Einsamkeit

Das Einsamkeitsbarometer des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zeigt: Die Einsamkeit in Deutschland nimmt ab, doch Millionen Menschen leiden weiterhin darunter. 2021 fühlten sich rund 11% der Bevölkerung einsam. Frauen sind stärker betroffen: 13% der Frauen und 10% der Männer gaben an, einsam zu sein.

Die Corona-Pandemie hat diesen Trend verstärkt.

Einsamkeit zieht sich durch alle Altersgruppen: 2021 waren 14% der 18- bis 29-Jährigen, 12% der 30- bis 50-Jährigen, 10% der 51-Jährigen und Älteren betroffen. 

Besonders oft sind Menschen einsam, die Angehörige pflegen oder andere Care-Aufgaben übernehmen, sowie Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrungen.

Einsamkeit der jungen Männer

Egal ob schwarz und aus einer prekären Gegend oder weiss und an einer teuren liberalen Privatschule: Alle Jungen fürchten, als schwach, verletzlich oder weiblich zu gelten. 
Und was macht das mit ihnen? 
Für viele bedeutet es Einsamkeit. Auch wenn sie viele Freunde haben und beliebt sind, fühlen sich viele Jungen einsam. Sie sprechen kaum je vertieft über ihre Gefühle, aus Angst und Scham, als schwach zu gelten. Zudem wissen sie oft nicht, wie man darüber spricht.

Einsamkeit macht misstrauisch

Torten der Wahrheit von Katja Berlin, DIE ZEIT 41/2025

Einsamkeit beeinflusst das gesellschaftliche Zusammenleben. Einsame Menschen vertrauen politischen Institutionen wie Polizei, Parteien, Politikern, dem Rechtssystem oder dem Bundestag weniger als andere.

Einsame Menschen sind grundsätzlich misstrauischer und deshalb auch eher empfänglicher für Verschwörungsideen. Der Glaube an eine Verschwörung oder auch einfach nur an eine andere Wahrheit jenseits der öffentlich behaupteten ist womöglich ein verzweifelter Versuch, sich eine unerklärliche Lage zu erklären und einen Ausweg aus einer ausweglosen Situation zu finden.

Ist nicht die Müdigkeit, das Nichtmitkommen, das Zurückgelassenwerden, das Nichtbereitsein für den Wettbewerb der kapitalistischen Welt da draussen – ist das nicht der Urgrund schlechthin für die tiefe Einsamkeit so vieler?

Mitgefühl und Respekt von uns Nicht-Einsamen, die in der Mitte der Gesellschaft stehen

Gegen die Ursache von Einsamkeit in unserer Gesellschaft kann an erster Stelle empathisches Denken stehen, Mitgefühl, offene Augen und Ohren und Sinne für die Menschen um uns herum. Meist scheint mir sogar Respekt wichtiger als Mitgefühl. Respekt ist ein Bewusstsein dafür, dass jede Person gleichwertig ist und ein Recht auf ein würdiges Leben hat. Wenn ich einen gesellschaftlichen Konsens erwirken will, in dem alle Verantwortung übernehmen, dann greift der reine Appell an die Empathie zu kurz. Denn bei der Empathie entwickle ich für bestimmte Personen Mitgefühl und für andere nicht. Sobald ich aber jemanden respektiere, dann werde ich auch verstehen, dass jene Person am Rande der Gesellschaft (also auch die Einsamen) dasselbe Recht auf Leben hat wie ich. Und Respekt kann man kultivieren oder eben nicht. In Krisen können wir die Konsequenzen des gegenwärtigen politischen Klimas beobachten, in dem der gegenseitige Respekt gefördert und gelebt wird oder eben nicht.

Gesellschaftliche Teilhabe schützt vor Einsamkeit. Konzert- oder Gottesdienstbesuche, Sport oder freiwilliges Engagement können viel bewirken. Soziale Bindungen, wie intakte familiäre Beziehungen, sind ebenfalls wichtig. In Deutschland oder der Schweiz sind diese traditionell stark. Auch niedrigschwellige Angebote in sozialen Räumen und Begegnungsstätten helfen, Einsamkeit zu bekämpfen.

Res publica

„Deshalb haben wir symbolisch die Freie Republik gegründet und einen Prozess angestossen, um das Festival zur Stadt (Wien) hin zu öffnen. Res publica als Kunst­begriff, als die allen gehörende Sache, als das, was alle angeht. Es ist wichtig, dass der Aktivismus verbunden ist mit Kunst, mit einer utopischen Gesellschaft.“(Milo Rau im Republik-Interview)
Dies stärkt nicht nur die Demokratie, sondern bekämpft auch die Einsamkeit am Rande der Gesellschaft.

Einsamkeit ist das Gefühl, dass mir die sozialen Kontakte, die ich habe, nicht geben, was ich brauche. Die Definition ist allgemein, weil Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Junge Leute haben oft viele soziale Kontakte, die aber noch nicht ausgereift sind, weil sie sich selbst noch nicht gut kennen. Sie erleben Einsamkeit anders als Ältere. Senioren haben durch ihre Lebenserfahrung bessere soziale Fähigkeiten. Sie erleben Einsamkeit, wenn sie den Lebenspartner verlieren, krank werden oder immobil sind.

So unterschiedlich die Bedürfnisse, so verschieden müssen die Angebote sein, die aus der Einsamkeit führen. Es gibt viele Projekte, etwa von Wohlfahrtsverbänden, um chronisch einsame Menschen zu unterstützen. Die Hilfe muss sich vor allem auf chronisch einsame Menschen konzentrieren. Sie treten ihrer Umwelt oft abweisend und feindselig gegenüber und können keine Kontakte mehr aufbauen. Diese Menschen brauchen aufsuchende Arbeit und psychotherapeutische Unterstützung.

Auch das sogenannte Shared Reading kann man als Therapie gegen die Einsamkeit sehen: Shared Reading ist eine geniale Methode, die seit vielen Jahren mit gemeinsamen Lesen literarischer Texte in Gruppen erstaunliche Resultate zeigt. Weiterlesen >>>

Gemeinschaftsindividuum Mensch, das „ultrasoziale“ Wesen

Man sagt nicht ohne Grund, dass der Mensch das Tier ist, das WIR sagt.

Der Mensch ist vergleichbar mit den Mammutbäumen, die trotz ihrer enormen Höhe nur sehr wenig tiefe Wurzeln haben. Diese sind aber rundum mit den Wurzeln anderer Mammutbäume verbunden und werden so sehr kräftig verankert. Nur mit dieser Nachbarschaftshilfe können diese ältesten Bäume der Erde trotz allen Stürmen 1000 Jahre und mehr leben.
Ohne seine verknüpften Wurzeln mit seiner Umgebung verkümmert auch der Mensch in Einsamkeit und wird krank.

Einsamkeit ist ein Dauerstress und macht krank

Einsamkeit beeinträchtigt auch die Gesundheit. 2021 hatten 60,7% der Menschen mit hoher Einsamkeit eine unterdurchschnittliche körperliche Gesundheit. Daher suchen auch Einsame ihren Hausarzt auf. Einsamkeit ist ein permanenter Stressor und führt zu seelischen und körperlichen Krankheiten. Selbst bestimmte Krebsarten und Herz-Kreislauferkrankungen kommen bei Einsamen häufiger vor. Einsamkeit ist auch ein wichtiger Risikofaktor für die Demenz. (Salinas J, Beiser A, Jasmeet K et al. Association of loneliness with 10-year dementia risk and early markers of vulnerability for neurocognitive decline. Neurology. 2022 Mar 29;98(13):e1337-e48. [Link]). Wichtig in diesem Zusammenhang ist hier auch, dass zur Einsamkeit neigt, wer unter einer eingeschränkten Hörfähigkeit im mittleren Alter leidet. Diese Menschen haben dann ebenfalls ein grösseres Risiko, später an einer Demenz zu erkranken. Der daraus folgende Kontaktmangel und Depressionen scheint dann ursächlich zu wirken. Das gute Hörgerät ist also auch einsamkeit- und demenzverhütend.

Was beinahe für unsere Gesundheit noch gravierender ist, dass eine soziale Isolation und Einsamkeit ein Dauerstress, dem man ohn-mächtig ausgesetzt ist und damit auch einer der grössten Risikofaktoren für chronische Entzündungen, welche als zentraler Motor vieler Krankheiten und der Fatigue gelten (Metastudie). Weiterlesen >>>

Hausärzte sollten Einsamkeit direkt ansprechen, wenn ein Vertrauensverhältnis besteht. Keine falsche Scheu. Das Thema muss raus aus dem Stigma. Einsamkeit ist wahrscheinlich nichts Schlechtes, sondern etwas, das wir alle kennen und das uns die Evolution eingeimpft hat. Richtig schlimm wird es, wenn die Einsamkeit chronisch wird.

In diesem Sinne wünsche ich Menschen, dass sie sich Hilfe holen können oder andere ihnen helfen, Hilfe anzunehmen, wenn sie sich einsam fühlen.

Foto von Kristina Tripkovic auf Unsplash

Letzte Aktualisierung:
10. August 2024