„Nicht die Erlebnisse diktieren unsere Handlungsweisen, sondern die Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Erlebnissen ziehen.“ – Alfred Adler
Forscher fanden heraus, dass Menschen, die schwierige Situationen als Herausforderung sehen, weniger vom Stresshormon Cortisol ausschütten als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Man kann lernen, Herausforderungen statt Bedrohungen zu sehen.
Menschen mit hohem Selbstwertgefühl und Extrovertierte gewöhnen sich an stressige Momente. Ängstliche Personen hingegen schütten bei jedem stressigen Vorfall mehr Cortisol aus. Der Feuermelder wird bildlich gesehen sensibler auf Rauch.
Vor allem zeigen die Studien auch, dass Stress oft mit sozialen Erwartungen zusammenhängt. Er ist teilweise ein gesellschaftliches Konstrukt. Menschen empfinden Stress, wenn sie glauben, eine Aufgabe nicht zu meistern und dafür schlecht beurteilt zu werden. Dann steigt der Cortisolspiegel.
Herausforderung im Stoizismus
Angst zu haben, ist im Stoizismus für sich genommen reine Zeitverschwendung. Aber wie man mit ihr umgeht, ist trotzdem eine gute Frage. Am besten bereitet man sich auf das vor, was kommt. Man kauft in der Pandemie Masken und lernt, sich richtig die Hände zu waschen.
Genauso wichtig ist es aber, sich psychologisch zu rüsten. Stoiker sind, wenn man so will, emotionale Prepper. Wir versuchen uns bereit zu machen für Herausforderungen, die uns das Leben vor die Füsse wirft. Wir tun deshalb ganz bewusst Dinge, an denen man scheitern kann. Ich meine damit kein katastrophales Scheitern, sondern eines, bei dem man zwar hinfällt, aber auch wieder auf die Beine kommt. Wir tun Dinge, die ungemütlich sind, einfach weil sie ungemütlich sind – eine lange Wanderung oder einen anstrengenden Campingtrip. Wir tun Dinge, die uns schwerfallen, einfach nur, weil sie uns schwerfallen. Denn wer es schafft, durch das Unbehagen hindurch zukommen, wird kompetenter und selbstbewusster.
Eine immer wieder mal erlebte Grenzerfahrung ist auch für unseren Körper wichtig. An der Grenze erst lernen wir Neues und bleiben so lebendig. Gewohnheiten werden dadurch aufgerissen und man steuert damit aus einem durchschnittlichen Lebensmodus raus, der eher einer „Todeserfahrung“ gleicht.
Es ist fast immer die emotionale Reaktion auf die Herausforderung, nicht die Herausforderung selbst, die uns den grössten Schaden zufügt. Ein Beispiel: Wenn jemand sie beschimpft, fügt er Ihnen keinen Schaden zu. Es sind ja nur Worte. Was Ihnen wirklich schadet, ist, wenn Sie nachts wach liegen, einen Zornesflashback haben auf die Person, die sie beleidigt hat, und ihre Rachefantasien pflegen.
Sind Stress und Angst Gewohnheiten wie Rauchen oder schlechte Ernährung?
Kann man Angst ablegen wie das Rauchen? Ja, man kann. Angst zeigt sich oft als Nervosität oder Unruhe, ein Unbehagen, das entsteht, wenn wir etwas nicht kontrollieren können. Dieses Gefühl löst ein bestimmtes Muster aus: Wir beginnen, uns Sorgen zu machen und verstricken uns in Grübeleien. Dieses Verhalten wird zur Gewohnheit.
Wir erhalten für dieses Muster eine „Belohnung“: das Gefühl, aktiv zu sein. Es gibt uns die Illusion, die angstauslösende Situation besser zu kontrollieren.
Ein unangenehmes Gefühl aktiviert gewohnte Muster, um es zu schwächen oder zu beseitigen. Wir grübeln und sorgen uns, was uns das Gefühl gibt, etwas zu tun. In Wirklichkeit lenkt es uns ab und vermittelt eine trügerische Kontrolle.
Dieses Muster funktioniert, weil es uns davon abhält, die Angst wirklich zu spüren. Der Preis: Die Ängste können sich verstärken.
„Auf der Angst surfen“ und neugierig bleiben
Stelle dir Fragen wie: „Was bringt es mir, wenn ich mir Sorgen mache? “ So aktivierst du ein wirksames Gegengift gegen die Spirale aus Angst und Sorgen: die Neugier. Wichtig ist, den ganzen Körper einzubeziehen.
Der Körper wird oft unterschätzt. Unser Kopf ist laut und erhält die ganze Aufmerksamkeit, während unser fühlender Körper im Hintergrund unser Verhalten steuert. Frage dich: Was fühlt sich besser an? Hier kommt die Neugier ins Spiel.
Mit diesen beiden Ressourcen – die Angst fühlen und neugierig sein – lässt sich das eingeübte Muster ablegen, wie eine schlechte Angewohnheit.
Wie surfe ich auf meinen Emotionen?
Lass dich nicht von Emotionen überwältigen, sondern lerne, auf ihnen zu surfen wie auf einer Welle. Du zerbrichst, wenn du nicht mehr weisst, wo oben und unten ist. Strebe nach oben, zum Licht und zur Luft, um atmen zu können.
Woher weiss man, wo oben ist?
Loslassen ist der Schlüssel. Lass den Kampf los, wehre dich nicht gegen das, was passiert ist. Gegen das Schicksal. Denn das ist der erste Impuls.
Wenn du kämpfst und deine Energie im Kampf verbrauchst, ertrinkst du leicht. Lässt du los, treibt dein Körper an die Oberfläche. So sind wir Menschen geschaffen, in der physischen Welt und metaphorisch.

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Foto von Torsten Dederichs auf Unsplash
Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
06. August 2025
