nicht passieren? 
Dann empfehle ich Ihnen das Buch „Die Klimaschmutzlobby“ von den Journalistinnen Annika Joeres und Susanne Götze. Die beiden erklären die Taktiken und Verbindungen noch mal detailliert für unterschiedliche Länder – auch für Deutschland. (Wer nicht lesen mag, kann sich zum Beispiel auch dieses ausführliche Gespräch von Annika Joeres mit Tilo Jung anschauen.)

…und die Zuckerindustrie!

Nur selten schafft es historische Forschung in den heiligen Gral der besten klinisch-medizinischen Zeitschriften. Die Arbeit von Kearns und Kollegen  wurde aber sofort aufgenommen und gleich durch ein flankierendes Editorial extra gewürdigt.

Die Arbeit zeigt an historischen Dokumenten aus der University of Illinois und der Harvard School of Public Health, dass die Zuckerindustrie ab 1960 begonnen hat, die Forschung manchmal subtil, manchmal durchaus erkennbar dahingehend zu beeinflussen, dass verstärkt Fett, vor allem gesättigte Fettsäuren, und weniger Zucker als der böse Bube der Ernährungsforschung in den Fokus genommen wurde. Was war geschehen? Anfang der 60er Jahre zeichnete sich ab, dass eine erhöhte Zufuhr von Zucker höchstwahrscheinlich einen wichtigen Anteil an der steigenden Mortalität an Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatte. Der britische Epidemiologe John Yudkin hatte diesen Gedanken verbreitet und die Daten sprachen dafür. Auf der anderen Seite standen Verfechter der Lipidhypothese wie Ancel Keys, die dachten, Fette, vor allem gesättigte Fettsäuren aus tierischen Quellen, wie Butter, Schmalz, Käse, Wurst, Fleisch, Eier, seien der Sündenbock. Wie wir heute wissen setzte sich Ancel Keys durch und schrieb bei allen Ernährungsrichtlinien in den USA fleissig mit, und wie wir auch wissen, waren die Daten, aufgrund derer dies geschah dünner als das erste Eis im Dezember. (Lesen Sie ausführlich darüber im Blog von Prof. Harald Walach!).

Und heute? Dazu die Zucker­recherche der REPUBLIK, in der die zwei Autorinnen aufzeigen, wie eng die Zucker­industrie auch in der Schweiz noch immer mit Akteuren aus der Politik verstrickt ist. Und sie erzählen aus dem Drehbuch: dem Drehbuch, in dem steht, wie man das Publikum verwirrt, unterhält oder einlullt – so, dass es ja nicht auf die wissenschaftlichen Resultate über den Zucker schaut. Und so, dass sich die «süsse Macht» möglichst lange halten kann: Die Zuckerfee sät Zweifel.

Photo by Myriam Zilles on Unsplash

Letzte Aktualisierung:
27. April 2024