Gurumedizin!

Es ist mir ein Anliegen, etwas zur Gefahr der „Guru-Mentalität“ (Hybris) gewisser Komplementärtherapeut*innen oder Ärzt*innen zu schreiben – und auch zum „Guru-Charakter“ gewisser Therapieformen.

Was sich salutogenetisch ausgibt, ist absolutistisch pathogenetisch!

Ich spreche hier von Methoden, die ein „Guru“ anwendet, das heisst ein Mensch, der etwas absolutistisch behauptet, das niemand sonst nachweisen oder nachempfinden kann oder mittels Studien reproduzierbar und zu verifizieren wäre. Man muss es also schlicht und einfach „glauben“.
Damit ist jede Mitarbeit und Mitverantwortung des Klienten ausgeschlossen. Der „Patient“ wird zum passiven Gläubigen, der hinnimmt.

Guru-Therapeut*innen glauben im Grunde, dass der Mensch zu schwach zur Selbsthilfe ist. Sie misstrauen den Selbstheilungskräften des Klienten.
Machtansprüche und Unfehlbarkeit können Triebfedern auf Therapeut*innenseite sein – Narzistische Störungen sind unter ihnen weitverbreitet.

Weiterlesen: Welches Menschenbild hat meine Therapeut*in?

Glaubensdiagnosen und exotische Therapien

In der Homöopathie tummeln sich viele Gurus. Es existiert aber auch sonst ein Wildwuchs von verschiedensten „Guru-Therapien“ und „Guru-Therapeut*innen“.
Zum Beispiel wird mit einem (sehr teuren) „Diagnosegerät“  – nach Stellen einer „Glaubensdiagnose“ (zum Beispiel – und sehr häufig: „Weizen- oder Milchallergie“, „Übersäuerung“, „Verschlackung“, „Mangel“ an diesem und jenem, etc…) – meist mehrere „therapeutische“ Anwendungen dagegen durchgeführt … und zum Schluss sagt der Guru, dass es nun gut und geheilt sei!
Das Vorher und Nachher ist nicht nachempfindbar. Man kann es nur glauben! Häufig werden unspezifische, psychosomatische Allerweltssymptome „therapiert“, die auch prompt und meist vorübergehend auf das Ritual der  „magischen Behandlung“ ansprechen. Amen!
Übrigens lernt der selbsternannte Guru die Anwendung eines solchen Gerätes oft in wenigen Stunden…

Copyright beim Tages-Anzeiger, 01.09.2020

Weitere typische Beispiele:

  • Lassen Sie sich nicht den Genuss am Leben vergällen und madig machen, z.B. von Therapeut*innen, die ein Bild vom „Menschen als Müllhalde“ haben, der entgiftet werden muss (Darmspülungen, Entgiftung, Trinkkuren, Ausleitung, Dauerbrause, Detoxikationen…), die ein Horrorszenario von Umweltgiften, Pilzen und Mikroorganismen ausmachen – „madig“ eben… Gurus beschäftigen sich oft mit „Entgiftung und Entschlackung“ unseres so unreinen Körpers…
    Dies können wir kosten- und Nebenwirkungsfrei selbst in jeder unserer Körperzelle mittels der wunderbaren Autophagie anregen: walserblog.ch/2019/01/12/detox-intervallfasten/
  • Sie lobpreisen auch Mittel oder Therapien gegen „Übersäuerung des Körpers“ und verkaufen Urintests dazu und Basenpulver, etc. – dabei hat unser Körper starke Selbstkräfte, die unseren Säure-Basen-Haushalt stets im Gleichgewicht halten – und fleischlos essen mit viel Gemüse und Früchte ist das Allerbeste!
    walserblog.ch/2021/08/19/uebersaeuerung/
  • Gegen Elektrosmog und Wasseradern benötigt man keine teuren Abschirmungen. Falls man das Gefühl hat, sensibel darauf zu sein, findet man im Internet auch Bastelanleitungen für wenig Geld. Das Bett verstellen oder den Radiowecker, das Freihandtelefon, den Router und Repeater ausziehen und das Smartphone nachts in den Flugmodus setzen, kann schon reichen.
  • Diätpläne müssen nicht teuer erkauft werden (ernaehrung/). Auch Fitness nicht (bewegung/; jogging/). Anti-Aging auch nicht (anti-aging/).
  • Mangelvorstellungen sind in diesem Umfeld auch sehr häufig: Es fehlt an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen,… Wieder eine potentielle Schwächung unseres Selbstbildes („Ich bin voller Schlacken, übersäuert und es fehlt mir dazu noch Einiges…!“). Keine Salutogenese!
  • Nicht gegen alles und jedes impfen – aber auch nicht nichts: Individuell entscheiden ist hier wichtig (www.impfo.ch)!

„Aber mir hat es doch geholfen!“, 

ein Ausspruch, der immer mal wieder in Mail-Kommentaren steht (aus piqd.de: www.piqd.de/gesundheit/bin-ich-krank/). Immer dann, wenn wir in einem unserer Texte über eine Therapie oder einen Test berichtet haben, der zwar stark beworben wird – aber nicht funktioniert. Im besten Fall. In vielen Fällen macht Pseudo-Medizin nicht nur nicht wirklich gesund, sondern kränker, ärmer oder es wird verhindert, dass sich ein Mensch einer erprobten Behandlung der wissenschaftlichen Medizin unterzieht. 

Wenn wir in unseren Texten dann aber die Fakten anführen, warum eine angeblich rettende Therapie, ein „Wundermittel“ eben keine sind, nehmen dies Leser in ihren Rückmeldungen an uns als – höflich formuliert – überheblich, arrogant und fern ihrer Realität war. 

Hier die ausführlichere Antwort des MedWatch-Team:

Der „Gute Guru“!

Ein Guru ist ursprünglich ein spiritueller Lehrer (im Hinduismus oder im tantrischen Buddhismus). Und eine sehr wichtige Eigenschaft eines wahren Gurus ist es, dazu zu stehen, dass man nicht alles wissen kann, nicht zu allem eine Antwort hat. Dazu Pema Chödrön:
„Raum für Unwissenheit zu lassen, ist das Wichtigste von allem. Wenn es eine grosse Enttäuschung gibt, wissen wir nicht, ob das das Ende der Geschichte ist. Vielleicht ist es nur der Anfang eines grossen Abenteuers. So ist das Leben. Wir wissen gar nichts. Wir nennen etwas schlecht; wir nennen es gut. Aber in Wirklichkeit wissen wir es einfach nicht.“

Es hat etwas zutiefst Erregendes zu sagen: „Ich weiss nicht“, es gibt ein unmittelbares Gefühl der Freiheit, das mit dieser Aussage der Tatsache einhergeht. Das Nichtwissen ist Stärke. Manche könnten fragen: „Wie kann das Nichtwissens Stärke sein: es erfüllt mich mit Angst?“ Nun, Nichtwissen ist Stärke, solange dieses „Nichtwissen“ fest damit verbunden ist, dass dies ein wohlwollendes Universum ist und dass alles, was mir geschieht, gut und für mich ist.
Uns Ärzt*innen und Therapeuten tut es sehr gut und stärkt uns, auch sagen zu können „Ich weiss es nicht!“ – und nicht immer „Besserwisser“ zu spielen, also eine (falsch verstandene) Guru-Mentalität einzunehmen!

„Alles in der Welt war mein Guru.“

Zum Ende dieses Blogs frage ich mich, wer denn meine Lehrer sind und waren. Und meine Antwort war die gleiche wie die von Ramana Maharshi in der letzten Überschrift:
Alle, die ich je getroffen habe! Es ist eine wunderbare Art zu leben, jeden und alles als einen liebevollen Lehrer zu sehen. So sind auch alle meine Patient*innen meine Gurus, meine Freunde, meine Lebenspartnerin (vor allen!) und Kinder (ja, genau die!), aber auch meine „Feinde“ (hab ich die überhaupt?) – und selbst die pathogenetisch ausgerichteten, oben arg kritisierten Ärzte und Therapeuten. Und so wird auch kein „Guru“ allein zur Obsession…
Alle waren meine Gurus und gaben mir etwas und viel. Alles, was mir begegnet ist FÜR mich.

Veröffentlicht am 25. August 2021 von Dr. med. Thomas Walser
Letzte Aktualisierung:
19. September 2021