Geh an die Orte, vor denen du dich fürchtest!

„Fliehe vor dem, was bequem ist. Vergiss die Sicherheit. Lebe dort, wo du Angst hast zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt. Ich habe lange genug versucht, klug zu planen. Von nun an werde ich verrückt sein.“ ~ Rumi

Komfort und Sicherheit sind die verlockenden Ersatzprodukte des Egos für „das Echte“. Ich werde Komfort, Miswanting und Sicherheit auch in Zeiten von nahen Kriegswirren suchen und es wird mich immer wieder enttäuschen. Obwohl sie immer versagt haben, renne ich immer noch mit pathetischer Beharrlichkeit hinter ihnen her: dieses Mal, dieses Mal …

Die drei grossen Orte unserer Ängste.

Die drei grossen Orte der Angst des Menschen  sind:

  • Angst vor dem Tode.
  • Angst, verlassen zu werden.
  • Angst, nichts wert zu sein.

Sie sind in jedem Krieg schmerzlich, unverdeckt und ungeschminkt im Zentrum.
Sie sind aber auch ohne Krieg immer mit Dir, mehr oder weniger, verdeckt oder bewusst.
Das angstmachende Unwägbare unserer Welt schürt sie alltäglich. Die meisten wichtigen Erfahrungen widerfahren uns, ohne dass wir sie geplant oder uns für sie entschieden hätten. Wir sind der Wirklichkeit ausgesetzt, wie der Mönch am Meer in Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde. Verliebtheit, Krankheit, Naturkatastrophen, Krieg, Pandemien, oft auch die Geburt des Nachwuchses, sind Ereignisse, die in den „normalen“ Alltag einbrechen und das Leben von Grund auf verändern.
Obwohl sich viele Menschen im satten Westen über die Ereignislosigkeit ihres Lebens beklagen, tun sie alles, um sich das Leben bis in den letzten Winkel verfügbar zu machen. Um alles unter Kontrolle zu haben, lebt man gesund, plant die Zukunft und sichert sich gegen alle Unwägbarkeiten ab. Falls dies einmal nicht gelingt, ist man für alle Fälle gewappnet.
Man könnte die Kultur als einen riesigen Apparat verstehen, der die Macht des Zufalls und das Eintreten von unerwarteten Ereignissen verhindern und ihre allfälligen Folgen abfedern soll. Mythen waren vielleicht die ersten Versuche der Menschheit, sich gegen den Absolutismus der Wirklichkeit (Hans Blumenberg) abzusichern. Später kamen Religion, Wissenschaft, Erziehung und Medizin hinzu, um nur einige der Abwehrstrategien zu nennen. In der Philosophie gab und gibt es aber immer auch Versuche, die Unverfügbarkeit des Glücks, des Todes, der Lebensgestaltung, ja selbst des Wissens zu denken – von den Stoikern der Antike über den amerikanischen Pragmatismus bis zum Existentialismus. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts hatte das „Ereignis“ Hochkonjunktur, weil sich darin etwas zeigen soll, was durch die alltäglichen Routine verstellt ist. Aber auch auf einer viel trivialeren Ebene suchen wir in Zeiten des gefügig gemachten Lebens in Meditationskursen, Extremsportarten oder Horrorfilmen das Hereinbrechen dieser angstmachenden Ereignisse.
Aber trotzdem werden die Ängste davor zur Gewohnheit, diese gefangene Energie zerstörerisch und kommt im schlimmsten Fall als Panikattacke oder generalisierte Angststörung zurück. 

Häufig bauen wir auch ein Abwehrsystem auf.

Wir versuchen auch Kontrolle über unsere Ängste, personifiziert in der Angst vor dem  Andersartigen, dem Fremden, zu erlangen und beginnen die Welt um uns in Gut und Böse einzuteilen, in Schwarz und Weiss. Wir beginnen ab- und auszugrenzen, werden zu Nationalisten, Rechts- oder Linksextreme.
Diese abgrenzende Schwarz-Weiss-Malerei trifft man überall an: Wir werden Anhänger einer Sekte – oder auch nur schon Veganer und fühlen uns ganz „anders“ als die Mehrheit der Mitmenschen: ausgeschlossen, aber auch meist viel besser, edler…

Genie als Ausweg aus der Angst.

Superstars wie Jay-Z oder Kendrick Lamar sind an Orten aufgewachsen, an denen nicht einmal ihr Überleben garantiert gewesen ist. Orte denen man nur als aussergewöhnliches Genie entkommen kann, weil es so etwas wie Chancengleichheit nicht gibt.

„Ich habe Jay-Z einmal interviewt, und er wäre meiner Meinung nach in jedem Bereich herausragend gewesen, ob als Anwalt oder Manager. Es zeigt nur, was man draufhaben muss, um einen Ort wie die Marcy Projects zu überwinden. Und das Leben sollte so nicht sein. Man sollte nicht aussergewöhnlich sein müssen, um zu überleben.“ (die britische Schriftstellerin Zadie Smith).
Man kann also in angstmachenden Orten aussergewöhnlich wachsen, selbst ein Genie werden, um zu „überleben“! Wie machen die das?
Philosophen formulieren es so: Diese Grundängste können dich, wenn bewusst erlebt, auch wie Freundinnen immer wieder darauf hinweisen, dass ein „höheres Selbst“ (auch Spiritualität oder Übersinn genannt), welches über unser Ego hinausgeht, nicht sterben kann, nicht verlassen werden kann und immer den „grössten Wert“ ausmacht.

Sind also Stress und Angst Gewohnheiten wie Rauchen oder schlechte Ernährung?

Kann ich mir deshalb Angst abgewöhnen wie Rauchen? (Theresa Bäuerlein im Krautreporter) Ja, sagt der Psychiater und Neurowissenschaftler Judson Brewer: Angst kann man auch als ein Gefühl von Nervosität oder Unruhe denken, dieses Unbehagen, das man fühlt, wenn man sich etwas vorstellt, das man nicht unter Kontrolle hat. Dieses Gefühl löst dann ein bestimmtes Muster aus. Zum Beispiel fängt man an, sich Sorgen zu machen und verstrickt sich immer mehr in grübelnde Gedanken. Dieses Verhalten wird zur Gewohnheit.
Wir bekommen für dieses Muster eine „Belohnung“, nämlich das Gefühl, etwas zu tun. Wir bekommen die Illusion, dass wir die angstauslösende Situation besser kontrollieren können.
„Wenn wir ein unangenehmes Gefühl haben, löst es gewohnte Muster aus, mit denen wir das Gefühl schwächen oder auslöschen wollen. Wir fangen zum Beispiel an, zu grübeln und uns Sorgen zu machen. Das kann sich anfühlen, als würden wir tatsächlich etwas tun, um mit der Situation umzugehen. In Wirklichkeit lenkt es uns ab und gibt uns ein Gefühl von Kontrolle, auch wenn wir eigentlich keine haben.“
Judson Brewer meint, dass dieses Muster deshalb so erfolgreich ist, weil es uns davon abhält, die Angst wirklich zu spüren. Der Preis dafür ist jedoch, dass sich die Ängste weiter steigern können.

„Auf der Angst surfen“ und neugierig sein!

Man kann sich Fragen stellen, zum Beispiel: „Was habe ich davon, wenn ich mir Sorgen machen?“ und so ein wirksames Gegengift gegen die Spirale aus Angst und Sorgenmachen aktivieren: die Neugier. Wichtig dabei, so Brewer, sei es, den ganzen Körper mit einzubeziehen.
„Der Körper wird sehr unterschätzt. Unser Kopf ist ziemlich laut, deshalb kriegt er die ganze Anerkennung für alles. Währenddessen zieht unser fühlender Körper hinter den Kulissen die Hebel für unser Verhalten. Als Nächstes können wir uns also fragen: Was fühlt sich besser an? Hier kommt Neugier ins Spiel.“
Mithilfe dieser beiden Ressourcen – die Angst fühlen und neugierig sein – lässt sich das eingeübte Muster nach Brewers Erfahrungen abgewöhnen, so wie eine schlechte Angewohnheit. (Quelle: Silke Jäger in piqd.de)

Wie surf ich auf meinen Emotionen?

Lass Dich nicht umhauen von den Emotionen, sondern lerne, auf ihnen zu surfen wie auf einer Welle. Du zerbrichst daran, wenn du nicht mehr weisst, wo oben und unten ist. Ich muss nach oben streben, zum Licht und zur Luft, um atmen zu können.
Woher weiss man, wo oben ist?
Loslassen ist der Schlüssel. Man lässt den Kampf los, wehrt sich nicht mehr gegen das, was passiert ist. Gegen das Schicksal. Denn das ist der erste Impuls. 
Wenn du kämpfst und deine Energie im Kampf verbrauchst, ist es kaum möglich, nicht zu ertrinken. Wenn du loslässt, treibt dein Körper an die Oberfläche. So sind wir Menschen geschaffen, in der physischen Welt, aber auch metaphorisch.

Photo by Melanie Wasser on Unsplash

Veröffentlicht am 05. März 2022 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
14. März 2022

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