Offene vs. geschlossene Systeme in Gesundheit, Medizin, Diagnostik und Therapie

Vertrauen kommt aus Offenheit und Freiheitsliebe

Vertrauen ist für mich eine der wichtigsten Eigenschaften für eine gelingende Begleitung von Menschen in der Hausarztmedizin und Psychotherapie. Das Vertrauen vom Menschen in sich selbst und seine eigenen Kräfte. Das Vertrauen, dass dieser Mensch in mich als Therapeuten und Heiler hat. Und das Vertrauen, dass ich ich in die Kräfte dieses Menschen und seine Umwelt habe. Und nicht zuletzt das Vertrauen, dass ich selbst in meine eigenen Heilkräfte besitze.
Was braucht es nun für Voraussetzungen, dass dieser ganze Vertrauenskreis wachsen kann? Besten Wachstumsbedingungen bin ich bereits in der salutogenetischen Medizin begegnet.
Hier setze ich die Offenheit im System der Heilkunst und der Gesellschaft und die freiheitliche Sicht ins Zentrum.

Wie unterscheiden sich offene und geschlossene Systeme?

Offene SystemeGeschlossene Systeme
Offen bleiben – freiheitlich, nicht autoritär. Die Mitarbeit des „Patienten“ ist gefragt, ja nötig.Geschlossene Systeme werden von Autorität, Guru, Halbheiligem bestimmt. Er/sie sagt, was Sache ist. Einteilung, Labeln geben (eine trügerische) Sicherheit. Die Mitbestimmung des Patienten ist störend (Weiterlesen)
„Hausarztdenken“: möglichst wenig einteilende Diagnostik. Der Mensch wird ganz individuell mit seiner eigenen Schattierung und in seiner eigenen (Um-)Welt gesehen.
Mit Mitgefühl („in seinem eigenen Drama“).
Anerkennung der Unsicherheit ist ein wichtiger Bestandteil des Heilweges (siehe unten).
Schwarz-Weiss-Sicht auf Patienten mit diagnostischer Einteilung, Labelvergabe. Danach hört das Denken auf und alles scheint weiter „klar“ zu sein. Keine Unsicherheit wird zugelassen.
„Eklektisch“ arbeiten: diverse Schublädchen benützen und individuellen, eigenen Mix davon ausbreiten und benützen.
Salutogenetische Haltung des Heilers/ der Heilerin (Weiterlesen).
Dogmatische Lehre, die der alleinigen Wahrheit entspricht. Findet man häufig in der sogenannten Esoterik (u.a. Numerologie, Astrologie („typisch Skorpion“), Akasha-Chronik, Eneagramm („typische 2“) – auch in der Komplementärmedizin (Homöopathie („typisch Sulfur“)…) – aber auch in der sog. Schulmedizin (paternalistische Haltung vieler Ärzte mit pathogenetischer Sicht).
Vertrauen schaffen, damit der Mensch selber seinen Weg wählen und gehen kann. Locker und liebevoll begleitet vom Therapeuten. Der suchende Mensch vertraut immer mehr seiner Selbstheilungskräften. Zentral wird Verständlichkeit und Handhabbarkeit des Prozesses. Er geht seinen Weg immer selbstständiger und wird (wieder) unabhängig.Der Mensch muss mit Bestimmtheit geführt werden, da er selbst zu schwach ist. Der Heiler misstraut den Kräften des „Patienten“. Als Resultat misstraut der Patient seiner eigenen Lebenskraft. Er wird abhängig auf einem unverständlichen Weg.
Benötigt ein Welt- und Menschbild welches durch Vertrauen geprägt ist. Glaube, dass der Mensch im Grunde gut ist.Unterstützt ein Welt- und Menschbild welches durch Misstrauen geprägt ist. Glaube, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, heisst im Grunde Schlechtes will.
Hier ist auch für unsere Gesundheit sehr wichtig, dass unsere Gesellschaft offen und freiheitsliebend (demokratisch) – und nicht autoritär, geschlossen ist. Dieser offene Geist unterstützt das salutogenetische Denken in der Medizin.Eine autoritär ausgerichtete Gesellschaft mit Schwarz-Weiss-Denken ist eine gespaltene, undemokratische Gesellschaft, die auf Misstrauen ausgerichtet ist und deshalb das pathogenetische Denken in der Medizin unterstützt.
#kindlequotes

Prozess

Ein wertvolles Werkzeug der Heilkunde ist die Konzentration auf den „Prozess“ statt auf den Inhalt. In einer Unterhaltung umfasst der Inhalt die gesprochenen Worte und Themen; der Prozess beschreibt, wie man den Inhalt vermittelt und lebt. Der Prozess führt dorthin, wo der Mensch offen ist. Dies kann den Heiler verunsichern, dies vor allem Heiler, die wenig Vertrauen in den Prozess und den Menschen besitzen, da die Kontrolle abgegeben werden muss und niemand weiss, wohin der Weg führt. Eine offene Medizin richtet ihren Fokus auch auf diesen Prozess, begleitet die Patientin über Jahre hinweg und betrachtet alle Lebensumstände umfassend, oft durch Hausbesuche. Sie erkennt das Muster, das jeder Mensch mit seiner Umgebung bildet, stets mit unscharfen Rändern. So gelangen wir zu den für die Hausarztmedizin typischen Zwischentönen.

Der dritte Bereich – die Zwischentöne

Ein Hausarzt oder eine Hausärztin braucht vor allem Neugier und die Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen. 2009 fand der europäische WONCA-Kongress der Hausärzte in Basel statt – unter dem vielsagenden Motto: „The Fascination of Complexity – Dealing with Individuals in a Field of Uncertainty“.

Hausärzte müssen die Fuzzy-Logik beherrschen, das „Sowohl-als-auch“ (englisch „as-well-as“). Zwischen „gesund“ und „krank“ oder „wahr“ und „falsch“ erkennen sie einen dritten Bereich: eine breite Grauzone, die weit über „fifty shades of grey“ hinausgeht – mit allen Farben des Regenbogens. In dieser Zwischenwelt der Medizin sind Grenzwerte, Diagnosen und sogenannte „Guidelines“ oft unscharf. Diagnosen lassen sich in der Hausarztpraxis häufig nicht eindeutig stellen, und Grenzwerte variieren von Mensch zu Mensch (man denke an die Diskussionen über den BMI oder Bluthochdruck). Leitlinien, meist von Spezialisten entwickelt, passen oft nur ungenau in die Grauzone der Hausarztmedizin. Ein lesenswerter Artikel über Guidelines beleuchtet dieses Thema genauer:
Guidelines: the new catechism of modern medicine? Levi M.; Netherl J Med 2012 (August); 70: 253-4: guidelines.pdf)

Ein guter Hausarzt kann nie ein Schwarz-Weiss-Maler sein.

Epilog 1

Gewisse geschlossene Systeme wie das Enneagramm, die Astrologie oder die Homöopathie lassen sich auch offener nutzen. Statt autoritär zu regieren, kann man sie in einem grösseren, offenen Rahmen betrachten, in dem Menschen sich selbst erkennen – oder auch nicht. Dies kann zur weiteren Erkenntnis anregen.

Doch Vorsicht! Der Machtgewinn durch geheimes Wissen über andere ist verführerisch. Erzählungen wie „stammt aus dem versunkenen Atlantis“ oder „alte Schriftrollen in einer Höhle im Nahen Osten entdeckt“, „Schrift Gottes“ und Ähnliches schliessen bereits jeden Diskurs oder Widerspruch aus. Nur wenige Auserwählte haben Zugang zu diesem „Geheimwissen“, was Therapeuten zu Gurus erhebt und ihren Narzissmus enorm steigert.

Epilog 2

Vertrauen benötigt offensichtlich ein Wissen, dass wir Menschen im Grunde gut sind und im innersten Kern noch immer den kooperativen und freundlichen Geist des Urmenschen mit uns herumtragen, der das Konzentrat von 95 Prozent der Menscheitsgeschichte als Jäger und Sammler ist. Bei Kindern sieht man dies noch viel ungeschminkter, die immer höchst emotional auf Unfairness reagieren.
Die Zauberwörter sind dabei Gleichheit, Kooperation, Freundlichkeit und ein Vermögen für jede und jeden, welches nicht zu arm und ohnmächtig macht, aber auch nicht zu reich und damit zu mächtig für eine wahre Demokratie.
Autoritäre Ausrichtung im geschlossenen System des Patriarchats, in der Plutokratie und der Diktatur schüren dagegen eher Misstrauen gegenüber dem guten Kern im Mitmenschen und sind kontraproduktiv für diese unsere „Urmenschen-Eigenschaften“. Dies kann schlussendlich zu Krankheiten führen, denen wir ausgeliefert sind und aus denen wir auch nicht wieder rausfinden.

#kindlequotes

Trage Dir und deiner Umwelt Sorge.
Bewahre deinen inneren Kern an Freundlich- und Heiterkeit.

Weitere Literatur über diese Jäger-und-Sammler-Eigenschaften, die historisch in uns schlummern:
„Mensch sein“ von Kai Michel und Carel van Schaik (auch in Sprechstunde Religion)
„Im Grunde gut“ von Rutger Bregman
„Wenn das Patriarchat in Therapie geht“ von Katharina Linnepe

Ich meide hier das politisch überstrapazierte Wort „liberal“ und bevorzuge „freiheitlich“. (Der ungarische Premier Viktor Orban spricht von einer „liberalen Demokratie“, die er errichtet. Alice Weidel bezeichnet sich selbst als „Liberale“...).

Weiterlesen über Nächstenliebe und Fremdenhass oder Fremdenliebe – Vertrauen vs. Misstrauen – Kittung vs. Spaltung – Frieden vs. Krieg

Foto von Allef Vinicius auf Unsplash

Letzte Aktualisierung durch Thomas Walser:
21. August 2025